Volksaufstand trifft Volkssport

In Kolumbien führen organisierte Fans die Proteste für Sozialreformen mit an und fordern: Der Fußball soll pausieren

  • Von Fabian Grieger
  • Lesedauer: 5 Min.
In Kolumbien demonstrieren seit Wochen auch immer mehr Fußballfans gegen die Steuerreform von Präsident Ivan Duque und die Gewalttaten der Polizei.
In Kolumbien demonstrieren seit Wochen auch immer mehr Fußballfans gegen die Steuerreform von Präsident Ivan Duque und die Gewalttaten der Polizei.

Das Spiel ist aus», steht auf einem riesigen Frontbanner der Protestierenden in Medellin. Sie tragen grün-weiße Trikots - die Farben des Fußballklubs Atletico Nacional. Den vorderen Teil dieser Demo dominieren die Ultras des kolumbianischen Erstligisten. Wenn sich die Barras, wie die Fangruppen in Südamerika heißen, am Protest beteiligen, dann wird es voll. Kaum eine andere Gruppe hat dermaßen hohe Organisations- und Mobilisierungsgrade wie die Barras. Damit sind sie zum Rückgrat des landesweiten Generalstreiks geworden, der sich seit mehr als einem Monat gegen die soziale Ungerechtigkeit und die Gewalt der rechten Regierung wendet.

Bei Ankunft der Fußballfans bei den Protesten kommt oft Freude auf. Dabei waren die Barras sonst eher gefürchtet. Wilde Schlägereien oder Messerstechereien untereinander gehörten lange zur Spieltagskultur, Außenstehende gingen ihnen lieber aus dem Weg. Überhaupt ist Fußball als Spiegel der Gesellschaft in Kolumbien nie fern der Gewalt gewesen. International große Aufmerksamkeit erhielt die Ermordung Andres Escobars, kurz nachdem er per Eigentor das WM-Aus 1994 mitverursacht hatte.

Fußball ist wichtig in Kolumbien. Kaum etwas bietet so viel Identifikationsfläche. Die Mächtigen nutzen gerne die Ablenkung eines internationalen Turniers, um unliebsame Reformen zu beschließen oder sogar Aktivist*innen zu ermorden. Auch jetzt, während seit Wochen Demonstrierende getötet werden - mittlerweile sind es mehr als 50 - soll der Ball nach Willen der Regierung und der Sportverbände unbedingt rollen. So trafen sich Mitte Mai in der Küstenstadt Barranquilla Atletico Mineiro aus Brasilien und das kolumbianische America de Cali für ein Gruppenspiel der mit Europas Champions League vergleichbaren Copa Libertadores. Sie kickten, während draußen für ein besseres Leben unter brutaler Repression gekämpft wurde. Das Tränengas drang immer wieder bis ins Stadion, fünfmal musste die Partie unterbrochen werden.

Immerhin: Kolumbiens erste Liga pausiert seit dem 2. Mai. Doch für das Pokalviertelfinale zwischen Cali und Tolima sucht der Verband noch immer verzweifelt einen Austragungsort. Beide Fanlager mobilisierten gegen die Partie im eigenen Stadion. Als sie auch nach Baranquilla verlegt werden sollte, ließen das die Fans des dortigen Vereins Junior nicht zu. Und in Medellin reichte schon die Ankündigung der großen Fanszenen von Independiente und Nacional für einen Rückzug. Nun soll die Partie in der kleineren Stadt Valledupar ausgetragen werden, wo weniger Widerstand erwartet wird. Doch selbst die kleine lokale Barra will sie nun verhindern.

All das zeigt: Die kolumbianische Fangemeinde wirkt stark vereint. «Wenn ich jemanden von unserem eigentlichen Rivalen Independiente auf der Demo sehe, dann umarme ich ihn jetzt», sagt Juan Esteban Mosquera, der die Nordtribüne des Medelliner Stadions als seine Heimat bezeichnet und die Fangruppe «Pueblo Verdolaga» mit knapp 1000 Mitgliedern koordiniert. Auch Mosquera will erst einmal keine weiteren Spiele sehen: «Wir wollen nicht, dass der Fußball ein Ablenkungsmanöver ist. Dass wir ihn nur konsumieren.» Er fügt hinzu: «Nacional ist Teil meines Lebens, aber der ist weniger wichtig als die Probleme unseres Landes. Dass es Jungs gibt, die die Schule nicht abschließen, weil sie Süßigkeiten im Bus verkaufen müssen, oder Frauen, die ihr Leben lang arbeiten und keine Rente erhalten.»

Als es 2019 zum ersten großen Generalstreik kam, machte Mosqueras Barra eine interne Umfrage, ob die Fans gemeinsam mit auf die Straße gehen sollten. 97 Prozent waren dafür. Seitdem gehen sie zusammen auf die Demos. Volksaufstand und Volkssport finden zueinander. Sie malen politische Graffiti, organisieren Streikversammlungen oder Fußballturniere in Solidarität mit den Protesten: «Wir machen Workshops zu Rassismus und Geschlechtergerechtigkeit, und bei uns gilt: Wenn wir einen Teller Essen haben, dann erhalten alle einen Löffel.»

Nur eins passt nicht bei Nacional: Im Gegensatz zu den Barras üben sich die großen kolumbianischen Klubs derweil in Schweigen. Auch Mosqueras Klub positioniert sich nicht; Nacional gehört einer reichen regierungsnahen Unternehmerfamilie.

Dem Fußball wird oft eine integrative Kraft zugesprochen; vor allem dann, wenn sich jubelnd alle unter der selben Fahne versammeln. Die Barras zeigen derzeit, wie sich die Klassengegensätze auch im Fußball zeigen: Die organisierten Fans, die den Sport als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung sehen und selbst von der sozialen Armut betroffen sind, stehen auf der einen Seite. Und die Funktionäre und Vereinsbosse, die mit dem Sport vornehmlich ihr Kapital vermehren wollen, auf der anderen.

«Wir gehen immer im Trikot auf die Straße. Die Barras erreichen viele Menschen, die sonst nicht zu den Protesten gehen würden. Aber wenn ihre Barra dabei ist, dann kommen sie auch», erzählt die Literaturstudentin und glühende Independiente-Anhängerin Maria Fernanda Rivera. Bereits ihr Vater nahm sie als Kind einst mit in den blau-roten Fanblock. Später kehrte sie den Fangruppen den Rücken zu, weil sie den Machismus im Stadion nicht mehr ertrug. «Außerdem gibt es Anführer, die denken, dass alle immer das machen müssen, was die sagen.»

Vor mehr als einem Jahr aber gründete Rivera mit acht Freundinnen die feministische und antifaschistische Barra «Sororidad Roja». «Wir wollten politische Botschaften in die Stadien tragen, aber das ist schwierig. Immer kam die Polizei und drohte, uns rauszuwerfen. Nur die größten Barras können es sich leisten, politische Schilder hochzuhalten.»

Zuletzt organisierten Rivera und ihre Mitstreiterinnen Aufklärungsarbeit über die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien zu Zeiten der Militärdiktatur. Damals wurden drei Straßenecken von den Stadien entfernt Oppositionelle gefoltert; die Welt schaute weg. «Das Gleiche wäre jetzt mit der Copa America in Kolumbien passiert», meint Rivera. Das Turnier sollte eigentlich ab dem 13. Juni in Kolumbien und Argentinien stattfinden. Doch wichtige Verbindungsstraßen des Landes sind weiterhin blockiert, täglich gibt es Ausschreitungen, Polizeistationen brennen, Schüsse fallen. Da die Regierung die Lage selbst mit härtester Gewalt nicht unter Kontrolle brachte, musste Kolumbien von der Ausrichtung des prestigeträchtigen Turniers zurücktreten. Ein Erfolg für die Barras.

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