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Warten auf Vakzine

Betriebsärzte sollen sobald wie möglich Belegschaften gegen das Coronavirus impfen können

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf die Frage nach einem Impfstart in Unternehmen hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Ende März darauf verwiesen, dass noch zu wenig Impfstoff verfügbar sei. Nach den regionalen Impfzentren sind inzwischen die Arztpraxen in die Immunisierung eingebunden, und für beide reichen bis heute die verfügbaren Impfdosen nicht aus. Bei den beiden Orten sollte man es belassen, so Spahn, damit nicht jüngere Mitarbeiter von Unternehmen schon geimpft würden, solange Ältere noch nicht geschützt sind. Einige Wochen später versprach Spahn, dass die Betriebsärzte ab Juni impfen dürften. Gespräche des Bundesministeriums für Gesundheit mit Verbänden von Arbeitgebern und Betriebsärzten stehen nun kurz vor dem Abschluss, eine Novelle der Impfverordnung steht in Aussicht.

Die Knappheit der Impfstoffe zeigte sich auch beim mühsamen Start der beiden ersten Pilotprojekte: Eines läuft etwa seit Mitte April bei BASF in Ludwigshafen. Hier läge die Tageskapazität bei 600 Impfungen, hieß es von Unternehmensseite. An diesem Standort arbeiten fast 40 000 Mitarbeiter des Chemiekonzerns. Aktuell können 30 Werksärzte pro Tag immerhin schon 500 Dosen verabreichen. Bereits am 30. März hatte Volkswagen ein Modellprojekt in Sachsen gestartet und Mitarbeiter mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft, nach wenigen Tagen wurde dann auf Biontech gewechselt. Hier wurden in den ersten Wochen nur wenig Dutzend Dosen verabreicht.

Weitere Pilotprojekte starteten in Baden-Württemberg in dieser Woche, unter anderem bei dem Kühlschrank- und Kranhersteller Liebherr. Zusätzliche Unternehmen sollen im Mai dazukommen. Ebenfalls für den kommenden Monat wurden in Niedersachsen Modellbetriebe ausgewählt. Alle beteiligten Firmen sind verpflichtet, die Daten der Geimpften an das jeweilige lokale Impfzentrum oder das Robert-Koch-Institut zu melden. Ebenso gilt, dass sich die Beschäftigten den Impfstoff nicht aussuchen dürfen und auch in den Werken die allgemeine Impfpriorisierung gilt, also die Ältesten zuerst versorgt werden. Laut Minister Spahn soll die Priorisierung ab Juni aufgehoben werden. Spätestens dann wollen viele Unternehmen, die jetzt noch warten, diejenigen Mitarbeiter zuerst versorgen, die in der Produktion nur in Präsenz arbeiten können. In sechs Bundesländern sind wegen knapper Impfstoffe (noch) keine Pilotprojekte geplant. Dazu zählen Berlin, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

In Bayern hatte die Landesregierung angekündigt, Betriebsärzten bis zu 50 000 Impfdosen zur Verfügung stellen zu wollen. Das ist offenbar gelungen, der versprochene Impfbeginn erfolgte tatsächlich in dieser Woche. Dafür wurde in jedem Regierungsbezirk ein größeres Unternehmen ausgewählt, insgesamt sind es zehn. Im Mai sollen weitere Betriebe hinzu kommen. Ein Sonderkontingent Impfdosen erhielt die von Covid-19 besonders stark betroffene Region Hof, dort können die 20 größten Betriebe seit Dienstag impfen. Dabei kommen mobile Teams mit Ärzten der Bundeswehr zum Einsatz, die Firmen entscheiden, wer aus der Belegschaft dabei bedacht wird. Hier haben meist Mitarbeiter aus der Produktion Priorität.

Doch auch über Modellprojekte hinaus zeigt sich die deutsche Wirtschaft impfbereit. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass bei einer mehr oder weniger durchgeimpften Belegschaft die Notwendigkeit, ständig wieder zu testen, deutlich sinken dürfte. Zumal von vielen Beschäftigten die Tests nicht besonders stark nachgefragt wurden.

Bei einer »Handelsblatt«-Umfrage unter den 30-Dax-Konzernen und 30 großen Familienunternehmen erklärten alle Firmen, sie hätten ihre Vorbereitungen für die Impfaktion bereits abgeschlossen. Bis zu 1000 Mitarbeiter könnten täglich bei dem Autozulieferer Continental in Deutschland geimpft werden, so ließ das Unternehmen schon vor fast zwei Wochen verlauten.

Bei Bayer Leverkusen würde man die Impfungen gern auch Mitarbeitern von Fremdfirmen an den eigenen Standorten sowie Familienangehörigen anbieten wollen. Der Versicherungskonzern Allianz hatte ebenfalls schon Mitte April 27 Impfstraßen an seinen 15 größten Standorten vorbereitet. Die Deutsche Telekom verspricht, dass sie innerhalb von acht Wochen 80 Prozent ihrer etwa 100 000 Mitarbeiter in Deutschland impfen könne. RWE wiederum verweist darauf, dass die eigenen 17 Betriebsärzte pro Tag bis zu 100 Beschäftigte impfen könne - wenn man dann in zwei Wochen mit der Belegschaft fertig wäre, könnten auch die Familien der Mitarbeiter folgen. Die Mitversorgung der engeren Angehörigen der Belegschaften wird auch bei einigen sogenannten Familienunternehmen bereits geplant, darunter etwa Oetker und Würth.

Ein Hindernis für eine schnellere und umfassendere Einbindung der Unternehmen in die Impfkampagne ist die Befürchtung in der Politik, dass dann eine Debatte über die Privilegierung der großen Unternehmen ausgelöste werden könnte. Jedoch sind auch schon Unternehmenskooperationen für die Immunisierung gegen Sars-CoV-2 geplant, da vielerorts nicht nur Kapazitäten für die entsprechende Infrastruktur fehlen, sondern auch, weil es keine eigenen Betriebsärzte gibt.

Insgesamt haben in der Bundesrepublik 12 000 Betriebsärzte Zugang zu den 45 Millionen Beschäftigten. In einem Teil der Firmen gibt es Erfahrungen mit Grippeschutzimpfungen sowie mit Impfungen vor Geschäftsreisen ins Ausland.

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