Hauptsache vegan

Beim Spargel akzeptieren die Deutschen Sklavenarbeit, wenn sie nicht selbst ran müssen, meint Leo Fischer

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Gegensatz zum Fleisch hat Spargel noch seinen guten Ruf.
Im Gegensatz zum Fleisch hat Spargel noch seinen guten Ruf.

Das sog. Wirtschaftswunder in Westdeutschland hat zahlreiche unschöne Dinge hervorgebracht: die Vorstellung eines »rheinischen Kapitalismus«, angeblich immun gegen die größten Exzesse der Ausbeutung, aber auch Helmut Kohl oder Heinz Erhardt. Dazu passend entstanden in der Küche ungenießbare Gerichte, ertränkt in Butter und Mehl, pure Erzeugnisse des damaligen Agrarmarketing, die aber als Signum neuen Wohlstands galten und bis heute als liebenswerte Traditionen gepflegt werden.

Zum Beispiel der Spargel: Jedes Jahr essen die Deutschen mehr davon, inzwischen sind es knapp zwei Kilo pro Kopf. Für ein Gericht, das im Wesentlichen aus Wasser, Fasern und ungewaschenen Socken besteht, wird die »Spargelzeit« als eine Art deutsches Thanksgiving vermarktet, ein nicht zu hinterfragendes Brauchtum, dessen gesellschaftliche Kosten getrost vergessen werden dürfen. Bis zum Horizont mit Plastik bedeckte, beheizte Felder, die ganze Ökosysteme ruinieren, sind die eine Seite; die andere pure menschliche Ausbeutung: Mittlerweile werden »Saisonarbeiter« aus Georgien eingeflogen, weil sich in Rumänien und Bulgarien herumgesprochen hat, dass es sich bei der deutschen »Erntehilfe«, ohne die die Ernte gar nicht stattfinden könnte, um nichts weiter als Sklavenarbeit handelt. Die, ähnlich wie in der Fleischindustrie, von Politik und Medien hingenommen wird, weil Spargel zum Discounter-Preis ein Menschenrecht ist.

Im Gegensatz zu Fleisch hat Spargel noch seinen guten Ruf: Er ist vegan, irgendwie regional, urig und mit einem oberflächlich bewussten Lebensstil verknüpfbar. Die kleinen abgeranzten Erdbeer- und Spargelbüdchen, die zur Zeit an jeder Kreuzung stehen, vermitteln den Eindruck, Spargel würde auf kleinen bedürftigen Familienfarmen geerntet und nicht in einer hochtechnologisierten Turboindustrie, die eben nicht nur am Menschen, sondern auch an den Verkaufsstellen spart. Gleichzeitig hat sich Spargel den Ruf des Feine-Leute-Essens erhalten, ideal anschlussfähig für das distinktionsbedürftige Klein- und Mittekleinbürgertum. So verzehrt man ein »regionales« Produkt und fühlt sich doch für einen Moment wie bei Thomas Mann im Speisesaal.

Dabei ist der Konsum nicht ohne gravierende Menschenrechtsverletzungen zu haben. Über das Konstrukt der »Saisonarbeiter« sind zahlreiche, zum Himmel schreiende Ausnahmeregelungen bei Löhnen und Arbeitsschutz möglich. In fragwürdigen »Hotels«, die sie selbst bezahlen dürfen, werden bis zu acht Saisonarbeiter*innen in einem Zimmer zusammengepfercht. Verdrehte Vertragskonstruktionen über »Bonuszahlungen« machen Sieben-Tage-Wochen und Elf-Stunden-Schichten zur Norm statt zur Ausnahme. Securitys kontrollieren die »Hotels«, in manchen Fällen wurden gleich zu Vertragsbeginn die Pässe eingesammelt. Corona hat diesen Albtraum noch potenziert: In einem prominenten Fall, bei dem ein halbes Dutzend dieser legalen Zwangsarbeiter*innen teils schwer erkrankten, wurde »Arbeitsquarantäne« angeordnet. Krankenversichert sind die Arbeiter*innen meist nicht; eben erst beschloss die Bundesregierung die Ausweitung der sozialversicherungsfreien Zeit von 70 auf 102 Tage.

Um die Absurdität eines Luxusgerichts zum Schleuderpreis komplett zu machen, gibt es bei McDonald’s gerade den Big Spargel Hollandaise. Ähnlich wie bei den Kulthandlungen rund um Autos, Fleischverzehr und Fußball wird für den deutschen Spargelwahn noch jedes Unrecht in Kauf genommen, ja sogar in Gesetzen zementiert - für ein Gefühl des besseren Lebens, das ein schlechteres für viele bedeutet.

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