Vom Erfinden der Reichtümer

SIEBEN TAGE, SIEBEN NÄCHTE: Wirecard und Bitcoins

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

»Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Mit diesen Worten wies Bertolt Brecht nicht nur darauf hin, welch überlegene Mittel der Kapitalismus jenen an die Hand gibt, die sie ganz legal nutzen - überlegen im Verhältnis zu jenen Personen, die ihr Geld mit Einbrüchen bei den legal Wirtschaftenden machen. Zudem kann man sie als Kritik an der gesellschaftlichen Praxis lesen, Verbrechen und Skandalen große Aufmerksamkeit zu schenken und weniger dem kapitalistischen Alltag.

Diese Praxis zeigt sich derzeit am Fall Wirecard, dem größten Wirtschaftsbetrug in der Geschichte der Bundesrepublik, zu dem es einen eigenen Untersuchungsausschuss gibt, vor den am Freitag sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel geladen wurde. Wirecard war einst ein deutsches Vorzeigeunternehmen aus dem Bereich Internet-Finanzdienstleistungen. Es bot Lösungen für elektronischen Zahlungsverkehr, Risikomanagement und die Herausgabe von Kreditkarten. Die Wirecard Bank AG verfügte sogar über eine Banklizenz für Deutschland. Irgendwann kam heraus, dass das Management Einnahmen erfunden hatte. Am 25. Juni 2020 meldete Wirecard Insolvenz an, nachdem 1,9 Milliarden Euro irgendwie »fehlten«. Nun geht der Streit darum, wer besser hätte aufpassen müssen, wer hier versagt hat, wer weggeschaut und wer betrogen.

So weit der deutsche Skandal. Während die Wirecard-Chefs also wohl ein paar Milliarden Euro erfunden haben, werden an anderer Stelle ganz andere Summen aus der leeren Luft geschöpft, und zwar ebenfalls im Bereich Internet-Zahlungsverkehr: Die Rede ist von sogenannten Digitalwährungen oder Kryptogeldern wie Bitcoin oder Dogecoin. Es ist ein bisschen schwierig zu erklären, worum es sich dabei handelt, denn die »digitalen Gelder« sind zwar digital, aber eben kein Geld. Mit diesen könnte theoretisch im Internet bezahlt werden, nur findet das nicht statt.

In diesem Sinne haben Bitcoin & Co keinen Zweck. Das hält aber die Finanzmärkte nicht davon ab, auf sie zu spekulieren. Und wie! Ein Bitcoin kostete vor fünf Jahren noch 400 Dollar, vor einem Jahr 7000 und derzeit etwa 45 000 Dollar. Alle existierenden Bitcoins addiert sind inzwischen etwa eine Billion Dollar »wert«. Der Neuling Dogecoin kommt auf etwa 200 Milliarden. Alle »digitalen Währungen« addiert kosten aktuell 2,25 Billionen Dollar - also 2250 Milliarden Dollar für etwas, das niemand benutzen und mit dem man sich noch nicht einmal die Wände tapezieren kann. Die Nachfrage nach den Kryptopseudogeldern existiert allein durch die Spekulation darauf, dass ihre Preise weiter steigen. Um die Nachfrage aufrechtzuerhalten, muss der Preis aber auch steigen - sollte Bitcoin es nicht schaffen, nachhaltig über die 60 000-Dollar-Marke zu springen, droht dem Aufschwung die Puste auszugehen, warnte diese Woche die US-Bank JP Morgan Chase.

Verboten ist das nicht, warum auch? Es hat ja niemand behauptet, Kryptowährungen wären zu irgendetwas nutze.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung