Verschweißt statt ZSMMN

Im ersten Turnier nach dem WM-Debakel will die DFB-Elf als Einheit punkten

  • Von Frank Hellmann, Seefeld
  • Lesedauer: 4 Min.

Vermutlich gibt es kaum eine Kampagne, die dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) so missglückt ist wie die vor drei Jahren unter dem Hashtag ZSMMN gebündelte Aktion. Vor der WM 2018 in Russland, selbstredend mit der Mission Titelverteidigung verknüpft, wollte DFB-Direktor Oliver Bierhoff die Verbindung von Fans und Nationalmannschaft stärken, auch weil der Macher schon damals spürte, dass sich feine Risse im Gefüge zeigten. Die zur Kampagne zugehörige Homepage ist jedoch längst wieder vom Netz genommen, auch weil nicht einmal mehr in der Mannschaft selbst eine Einheit vorhanden war.

Es waren die Pfründe der Weltmeister, aber auch Cliquen zwischen Spielern mit und ohne Migrationshintergrund, die eine gefährliche Mixtur gebildet hatten. Nachdem Mesut Özil und Ilkay Gündogan dann noch für Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan posiert hatten, und einige Kollegen speziell von Özil eine Stellungnahme einforderten, nahm das Unheil seinen Lauf. Schon aus dem eigentlich streng bewachten Trainingslager in Eppan in Südtirol drangen damals die negativen Schwingungen nach draußen, die ein lange unterschätztes Kardinalproblem bei der WM bilden sollten. »Das war schon eine Belastung. Es lag eine gewisse Schwere auf der Stimmung«, gab Bundestrainer Joachim Löw nun am Sonntag rückblickend zu, als der 61-Jährige über den Stimmungswandel innerhalb seiner Mannschaft sprechen wollte.

Der Südbadener will nun vor seiner letzten Turniermission jedenfalls »eine extrem energetische« Arbeitsatmosphäre ausgemacht haben. Die 26 Spieler würden »sehr kommunikativ, sehr respektvoll« miteinander umgehen. Unter den ersten Teil der Vorbereitung machte Löw damit zufrieden einen Haken: »Wir haben unsere Themen und Inhalte wie vorgenommen durchgeführt.« Trotz der Corona-Beschränkungen sei es deutlich harmonischer zugegangen als vor drei Jahren. Löw nannte den Austausch der verschiedenen Altersgruppen »sehr, sehr gemischt«. Die Gräben sind offenbar geschlossen.

»Anstehende Konflikte zwischen Spielergruppen kann ich hier nicht erkennen«, bestätigte auch Bierhoff. Der Verbands-Chef der Nationalmannschaftsabteilung hegt zwar jedes Mal noch »Restzweifel« - immerhin hatte er 2018 Ähnliches gesagt -, aber das Grundgefühl sei auch beim 53-Jährigen »positiv«. Dass die Teamchemie stimmt, beteuerten zuletzt auch die Nationalspieler, die fast überschwänglich ein prächtiges Bild vom Binnenklima zeichneten. EM-Neuling Jonas Hofmann freute sich über »super Typen«, der EM-Novize Robin Gosens sah »drei Generationen, die sich gut verstehen«, und für Ersatztorhüter Kevin Trapp könne »jeder mit jedem«. Anderes wäre in einem Trainingslager, aus dem coronabedingt niemand raus durfte, allerdings auch denkbar schlecht gewesen.

Bereits in seiner Eingangsrede stellte Löw den Teamgeist diesmal als wichtigen Erfolgsfaktor heraus: »Wir brauchen Spieler, die sich gegenseitig helfen. Auch diejenigen, die nicht spielen, müssen jede Minute bereit sein.« Ihm fällt dann aus dem Jahr 2014 immer das Beispiel Christoph Kramer ein, der am Ende seines aufopferungsvollen Einsatzes als Edelreservist mit einem Startelfeinsatz im Endspiel belohnt wurde. Und der Bundestrainer selbst sagt von sich, er sei voller »Energie und Leidenschaft« für seine finale Mission. Dass es gleich gegen Weltmeister Frankreich (15. Juni) und Europameister Portugal (19. Juni) losgeht, stört ihn nicht: »Es gibt doch nichts Schöneres, als sich mit den Besten zu messen.«

Aus der taktischen Aufstellung im letzten Testspiel am Montagabend gegen Lettland (nach Redaktionsschluss) sollte niemand zu viele Rückschlüsse ableiten. »Das ist nicht der Fingerzeig für das Spiel gegen Frankreich.« Löw missfallen gerade die vielen taktischen Diskussionen übers richtige Abwehrsystem, nach seinem Dafürhalten ist »die Viererkette defensiver als die Dreierkette«. Vielleicht spricht er auch deswegen lieber über Zusammenhalt und Einstellung der Spieler. Vor allem von seinen Mittelfeldspielern verlangt er, dass sie »Tempo, Abstände, Intensität und Zweikämpfe« im Sinne der defensiven Stabilität führen - wer das nicht tue, könne nicht spielen, sagte der Bundestrainer: »Da müssen wir uns alle verbessern.« Die Testpartien würden aber nicht entscheiden, wer spiele. »Es geht weiter, wir haben ja noch eine Woche Zeit, um uns auf Frankreich vorzubereiten.«

Am Mittwoch geht es ins Basiscamp in Herzogenaurach in das abgeschirmte Gelände eines Ausrüsters. »Home Ground« heißt der eigens dazu erbaute Gebäudekomplex. In luftigen, hellen Wohneinheiten soll ein Zusammengehörigkeitsgefühl fürs große Ganze erwachsen. Es gibt auch eine Art Marktplatz, der als Begegnungsstätte gedacht ist - und Grüppchenbildungen verhindern soll. Die Idee ist erkennbar ans Campo Bahia angelehnt, in dem bei der WM 2014 jener berühmte Teamgeist erwuchs, der Deutschland den vierten Stern aufs Trikot brachte - das jener Ausstatter anschließend gut verkaufen konnte. Direktor Bierhoff ist sich jetzt sicher: »Die Mannschaft erzählt ihre Geschichte. Mit neuer Identität und neuer Herangehensweise.« Zusammengeschweißt statt ZSMMN.

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