Pokalsieg für die Konterkönige

RB Leipzig bleibt gegen eiskalte Dortmunder weiter ohne Titel. Beim neuen Titelträger fließen Tränen

  • Von Matthias Koch
  • Lesedauer: 4 Min.
Nach elf Jahren bei Borussia Dortmund wird Lukasz Piszczek (oben) in Kürze seine Karriere beenden. Weil er sich noch einmal Pokalsieger nennen darf, brachen nach dem Abpfiff in Berlin die Emotionen durch.
Nach elf Jahren bei Borussia Dortmund wird Lukasz Piszczek (oben) in Kürze seine Karriere beenden. Weil er sich noch einmal Pokalsieger nennen darf, brachen nach dem Abpfiff in Berlin die Emotionen durch.

Minuten nach dem DFB-Pokalfinale zwischen RB Leipzig und Borussia Dortmund versuchte Edin Terzic, sich verbal ein bisschen Luft zu verschaffen. »Wir wollen als Pokalsieger in der Meisterschaft noch sechs Punkte holen. Aber bitte gönnt uns diesen einen Abend, um diesen unglaublichen Moment zu genießen«, sagte der Dortmunder Trainer. Was diesen Worten in der Nacht zu Freitag folgen würde, konnte man direkt im Anschluss erahnen. Die Borussen-Elf marschierte geschlossen im Medienraum auf und verpasste Terzic unter feuchtfröhlichen Gesängen gleich mehrere Bierduschen.

Die Dortmunder hatten zuvor auch ihren Gegnern aus Leipzig, zumindest vom Ergebnis her, eine weitere kalte Dusche verpasst. Nur fünf Tage nach dem 3:2-Heimerfolg in der Meisterschaft reichte es vor der Geisterkulisse des Berliner Olympiastadions nun sogar zu einem 4:1-Sieg. Das sorgte vor allem bei Verteidiger Lukasz Piszczek für Tränen der Freude. Nach elf Jahren bei der Borussia wird er in Kürze seine Karriere beenden - nun aber noch einmal als Pokalsieger. Dafür wurde er von seinen Teamkollegen feiernd in die Luft geworfen.

Der BVB feierte nach 1965, 1989, 2012 und 2017 den fünften Pokaltriumph der Vereinshistorie. Diese Jahreszahlen waren auf riesigen Bannern in der Marathontorkurve zu sehen gewesen. Nicht auszumalen, was sich dort am Donnerstagabend abgespielt hätte, wenn Zuschauer vor Ort hätten sein dürfen. Doch pandemiebedingt sorgten wie schon im Vorjahr nur ein paar handverlesene Edelfans und Mitarbeiter der Vereine für ein bisschen Stimmung auf der Haupttribüne.

Einige Fans hatten vor der Partie die Busse beider Mannschaften mit aufmunternden Plakaten und Fahnen am Stadion empfangen. Der Jubel der Dortmunder und die Trauer der Leipziger Anhänger mussten später fernab des Rasens ausgelebt werden.

Für Edin Terzic hat sich derweil alles zum Guten gewendet. Im Dezember bekam der bis dahin als Co-Trainer in Dortmund arbeitende Terzic trotz seiner fehlenden Erfahrung den Job des gefeuerten Chefcoaches Lucien Favre. Zwischenzeitlich sah es so aus, als ob sich die Borussia nicht für die Champions League in der kommenden Saison qualifizieren könnte. Die Bosse trauten Terzic das Amt daraufhin zumindest langfristig wohl nicht mehr zu. Schon Mitte Februar wurde daher der aktuelle Mönchengladbacher Marco Rose als neuer Cheftrainer in Dortmund ab dem Sommer präsentiert. Terzic soll dann wieder den Assistenten mimen.

»Es war für Edin nicht leicht. Er hat es von Tag eins an sehr gut gemacht. Wir haben ihn immer unterstützt«, sagte Dortmunds Kapitän Marco Reus nun. »Wenn wir unter Zugzwang sind, zeigen wir unsere Qualität. Das müssen wir in den nächsten Jahren kontinuierlich tun, vor allem gegen die vermeintlich kleinen Gegner«, sprach er aber auch die Schwächen der Vergangenheit an.

Leipzig zählt definitiv nicht zu den kleinen Gegnern. Aber mit drei Toren in der ersten Hälfte wurden die Sachsen am Donnerstag regelrecht überrumpelt. Jadon Sancho traf kurz nach Spielbeginn und Sekunden vor dem Halbzeitpfiff zum 1:0 und 3:0. Zwischenzeitlich demonstrierte zudem Stürmer Erling Haaland seine Qualitäten als körperlich robuster Angreifer, indem er Abwehrmann Dayot Upamecano wie einen Anfänger aussehen ließ. Mit dem 3:0 zur Pause war eine Vorentscheidung gefallen. Leipzig machte an sich kein schlechtes Spiel. Aber vor allem in den ersten 45 Minuten verzockte sich Trainer Julian Nagelsmann, der überraschend Außenbahnflitzer Angelino nicht mal für den Finalkader nominiert hatte. Mit Alexander Sörloth und Hwang Hee Chan sorgte Leipzig im Angriff in der ersten Hälfte dann kaum für Gefahr. Zudem lief RB mehrfach in Konter.

Auch im zweiten Durchgang drückten die Sachsen noch mal mit aller Macht. Vor und nach dem 3:1 durch Dani Olmo in der 71. Minute lagen weitere Leipziger Treffer in der Luft. Mit den für Sörloth und Hee Chan eingewechselten Christopher Nkunku und Yussuf Poulsen wurde Dortmund vor größere Probleme gestellt. Doch spätestens mit dem 4:1 durch Haaland am Ende eines weiteren Konters erlahmte der Widerstand endgültig.

»Die Gefühlslage ist nicht gut, wenn man ein Finale verliert. Aber trotzdem bin ich stolz auf die Mannschaft. Wir haben insgesamt ein gutes Spiel gemacht, auch wenn das Ergebnis anders aussieht«, sagte Nagelsmann. »Nach dem 0:3 zur Pause noch so eine zweite Halbzeit zu spielen, da muss ich den Jungs ein Kompliment machen. Wir waren nicht die schlechtere Mannschaft. Wir haben nur weniger Tore gemacht.«

Leipzig verlor damit nach 2019 (0:3 gegen Bayern München) erneut ein Endspiel. Im Briefkopf des 2009 gegründeten Vereins fehlt also weiterhin ein nationaler Titel. Trainer Nagelsmann, der im Sommer bei den Bayern anfängt, wird demnächst sicher einige gewinnen. Beim Rest des Klubs blieb die Stimmung im Keller: »Wir kriegen das zweite Mal in einem Finale auf den Sack. Das ist bitter, vor allem wenn man in der zweiten Hälfte so viel in die Waagschale legt«, sagte Vorstandsvorsitzender Oliver Mintzlaff. »Wir wollten endlich den ersten Titel holen. Die Mannschaft hat Mentalität gezeigt. Die Dinger gingen aber nicht rein.«

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