Die Masken sind gefallen

Auch wenn es nicht den Anschein hat: Die Pandemie enthüllt mehr, als sie verdeckt. Zum Beispiel die Verwundbarkeit unserer Systeme

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 6 Min.

Hej, wie geht es dir«, fragte mich kürzlich die Edeka-Verkäuferin am Käsestand und wollte zudem wissen, ob ich jetzt viel im Homeoffice arbeite. Verrückt, dachte ich, Edeka biedert sich verkaufsfördernd auf Ikea-Art an. Nach zwei Minuten stellte sich heraus, dass die Verkäuferin die Tochter meiner Nachbarin ist. Wir haben lange Tür an Tür gewohnt, aber ich war ihr noch nie maskiert begegnet.

Wir sind auch vor Corona nur selten unmaskiert durch die Welt gelaufen, jetzt jedoch haben wir ein erkennungsdienstliches Problem dazu bekommen. Die körperdistanzierte Art und Weise, in der wir uns begegnen, erhält durch die Tatsache, dass wir auch noch unser Gesicht verhüllen müssen, eine unheilvolle Weihe. Unser ganzes Signalsystem ist durcheinandergeraten. Und unser Mitgefühl wird auf harte Proben gestellt. Mit Gefühl allein ist der Situation nicht beizukommen. Wir müssen Abstand halten und stellen fest, dass die damit einhergehende Einsamkeit uns der Gefahr aussetzt, den Rahmen unserer Möglichkeiten mehr und mehr zu schrumpfen.

Den großen Themen und Problemen, die uns trotz Corona nicht weggelaufen sind, haftet eine gewisse Bedeutungslosigkeit an. Fürs Klima können wir gerade nicht auf die Straße gehen, die sozialen Verwerfungen im eigenen Land haben Ausgangssperre und sind noch mehr als vorher schon die Sorgen anderer, das Kriegsgedröhn an verschiedenen Stellen der Welt gerät noch weniger zum Aufmacher des Tages, und dass unsere Impferfolge immer auch die Impfdefizite in den ärmeren Ländern der Welt spiegeln, wissen wir, aber wir wollen diese Impfungen. Unbedingt!

Die Pandemie hat uns auf die harte Tour eine ganze Menge gelehrt. Auch Gutes.

Tatsächlich sind wir keine Bevölkerungshorde, bestehend nur aus Verbraucherinnen und Verbrauchern, deren größtes Vergnügen darin liegt, an einem verkaufsoffenen Sonntag shoppen zu gehen. Auch wenn uns das so vehement eingeredet worden ist und wir inzwischen selbst in Bundestagsreden andauernd so genannt werden. Wir waren Wählerinnen und Wähler, wenn es etwas zu gewinnen, Bürgerinnen und Bürger, wenn es etwas zu belehren gab, und Verbraucherinnen und Verbraucher in der restlichen Zeit. Was sich anfänglich wie reine Ersatzbefriedigung fürs Einkaufen darstellte, hat vielen einen Aha-Effekt verschafft. Mit Abstand betrachtet scheint es ganz gut für die geistige Hygiene zu sein, seine Zeit anders zu verbringen.

Dem steht gegenüber, dass unsere Innenstädte vielerorts nackt und unmaskiert zeigen, wie sehr sie in den vergangenen Jahrzehnten auf genau dieses eine »Vergnügen« getrimmt worden sind. Wer jetzt in Berlin über den Potsdamer Platz geht, braucht bei Netflix nicht mehr nach Filmen schauen, die »Dawn of the Dead« oder so ähnlich heißen. Die Malls, die nach Bäumen oder Quartieren benannten Einkaufscenter, die brutalen Alexas und kathedralenähnlichen Quartiere, die teuren Meilen und hässlich-gigantischen Konsumtempel an den Ausfahrten der Stadt - tote Zonen. Auf dem Land sind sie vielerorts so etwas längst gewohnt. Wir in der Stadt klagen auf hohem Niveau.

Tatsächlich haben sich Nachbarschaften und Familien in ihrem umfassenden, sozialen Sinn oft als sehr belastbare Krisenmanagerinnen erwiesen. Auch wenn die Zettel an den Haustüren, auf denen die einen - noch mobilen - den anderen - weniger mobilen - Menschen Hilfe und Unterstützung anbieten, weniger geworden sind.

Dem steht gegenüber, dass die Pandemie in einer nicht erschreckenden, weil erwartbaren, aber dann doch wuchtigen Art und Weise gezeigt hat, wie groß die sozialen Gefälle in unserer Gesellschaft sind. Die Studie des Robert-Koch-Institutes hat bestätigt, was wir wussten: In sozial und existenziell prekären Verhältnissen wird mehr und früher gestorben. Die schon vorher Abgehängten sind noch weiter ins Abseits geraten. Deren Kinder werden die Folgen davon in ihr Erwachsenenleben schleppen und damit schlecht leben müssen.

Tatsächlich hat unser Gesundheits- und Pflegesystem bisher den immer größeren Einschlägen halbwegs standgehalten.

Dem steht gegenüber: Das ist nicht wegen der Politik der vergangenen Jahrzehnte, sondern trotz dieser Politik so. Wir haben es jenen zu verdanken, die sich - nicht ausreichend bezahlt, nicht genügend personell ausgestattet, nicht annähernd adäquat mit Anerkennung bedacht - dafür aufreiben und aufbrauchen. Und wir müssen damit leben, dass so viele alte, pflegebedürftige Menschen an Corona gestorben sind, weil die Systeme ihnen nicht! ausreichend Schutz bieten konnten.

Tatsächlich sind wir weiter- und fürderhin mehr als ausreichend grundversorgt und somit wohlhabend im Wortsinn. Engpässe - jenseits von Schnelltests, Masken, Impfstoffen - haben wir selbst geschaffen, zum Beispiel, indem wir auf die Idee kamen, Toilettenpapier zu horten.

Dem steht gegenüber, dass in den Schlachthöfen und jetzt auf den Spargelfeldern - der Beispiele sind viel mehr - Menschen für prekären Lohn und unter schlimmen Arbeitsbedingungen für uns das Zeug ranschaffen, das wir für Wohlstand halten oder als Wohlstand gewöhnt sind. Unsere Solidarität mit diesen Menschen ist temporär groß gewesen und speiste sich zum Teil aus der Erkenntnis, dass wir uns im Supermarkt und an der Fleischtheke wie die Kannibalen von der in Niedriglohnsklaverei erbeuteten lebendigen Arbeit anderer nähren. Das tun wir immer, aber nicht immer sind die Löhne und Arbeitsbedingungen derartig schlimm. Wir hätten es gern schöner, aber es raubt uns nicht den Schlaf. So, wie es uns nicht den Schlaf geraubt hat, dass in den Lagern anderswo Geflüchtete unter erbärmlichen Bedingungen leben, und während wir uns im Homeoffice quälten oder einrichten konnten, die Grenzen zu Europa noch dichter gemacht wurden, als sie sowieso schon waren.

Tatsächlich lernen viele von uns den Wert des Öffentlichen und Gemeinwohlorientierten anders zu schätzen als zuvor. Und lernen auch: Es war schon immer eine große Lüge, dass der Markt alles richten und jedes Problem am Ende lösen zu können. Ein funktionierender, öffentlicher, finanziell gut ausgestatteter, moderner Gesundheitsdienst ist uns nun doch fast eine Herzensangelegenheit geworden.

Dem steht gegenüber, dass wir bislang tatenlos zugesehen und geduldet haben, wie uns die Fundamentalökonomie nach und nach privatisiert, aus Kostengründen gleich ganz weggespart, in Public Private Partnerships überführt, unter dem Arsch weggeschrumpft wurde. In ländlichen Regionen Sachsens bekommen über 80-Jährige Impfangebote, für die sie 100 Kilometer mit dem Auto fahren müssen. Wenn sie ein Auto haben. Und zwar nicht, weil da jemand große Freude daran hat, andere zu schikanieren, sondern weil die Infrastruktur ist, wie sie ist.

Tatsächlich sind wir uns der Verwundbarkeit unserer Systeme und unserer sozialen Beziehungen bewusster geworden.

Dem steht gegenüber, dass uns vielleicht wieder der Mut verlässt, dann auch wirklich Veränderung mit all ihren Unwägbarkeiten zu wollen. An der Gelegenheit dazu wird es nicht mangeln.

Es ist schon sonderbar, wie viele Masken in dieser Maskenzeit gefallen sind. Aber, wie Heiner Müller mal sagte: Der Weg ist nicht zu Ende, wenn das Ziel explodiert.

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