Geschlossene Gesellschaft

Nach vielen Skandalen gibt es in der katholischen Kirche erbitterten Streit über eine Neuausrichtung

  • Von Sebastian Weiermann, Düsseldorf
  • Lesedauer: 9 Min.
»Herr, hilf«, mag sich Rainer Maria Kardinal Woelki denken. Er steht unter Druck, der Papst hat Kontrolleure nach Köln geschickt.
»Herr, hilf«, mag sich Rainer Maria Kardinal Woelki denken. Er steht unter Druck, der Papst hat Kontrolleure nach Köln geschickt.

Düsseldorf-Gerresheim am Mittwochabend. Es ist kurz vor sechs Uhr, als der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki an einem Seiteneingang der Basilika St. Margareta vorfährt. Woelki steigt aus und eilt in den Kirchenkomplex. Kein Wort zu den zahlreichen Journalisten, die sich versammelt haben, kein Wort zu den Gläubigen, die an diesem Abend draußen bleiben müssen. Woelki ist nach Düsseldorf gekommen, um 17 jungen Menschen die Firmung zu spenden. Das geschieht hinter verschlossenen Türen. Fünf Menschen darf jeder Firmling einladen. Am Eingang der Kirche wird das genau kontrolliert.

Die Debatte um die Firmung hat eine lange Vorgeschichte. Die Düsseldorfer Gemeinde ist von den Fällen sexualisierter Gewalt in der Kirche besonders betroffen. Der 2017 verstorbene Pfarrer Johannes O. soll einem Kindergartenkind Ende der 70er-Jahre Gewalt angetan haben. Und einem ehemaligen Diakon der Gemeinde wird vorgeworfen, einen Minderjährigen für Sex bezahlt zu haben. Rainer Maria Woelki beförderte den Diakon zum stellvertretenden Stadtdechanten von Düsseldorf. Noch enger ist Woelkis Bezug zu Pfarrer O. Ihn lernte Woelki schon als Theologiestudent kennen, schätzte ihn sehr, beide trafen sich immer wieder. Woelki soll dem »Kölner Stadtanzeiger« zufolge bei der Beerdigung von O. die Trauerrede gehalten haben. Dabei lobte der Erzbischof den Pfarrer »in den höchsten Tönen«.

Woelki wird vorgeworfen, die Gewalttat des befreundeten Pfarrers nicht an den Vatikan gemeldet zu haben. Er begründete dies mit der 2015 schon weit fortgeschrittenen Demenz des Pfarrers. Von Kirchenrechtlern wird das Ausbleiben der Meldung als Pflichtverletzung gewertet. Das Zeichen, das von diesem Nichthandeln ausging, war fatal: Sexuelle Gewalt in der Kirche werde vertuscht. Es gebe keine Aufklärung, alles geht weiter, wie es war.

Viele Mitglieder der Gerresheimer Kirchgemeinde sind darüber entsetzt, wie Woelki mit den Vorfällen umgegangen ist. Mitte Mai schrieben sie einen Brief, der von über 140 Menschen unterschrieben wurde. Darin baten sie Woelki, die Firmung nicht selbst abzuhalten. Um die Firmung zu spenden, müsse man »als Christ in seinem Amt und in seinem Handeln glaubwürdig« sein, schrieben sie. Woelki aber sei dies »leider für uns nicht mehr«.

Der Erzbischof reagierte auf das Schreiben, kam Ende Mai nach Düsseldorf und stellte sich den Fragen der Gemeindemitglieder. Hinter verschlossenen Türen sprach er mit einigen Kritikern und dem Gemeinderat. 100 Menschen, die ihm vor der Tür rote Karten entgegen hielten, beachtete Woelki nicht besonders, einer älteren Dame sagte er lediglich im Vorbeigehen: »Alles wird gut.« Auf die Frage, was er der Gemeinde mitgebracht habe, antwortete er: »Mich selbst.«

Massenaustritte aus der Kirche

Peter Barzel, der den offenen Brief an Woelki initiiert hatte, zog an diesem Abend ein gemischtes Fazit. Es habe »sehr emotionale Statements« gegeben. Woelki habe sich das ruhig angehört. Ob er die Firmung abhalten würde, erklärte Woelki damals nicht. Erst an diesem Montag gab das Kölner Erzbistum bekannt, dass er die Firmung in Düsseldorf durchführen werde. Peter Barzel und die anderen Initiatoren des Protests kritisierten diese Entscheidung: »Zwei Tage vor der Firmung in unserer Gemeinde haben wir aus der Presse erfahren, dass Kardinal Woelki nun doch die Firmung persönlich durchführen wird. Damit sind wir nach wie vor nicht einverstanden. Wir haben uns einen geschützteren Rahmen für die Firmung gewünscht, weil sein Festhalten nun ein großes mediales Interesse hervorruft.« Weiter bemängeln sie, dass sie »tief erschüttert« davon seien, wie Woelki sich zur sexualisierten Gewalt innerhalb der Kirche geäußert habe. Das Vertrauen in den Erzbischof sei »nicht gewachsen, sondern noch mehr verloren gegangen«, so Barzel und seine Mitstreiter in einer Erklärung. Woelkis Verhalten habe »die systemischen Ursachen« der Gewalt sichtbar gemacht und »die Verantwortung der Institution Kirche offenbart«, hieß es.

Der Konflikt in Düsseldorf-Gerresheim steht exemplarisch für die Krise der katholischen Kirche in Deutschland. Andernorts ist der Streit nicht so sichtbar, aber Konflikte gibt es in zahlreichen Gemeinden. In Köln ist die Zahl der Kirchenaustritte auf Rekordniveau gestiegen. Allein im ersten Quartal des Jahres haben 3300 Menschen die Kirche verlassen. Und der Trend ist ungebremst: Das Kölner Amtsgericht hat daher seine Kapazitäten für Kirchenaustritte auf 1800 Termine im Monat erhöht.

Ein Anlass für die Abkehr von der Kirche ist auch der Umgang Woelkis mit Gutachten zur sexualisierten Gewalt. Im vergangenen Herbst lehnte er die Veröffentlichung einer Ausarbeitung ab, weil Persönlichkeitsrechte darin verletzt worden sein könnten. Viele Kritiker wollten Woelki das so nicht abnehmen. Sie warfen dem Erzbischof vor, Täter schützen zu wollen. Von Journalisten, die das Gutachten einsehen wollten, verlangte das Bistum eine Verschwiegenheitserklärung. Die Medienvertreter lehnten dies ab. Auch ein neues Gutachten, das von dem Juristen Björn Gercke im März vorgestellt wurde, führte nicht zur Entspannung. Es sei ein »Gefälligkeitsgutachten«, sagen Kritiker.

Um die Kirchenkrise in den Griff zu bekommen und über Reformen zu beraten, haben die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken vor zwei Jahren zum synodalen Weg eingeladen. In Workshops, Hearings und Diskussionen soll über eine neue Ausrichtung der Kirche gesprochen werden. Es geht um »Macht und Gewaltenteilung in der Kirche«, Liebe und Sexualität in der Partnerschaft, das Priesteramt heute und die Rolle von Frauen in der Kirche. Der synodale Weg soll einen »Weg der Umkehr und Erneuerung« einleiten. Einflussreiche Kleriker wie Georg Bätzing, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, und der Münchner Erzbischof Reinhard Marx unterstützen diesen Versuch, die Kirche zu reformieren.

Der Papst bestärkt Kardinal Marx

Mit dem Erneuerungsweg dürfte es auch zusammenhängen, dass Papst Franziskus am Donnerstag überraschend schnell das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx abgelehnt hat. Marx wollte damit ein Zeichen setzen, weil die Kirche nach den Missbrauchsskandalen an einem »toten Punkt« angekommen sei. Der Papst schreibt in einem Brief an Marx: »Mach weiter, so wie Du es vorschlägst«, und greift damit eine Formulierung von Marx auf, dass dieser sich »für eine geistliche Erneuerung der Kirche« einsetzen wolle. Papst Franziskus stimmt Marx in seinem Brief zu, dass es eine »Katastrophe« sei, wie die Kirche mit der »traurigen Geschichte des sexuellen Missbrauchs« umgegangen sei. Franziskus schreibt über »Heuchelei« und über Verantwortung, die »sowohl als Einzelner als auch in Gemeinschaft« übernommen werden müsse. Mit dem Schreiben hat der Papst Reinhard Marx und den anderen Erneuerern innerhalb der Kirche den Rücken gestärkt.

Am Donnerstagnachmittag reagierte Marx auf den Brief des Papstes. Er sei »überrascht«, dass der Papst so schnell entschieden habe und er sei überrascht, wie er entschieden hat. Die Entscheidung sei für ihn eine »große Herausforderung«, und es sei klar, dass er nicht einfach zur Tagesordnung übergehen könne. Die kommenden Wochen wolle er nun zum Nachdenken nutzen, wie die Kirche »hier in unserem Erzbistum und insgesamt« erneuert werden könne.

Kein Anhänger von all zu großen Umwälzungen ist hingegen Rainer Maria Woelki. Nach der ersten Versammlung des synodalen Wegs polterte er im Kölner »Domradio«: »Das ist ja auch schon das sehr deutlich prägende Bild beim Einzug zum Gottesdienst gewesen, als Bischöfe und Laien alle gemeinsam eingezogen sind und somit zum Ausdruck gebracht wurde, dass da jeder gleich ist. Und das hat eigentlich nichts mit dem zu tun, was katholische Kirche ist und meint.« Woelki betonte die »hierarchische Verfasstheit« der Kirche.

Auch bei weiteren Versammlungen des synodalen Wegs sparte Woelki nicht mit Kritik. Ein Papier, in dem angeregt wurde, dass Frauen zu Priesterinnen geweiht werden könnten, lehnte er komplett ab und warnte davor, die katholische Kirche in Deutschland würde sich mit den Reformideen des synodalen Wegs von der Weltkirche abwenden. Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof in Köln und ein enger Vertrauter Woelkis, zog sich im Frühjahr 2020 aus dem synodalen Weg zurück, weil dort eine seiner Meinung nach zu liberale Sexualmoral vertreten wurde. Dieses Jahr im März wurde er im Zuge des Missbrauchsskandals wegen Mängeln bei der Aufklärung von sexualisierter Gewalt suspendiert.

Schwaderlapp steht der extrem reaktionären Kirchenvereinigung Opus Dei (Werk Gottes) nahe. Die vor rund 90 Jahren in Spanien gegründete Organisation, um die sich zahlreiche Verschwörungsmythen ranken, steht für einen rückwärts gewandten Katholizismus, verbreitet aber neoliberale Ideen. Der katholischen Soziallehre steht sie ablehnend gegenüber. An der römischen Universität des Opus Dei hat auch Rainer Maria Woelki seine theologische Promotion abgelegt. Es wundert also nicht, dass der Kölner Erzbischof Reformen skeptisch gegenübersteht.

Viel Zeit, um Kritik am synodalen Weg zu äußern, dürfte Woelki derzeit aber nicht haben. Anfang der Woche sind nämlich der Stockholmer Bischof Anders Arborelius und der Rotterdamer Bischof Hans van den Hende als päpstliche Visitatoren in Köln eingetroffen. Ihre Aufgabe ist es, die »komplexe pastorale Situation« zu betrachten und zu bewerten. Sie sind Ermittler im Auftrage des Papstes. Am Dienstag luden sie zu einem ersten Gespräch ehemalige Mitglieder des Betroffenenbeirats von Opfern sexualisierter Gewalt ein.

Nach dem Gespräch zog Patrick Bauer, einer der Betroffenen, ein positives Fazit. Die Visitatoren seien »empathisch und uns zugewandt gewesen«, sagte er der »Augsburger Allgemeinen«. Das Gespräch sei offen gewesen, er habe »frei Schnauze« geredet und gesagt, dass ihn der Umgang mit den Betroffenen in Köln »ankotzt«. Arborelius und van den Hende hätten einfach »zugehört«. Dass die ehemaligen Mitglieder des Betroffenbeirats - sie waren aus Protest zurückgetreten -, die Ersten gewesen seien, die von den Visitatoren angehört wurden, habe ihn »überrascht«, erzählte Bauer. Er hoffe, dass der Papst Woelki dazu bringe »umzudenken«, dann würde er auch gerne wieder als Betroffener mit dem Erzbischof zusammenarbeiten.

Rufe nach Aufklärung

Woelki zum Denken und Handeln anregen möchte auch Klaus Koltermann, Pfarrer aus Dormagen. Am Samstag läuft er die 30 Kilometer nach Köln zu Fuß. Es gehe ihm darum, der »moralischen Verantwortungslosigkeit und der missglückten Aufklärungsarbeit« entgegenzutreten und Veränderungen in der Kirche in Bewegung zu setzen. In Köln wollen Vertreter verschiedener reformorientierter Gruppen Koltermann empfangen und mit ihm gemeinsam vor dem Amtssitz Rainer Maria Woelkis protestieren. Auch die päpstlichen Visitatoren werden den Protest sehen, sie sind in einem Gästehaus der Kirche unweit von Woelkis Amtssitz untergebracht. Wenn sie mit den Demonstranten sprechen, dann kann ihnen Klaus Koltermann vielleicht schildern, wie schwierig seine pastorale Situation ist. Er warnt: »Viele Menschen, die bisher zum Kern der Gemeinden gehörten, verlassen die Kirche, weil sie das Vertrauen verloren haben.«

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