Der Fluch der Plastiktüte

Ein kolumbianisches Umweltprojekt sorgt für nachhaltige Entwicklung in der kargen Region La Guajira

  • Von Knut Henkel, La Guajira
  • Lesedauer: 8 Min.

Murujuy heißt das kleine Dorf, das Rosa López regelmäßig besucht. Die energische Frau ist eine traditionelle Anführerin der Wayúu und repräsentiert fast zwei Dutzend Orte ganz im Norden der Halbinsel Guajira. »Murujuy gehört eigentlich nicht zu den Rancherías, die ich vertrete, aber die Leute haben mich gebeten, mich für sie zu engagieren«, erklärt die Frau von Anfang 50. Rancherías werden die Dörfer der Wayúu in der Region genannt, und López hat eingewilligt.

Das Dorf Murujuy besteht aus rund einem Dutzend aus Ästen, knorrigen Baumstämmen und Reisiggeflecht gefertigten Hütten; die Leute sind arm, und es fehlen ihnen Perspektiven in der kargen Region. Das soll sich ändern, und die ersten Schritte dafür sind bereits gemacht. Murujuy befindet sich im Wandel. Solarpanels auf dem Dach der Umweltaula zeugen davon, der kleine Gemüsegarten im Windschatten von zwei Häusern ebenso. Auch sind die Familien jetzt weniger misstrauisch und gehen offener auf Besucher zu.

Außerdem ist es rund um das Dorf, das ganz im Norden Kolumbiens nahe der Grenze zu Venezuela liegt, auffallend sauber. In den Kakteenhainen ist nicht das eigenartige Rascheln der zerfetzten Plastiktüten zu hören, die sich in den Dornen der Kakteen verfangen haben. Keine Plastikflaschen, keine leeren Konservendosen, Bonbonpapier oder andere Reste von Verpackungen häufen dort sich wie in anderen Dörfern. »Die Menschen haben begriffen, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, ob sie umgeben von Müll leben oder nicht«, sagt Rosa López mit einem anerkennenden Augenzwinkern. Das Umdenken kam allerdings nicht ganz von allein, denn Rosa López hat den Kontakt zu Movimiento Ambientalista Colombia (MAC), einer großen Umweltbewegung in Kolumbien, aufgebaut und sie mehrfach nach Murujuy gelotst.

Umweltpädagogik schafft einen Wandel

Das hat zu nachhaltigen Veränderungen geführt. »Weil es Strom gibt, können heute die Frauen aus Murujuy auch abends an ihren Handarbeiten sitzen, und die Kinder können auch dann noch ihre Hausaufgaben machen«, erzählt Rosa López. »Der Lehrer von der MAC hat den Menschen aus dem Dorf zudem beigebracht, ihre eigene Umwelt zu schätzen, hat ihnen gezeigt, welche Pflanzen nur wenig Wasser brauchen und wie sie den Müll entsorgen können«, meint Rosa López. Sie arbeitet mit Kirchen, Umweltorganisationen wie der MAC, Stiftungen und staatlichen Akteuren zusammen, um Hilfe für die oft abgelegenen Wayúu-Dörfer ganz im Norden der Provinz La Guajira zu bekommen.

Die sind weitgehend sich selbst überlassen, weil die staatlichen Institutionen hier kaum präsent sind. Die Bewohner leiden vor allem unter dem Wassermangel. Oft regnet es nur ein-, zweimal im Jahr, und die Ziegenherden der Wayúu finden nur wenig Nahrung auf dem Land. Zwischen 300 000 und 450 000 Menschen zählt die indigene Ethnie Schätzungen zufolge. »Genaue Zahlen gibt es nicht, weil der staatliche Zensus hier erst gar nicht auftaucht«, erklärt Rosa López und rollt missbilligend mit den Augen. Kinder, die mangelernährt sind, gibt es immer wieder. Manchmal verdursten auch welche. »Die Tankwagen der Regierung kommen zu selten in die Dörfer, und der Klimawandel hat die Lage weiter verschärft«, bestätigt Camilo Prieto, Gründer und Direktor von MAC. Die Umweltorganisation ist in mehreren Regionen des Landes aktiv und hat ihre Arbeit trotz der Pandemie zumindest teilweise aufrechterhalten können. Bestes Beispiel dafür ist Kuisa, ein kleines Dorf im Distrikt Uribia nahe der Grenze zu Venezuela, wo die MAC seit Jahren ein Internat unterstützt.

Solaranlagen sorgen auch dort für Energie, damit wird der Computersaal versorgt und die Wasserpumpe für den Schulgarten. »Umweltbildung, nachhaltige Energieversorgung und landwirtschaftliche Anbaustrategien sind drei Eckpfeiler unserer Arbeit. In der Guajira haben wir die bittere Erfahrung gemacht, dass von der Energie, die hier durch Windkraft und den Kohleabbau generiert wird, bei der Bevölkerung nichts ankommt«, kritisiert Prieto. 2014 hat der Chirurg die MAC als Stiftung gegründet, die sich auf Spenden und freiwillig Arbeitende stützt. Solar- und Computertechniker, Pädagogen, Agrarwissenschaftler, aber auch Ärzte und Entwicklungsexperten sind bei der Organisation immer willkommen.

Lernprozesse brauchen Zeit

Ganz oben auf der Agenda der MAC steht die Zusammenarbeit mit den Gemeinden. Manuel Elias Pushaina ist zum Beispiel bis zum Beginn der Pandemie einmal pro Woche nach Murujuy gekommen, um in der Umweltaula zu unterrichten, die aus Holz und Reisig gebaut ist. Er hat Kurse in Umweltschutz und nachhaltigen Anbaustrategien gegeben. Außerdem standen das Sammeln von Plastikmüll und die Verwertung von Ziegenmist auf dem Programm. Derzeit ruht der Unterricht wegen der Pandemie, und Pushaina sorgt sich um seine Schüler. »In den abgelegenen Dörfern der Guajira haben es die Menschen viel schwerer, denn dort kommt kaum Lebensmittelhilfe an. Die Regierung ist weit weg«, sagt der 27-jährige Lehrer schulterzuckend.

Während der Pandemie hat sich die Umweltorganisation auf ihre Kernprojekte wie das Internat in Kuisa konzentriert. Dort lernt der talentierte Nachwuchs der Wayúu das Eigene zu schätzen und zu bewahren. Der Schutz der Schildkröten, das Wappentier der MAC, gehört genauso dazu wie das traditionelle Wissen über landwirtschaftliche Anbaufolgen, Ziegenhaltung oder über Fertigung von Stoffen mit traditionellen Mustern, die sich auf vielen Taschen und Armbändern wiederfinden. Hergestellt und verkauft werden sie vor allem von den Wayúu-Frauen in der Region.

»All das sind Lernprozesse, die Zeit benötigen«, erzählt Camilo Prieto. Er setzt auf die kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Gemeinden, nicht nur bei der Entwicklung nachhaltiger Überlebenskonzepte in den teilweise extrem trockenen Regionen der Guajira, sondern auch ganz praktisch beim Sammeln von Plastikmüll oder der Behandlung kranker Gemeindemitglieder. Das sorgt für Akzeptanz in den Gemeinden, berichtet Manuel Elias Pushaina. Der Lehrer aus Manuaure, einer Kleinstadt nahe Rioacha, der Hauptstadt von La Guajira, ist selbst Wayúu und möchte Perspektiven schaffen. »Das Meer aus Plastikmüll um die Rancherías, aber auch der Städte nimmt uns den Platz zur Entfaltung. Wir müssen aktiv werden und für unsere eigene Zukunft eintreten. Der Umweltschutz ist dabei ein wichtiger Schlüssel«, meint der junge schmächtige Pädagoge. Zwei Semester bis zum Abschluss an der Universität fehlen ihm noch, nebenher arbeitet er als bezahlter Freiwilliger für das Movimiento Ambientalista.

Bald hofft die Organisation, den Unterricht in den fünf oder sechs Umweltaulas in den Dörfern der Guajira wieder aufnehmen zu können. Dies hängt allerdings von der Zahl der gemeldeten Infektionsfälle ab. Im Internat lief der Unterricht seit Beginn der Pandemie im März 2020 ohne Unterbrechung. Das freut natürlich Rosa López, die vor 30 Jahren selbst Glück hatte und über die Kirche in einem Internat in Uribia, der Hauptstadt der Wayúu, landete. Das hat ihr den Zugang zu einer anderen, spanischsprechenden Welt eröffnet. Die Kontakte und vor allem die Ausbildung nutzt sie heute, um bei Stiftungen, Kirchen und staatlichen Institutionen Hilfe für Dörfer wie Murujuy zu organisieren. Darüber hinaus versucht sie, Unterstützung für jene Ortschaften vor Gericht einzuklagen, die weder an das Strom- noch an das Trinkwassersystem angeschlossen sind. Oft jedoch ohne Erfolg.

Wirkungslos blieben bislang auch die eher halbherzigen Initiativen der Regierung in Bogotá, den Plastikmüll zu verringern, meint Camilo Prieto. »Obwohl vor allem an den Küsten das Plastikproblem immer sichtbarer wird, unternimmt die Regierung kaum etwas. Es gibt keine kohärente Umweltpolitik«, kritisiert Prieto. »Die Beschränkungen beim Gebrauch von Plastiktüten ist das Einzige, was die Regierung in den letzten Jahren auf den Weg gebracht hat«, erklärt der Mediziner aus Bogotá, dessen Stiftung immer wieder auf Missstände beim Umweltschutz in der Guajira, aber auch in anderen Regionen wie dem Departamento del Chocó aufmerksam macht. Auch dort zeigt die Regierung kaum Präsenz.

Felder übersät von Plastikmüll

Die Provinzstadt Uribia mit ihren rund 200 000 Einwohnern wird von einem Bahndamm zerschnitten. Kohle aus dem Süden der Guajira wird über den Hafen von Puerto Bolívar ganz im Norden in alle Welt exportiert. Millionen von Tonnen verlassen jedes Jahr das Land. Gigantische Lokomotiven, die mehr als 150 Waggons ziehen können, donnern mehrmals am Tag durch die Stadt. Links und rechts des Bahndamms, der den Verwaltungsbezirk in zwei Hälften teilt, erstrecken sich ganze Felder mit Kunststoffabfällen. Plastiktüten, die sich in den struppigen Sträuchern der trockenen Savanne verfangen haben, Plastikflaschen, Einweggeschirr und vieles mehr verwandeln die Flächen rund um die Stadt in eine Müllkippe.

Kein Zufall, denn anders als in anderen Regionen funktioniert in der Guajira die öffentliche Infrastruktur nur rudimentär. Recyclinganlagen gibt es ebenso wenig wie eine funktionierende Wasserversorgung. Reporter der Wochenzeitung »Semana« haben 2019 mit eindrucksvollen Fotos und harten Fakten auf die Missstände in der zweitärmsten Region des Landes aufmerksam gemacht. Zwölf Gouverneure in acht Jahren zeugen von einer hohen Fluktuation in der Politik; Korruption sei für die aktuellen Missstände ein wesentlicher Grund, berichtete »Semana«.

Hinzu kommen die negativen Effekte des Klimawandels, die dafür sorgen, dass der ohnehin wenige Regen noch spärlicher fällt, wodurch die Lebensgrundlage vieler Wayúu-Familien gefährdet ist. Häufiger denn je sind sie auf Wasser per Tankwagen angewiesen. Hinzu kommt, dass die Wasserbehörden nicht sehr effizient arbeiten und das größte Unternehmen der Region, die Steinkohlemine Cerrejón, zwischen 17 und 30 Millionen Liter Wasser täglich verbraucht, unter anderem, um die staubigen Abraumhalden zu benetzen. Realitäten in der Guajira, die seit Jahrzehnten bekannt sind und zur Perspektivlosigkeit vieler Familien beitragen. Das sind harte Realitäten, die nicht gerade die einfachsten Voraussetzungen sind, um den Umweltschutz voranzubringen.

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