Die Brüder wollen Schwestern werden

Im Mittelpunkt des DOK.fest München standen dieses Jahr die Suche nach Identität und der Kampf um Unabhängigkeit. Ein Festivalbericht

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 5 Min.
Anny nimmt ihr Schicksal als Toilettenfrau und Prostituierte mit herzhaftem Humor, setzt sich auch für die Rechte von Sexarbeiterinnen ein.
Anny nimmt ihr Schicksal als Toilettenfrau und Prostituierte mit herzhaftem Humor, setzt sich auch für die Rechte von Sexarbeiterinnen ein.

An diesem Wochenende endet das 36. DOK.fest München, das seit dem 5. Mai 131 Filme aus 43 Ländern präsentierte und 16 Preise verlieh. Mit dem Film »Anny« der renommierten tschechischen Dokumentarfilmerin Helena Třeštíková erhielt ein überaus eindrucksvolles Porträt einer Mittvierzigerin den Hauptpreis, die im postsozialistischen Tschechien beschließt, sich mit Straßenprostitution ein zusätzliches Einkommen zu verdienen. Der Film repräsentiert auch thematisch den Schwerpunkt vieler der Festivalfilme, nämlich die Suche nach Identität, den Kampf um Unabhängigkeit und den Umgang mit den Hürden, die sich dabei in den Weg stellen.

Indem Třeštíková die alternde Straßenprostituierte Anny in all ihren Facetten ernst nimmt, schafft sie es, mehr als nur zu dokumentieren, womit sich ihr Film von vielen anderen des Festivalprogramms abhebt. Denn Anny nimmt ihr Schicksal als Toilettenfrau und Prostituierte nicht nur mit herzhaftem Humor, sie setzt sich auch mit anderen für die Rechte von Sexarbeiterinnen ein und versteht ihre Situation durchaus auch in einem größeren politischen Kontext. Diese Einordnung ist auch der Filmemacherin wichtig. So zeigt der Film, dass die kapitalistischen Glücksversprechen für viele Menschen in den ehemals sozialistischen Staaten nicht eingelöst wurden. Die Ernüchterung einer ganzen Generation bringt Anny auf den Punkt, wenn sie feststellt: »Wir müssen uns den Arsch abarbeiten, und die, die im Kommunismus gestohlen haben, stehlen jetzt wieder und sind fein raus.« Anny erledigt die Sexarbeit in erster Linie, um so etwas wie ein bürgerliches Familienleben aufrechterhalten zu können, etwa wenn sie ein wenig zusätzliches Geld für ihre Kinder einnehmen oder etwas für ihre Enkelkinder kaufen wollte, wie sie im Film sagt. Wir sehen sie weinen (um den an Diabetes erkrankten Enkel), viel lachen, noch mehr rauchen und zwischendurch den ganzen kapitalistischen Schlamassel präzise auf den Punkt bringen: »Die Geschäfte sind vollgepackt mit Waren, aber die Arbeiterklasse kann sie sich nicht leisten.«

Wo Třeštíková es schafft, dem Kinopublikum eine Frau aus dem von Soziolog*innen eiskalt »working poor« genannten Milliardenheer verarmter Dauerarbeiter*innen so nahe zu bringen, als wäre sie ein Familienmitglied, setzt der Regisseur Sobo Swobodnik in »Klassenkampf« bereits formal auf Distanz. Er zeichnet seinen Lebensweg aus der nicht nur bürgerlichen Einöde der Schwäbischen Alb bis nach Berlin, wo er heute als Schriftsteller und Filmemacher lebt, lässt sich dabei aber von der Schauspielerin Margarita Breitkreiz darstellen. »Klassenkampf« zeigt den Kampf um einen Platz innerhalb der deutschen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, auch Swobodas Suche ist eine Emanzipationsgeschichte, die eindrucksvoll klarmacht, wie unbedingt notwendig der Ausbruch aus der stickigen Enge der kleinbürgerlichen Provinz für ihn war, und wie sehr ländliche und urbane Milieus sich in den letzten Jahrzehnten entfremdet, ausdifferenziert und völlig neu geordnet haben.

Swoboda versucht, seine eigene Geschichte auch theoretisch zu fassen, was zwar zu minutenlangen Textvorträgen führt, aber erst ermöglicht, das Geschehen bewusst einzuordnen. Und dass in einem deutschen Film, der sogar auf einem angesehenen Festival gezeigt wird, Sätze gesprochen werden, wie »Kraft der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel kann ein Teil der Gesellschaft den andern für sich arbeiten lassen und sich das Mehrprodukt seiner Arbeit aneignen. Diese Trennung und Ausbeutungsbeziehung begründet die Existenz der Klassen«, ist schon eine kaum für möglich gehaltene Sensation.

Ein weiteres Highlight des Festivals ist die Rojava-Reportage »The Other Side Of The River«, die als Deutschlandpremiere gezeigt wird. Der Debütfilm der Regisseurin Antonia Kilian begleitet die 20-jährige Syrerin Hala, die aus dem vom IS kontrollierten Manbidsch in Nordsyrien über den Euphrat in einen von kurdischen Einheiten kontrollierten Teil des Landes geflohen ist, wo sie eine militärische Ausbildung erhält und schließlich ins Heimatdorf als Polizistin zurückkehrt. Kilian folgt ihrer Protagonistin auch in Konflikten mit der eigenen Familie und fängt nebenbei die Ambiguität des bewaffneten Widerstandes und des dogmatischen Feminismus der kurdischen Frauenverbände ein. Wo sich die Frauen von ihrer Bewaffnung und Kampfausbildung mehr Selbstbestimmung und eine Emanzipation von der strengen und lustfeindlichen patriarchalen religiösen Moral erhoffen, landen sie nicht nur ideologisch in neuen Bevormundungsverhältnissen. »Ihr müsst bei euch selbst anfangen. Habt also keine lüsternen Gedanken. Ihr seid jetzt bei der Frauenverteidigungseinheit. (…) Denkt nicht ›Ich habe seinen Körper gesehen, ich liebe ihn, ich will mit ihm zusammen sein‹, ihr dürft das niemals denken, sonst führt euch das in den Abgrund. Sexuelle Begierde führt die Menschheit in den Abgrund«, so werden Hala und ihre Genossinnen etwa in einem Vortrag auf Keuschheit eingeschworen.

Mit ganz anderen Problemen die eigene Sexualität betreffend kämpfen indes zwei trans Frauen in »Zuhurs Töchter« (Regie: Laurentia Genske). Die beiden sind Brüder, wollen Schwestern werden, und die Tatsache, dass sie trans sind, hat ihren Vater, ein konservatives Familienoberhaupt mit zwei gemeinsam lebenden Frauen, dazu bewogen, aus Syrien nach Deutschland zu fliehen, denn in der Heimat, so erzählt er, ist das vollkommen inakzeptabel, und die Leben der Kinder wären bedroht. Der Film begleitet die beiden Frauen auf ihrem konfliktreichen, aber auch lustvollen Weg, schließlich bis in die Operationssäle, in denen ihre Geschlechtsanpassungen vollzogen werden.

Das Festival, das noch bis Sonntag läuft, bietet mit »Hinter den Schlagzeilen«, einer Dokumentation der Investigativrecherche zum Strache-Videoskandal, Porträts von Judy Rebick und Georg Stefan Troller, aber auch Investigativreportagen wie »Wood - der geraubte Wald« oder der Feelgood-Doku »Monobloc« über den wohl berühmtesten Stuhl der Welt neben den Schwerpunktfilmen auch eine Vielzahl weiterer interessanter und aufschlussreicher Werke aus allen Ecken der Welt.

Die Filme vom DOK.fest München können bis zum 23. Mai online gesehen werden unter: www.dokfest-muenchen.de

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