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Permanente Abwertung

Bundesweite Tarifverträge sind im Einzelhandel trotz Coronakrise nicht in Sichtweite

  • Von Jörg Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Es geht um mehr Geld und um die Arbeitsbedingungen. Im hiesigen Einzelhandel läuft die Tarifrunde 2021 - von Bundesland zu Bundesland mit eigenen Verhandlungen. Einen bundesweiten Tarifvertrag gibt es seit über 20 Jahren nicht mehr.

Während etwa in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Bayern dieser Tage begleitet von zahlreichen Warnstreiks die dritte Verhandlungsrunde startet, beginnen die Verhandlungen in Berlin und Brandenburg an diesem Freitag. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein kommen als letzte zur Party. Die Handelstarifrunde 2021 beginnt dort erst Anfang Juli.

Das ist Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung. Seit der Jahrtausendwende hatten die Arbeitgeber schrittweise die allgemeinverbindlichen bundesweiten Tarifverträge demontiert. Das macht es für die Gewerkschaften schwer, kollektiv Druck hinter ihre Forderungen zu bringen. Wenn NRW schon einen Abschluss hat, warum sollte Berlin drei Wochen später noch mit Warnstreiks anfangen? Laut Verdi stehen heute noch 28 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel unter dem Schutz eines Tarifvertrags.

Die Forderungen in der laufenden Tarifrunde sind in allen Bundesländern weitgehend identisch: 4,5 Prozent mehr aufs Tabellenentgelt plus 45 Euro pro Monat und 100 Euro mehr für Azubis. Für einen »rentenfesten tariflichen Mindestlohn«, soll die Lohnuntergrenze bei 12,50 Euro pro Stunde liegen. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn wird zum 1. Juli auf 9,60 erhöht. Die wiederkehrende Forderung, die Allgemeinverbindlichkeit gemeinsam zu beantragen, lehnen die Arbeitgeber seit Jahren ab.

Hinter dem Einzelhandel liegt ein durchwachsenes Jahr mit Pandemie. Während Läden im Non-Food-Bereich oder kleinere Händler*innen sich in ihrer Existenz bedroht sehen, fuhren die Lebensmittelkonzerne Gewinne ein wie selten zuvor. Der Discounter war auf einmal systemrelevant. Mit immer neuen Corona-Beschränkungen und -Lockerungen kamen neue Modelle des Einkaufens auf. Bringdienste boomen und kooperieren mit den Lebensmittelkonzernen, »Call & Collect« - zu Hause bestellen, im Laden kontaktfrei abholen - weitete sich massiv aus. Welche Auswirkungen hat das auf die laufende Tarifrunde? »Im Zuge der Pandemie wurden die neuen Modelle teilweise über Nacht eingeführt«, sagt die nordrhein-westfälische Gewerkschaftssekretärin Daniela Arndt. Das zeige letztlich, dass mancher Plan schon lange in der Schublade lag. Die Digitalisierung habe mit Corona eine Beschleunigung erfahren, aber nicht erst mit der Pandemie angefangen.

Neue Druckmittel für Arbeitgeber sieht Arndt darin aber nicht. »Im Gegenteil: Als die Läden dicht waren, sind die Kolleg*innen ja nicht einfach zu Hause geblieben. Entweder waren sie auf Kurzarbeit und mussten auf Lohn verzichten oder sie haben unglaublich viel im Hintergrund gearbeitet, Click & Collect-Päckchen gepackt und Waren umgelagert.« Deshalb sei die Pandemie vielmehr ein Argument für die Gewerkschaft, nun einen guten Tarifabschluss zu bekommen.

Die durch die Pandemie beschleunigte Veränderung werde eher langfristig Auswirkungen haben, sagt auch Conny Weißbach, Leiterin des Fachbereichs Handel bei Verdi Berlin-Brandenburg - aber nicht schon in der Tarifrunde. Die Beschäftigten hätten sich zudem bei ihrer Arbeit an der Kasse oder im Lager permanent einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Die Konsequenz: »Sie wollen jetzt ihren Anteil am Gewinn sehen«, so Weißbach.

»Handel ist Wandel«, sagt Thomas Schneider. »Bis in die 1990er Jahre hatten im Arbeitgeberverband HDE die großen Warenhäuser das Sagen, dann kamen die Discounter groß raus und alles hat sich an ihnen orientiert. Dann haben sich die Markensupermärkte neu erfunden, jetzt haben wir die verschiedenen Online-Modelle…« Es gehe letztlich immer um das Gleiche, so der Leipziger Gewerkschaftssekretär: »Profite und das Minimalisieren der Personalkosten.«

Die Abwertung von qualifizierten Tätigkeiten habe eine Beschleunigung erfahren, meint Schneider. »Bei einem großen Parfümhändler gibt es einen Showroom, in dem dir die Düfte um die Nase geweht werden. Und wenn du dich entschieden hast, sollen die Verkäufer*innen dir sagen, wie du das im Internet bestellen kannst. Die haben die Anweisung, sich selber überflüssig zu machen.«

Die laufende Tarifrunde sei für Verdi unter anderem deshalb eine sehr schwere. Nach dieser jahrelangen Abwertung sagen Arbeitgeber nun: »Für so eine niedere Arbeit zahle ich nicht mehr Geld.«

Gleichzeitig steigen Arbeitsverdichtung und Kontrolle, so Schneider. Die Einführung des »digitalen Marktleiters« bei einem Discounter, einem Gerät, das die Beschäftigten bei sich tragen müssen und das permanent neue Arbeitsaufträge ausgibt, erinnere ihn »stark an die Handscanner bei Amazon: komplett entfremdete Arbeit unter extrem hohem Druck«.

Beschäftigte im Lebensmitteilhandel haben sich krank gearbeitet und fühlen sich wenig wertgeschätzt. Auf der anderen Seite herrscht im Non-Food-Bereich vielerorts die Angst um den Arbeitsplatz. »Die Arbeitgeber erkennen das und versuchen die Kolleg*innen gegeneinander auszuspielen«, sagt Schneider, »aber bisher zeigt das keine Wirkung. Die Belegschaften stehen und streiken auch füreinander.«

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