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Von Zwängen und Zwecken

Wir brauchen Kunst und Kultur nicht für etwas - sondern für uns. Dafür bedarf es aber Frieden und Freiheit

  • Von Alexander Estis
  • Lesedauer: 8 Min.

Vor mittlerweile gar nicht mehr so kurzer Zeit war ich ein kleiner Junge aus Moskau, der in einem Hamburger Vorort mit deutschen Kasusendungen kämpfte und überhaupt versuchte, möglichst deutsch zu werden. Allerdings sind Kasusendungen dafür keine Voraussetzung, sonst hätte so mancher deutsche Patriot keine Nationalität mehr. Ich lernte aber auch, und das war dann doch eher meine russische Prägung, auf dem Akkordeon zu spielen. Und wissen Sie, wer mir, dem Jungen aus Moskau, die ersten russischen Volkslieder beibrachte? Ein älterer deutscher Herr, der sie in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft einstudiert hatte. Wenn er »Katjuscha« oder »Kalinka« intonierte, überzog eine wahrhaft sibirische Melancholie sein Gesicht. Und wenn er von der Zeit der Kriegsgefangenschaft erzählte, hätte man meinen können, es sei die schönste in seinem Leben gewesen. Damals, so seine Worte, habe er wahre Kameradschaft gefunden. Und die Musik.

Kunst kann in und aus größter Not entstehen, auch im Krieg, das wissen wir alle. Aber niemals kann wirkliche Kunst für den Krieg entstehen, für Spaltung, für Menschenfeindlichkeit. Das mag banal und pathetisch klingen, aber es ist wahr. Echte Bildung zur Kunst ist immer auch Bildung zu Frieden und Freiheit. Dazu muss die Kunst jedoch von sämtlichen Zweckbestimmungen frei bleiben - nicht zuletzt auch von diesem Bildungszweck selbst. Andernfalls verkommt sie zur plumpen Didaxe, degradiert zu einer mehr oder minder künstlerisch verbrämten Moralunterweisung.

Eine an pädagogische Zwecke gebundene Kultur und Kunst verhindert, dass Kunstwerke spezifische ästhetische Erfahrungsweisen anstoßen. Wenn ein Drama in der schulischen Interpretation immer nur eine klare moralische Botschaft vermittelt, die man fein säuberlich von der Tafel ins Heft abschreibt, um sich dann dem nächsten Objekt interpretativer Verwertung zuzuwenden, gleicht man einem Touristen, der das Pantheon mit seinem Iphone fotografiert und sogleich zum Jardin du Luxembourg weiterläuft. Denn die simplifizierte, mundgerechte Aufbereitung von kulturellen Häppchen leistet dem vorherrschenden Konsumismus Vorschub. Kulturelle Bildung bedeutet aber eben auch die Auseinandersetzung mit dem Komplexen, dem Uneindeutigen, mit dem Schmerzvollen. Das ist in uns allen drin, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Also sollten wir uns dessen besser bewusst sein.

Ähnlich verhält es sich mit politischer Bildung durch Kunst. Partizipation an Kunst ist immer auch Partizipation am demokratischen Prozess. Man sagt uns daher: Kunst soll politisch sein. So weit, so gut. Nur: Was heißt »politisch«? Offenbar darf Kunst heute nur solange als politisch gelten, wie sie unmittelbar auf das tagespolitische Geschehen bezogen bleibt: Indem sie »hinterfragt«, »kommentiert«, besser noch »interveniert«, oder zumindest eine eindeutige »Message« präsentiert. Das ist zu kurz gedacht.

Warum sollte Kunst, die den Menschen in seinem Innersten ergreift, durchdringt, bewegt, die sein Dasein in den Grundfesten erschüttert, ihm den Schleier seiner Weltsicht von den Augen reißt und sein Denken für das Bedeutende erst empfänglich macht - warum sollte diese Kunst nicht politisch sein? Die Vorstellung, Kunst müsse sich als solche ständig tagespolitisch engagieren, erzeugt eine Kunstform, die den Menschen nicht auf lange Sicht bildet, sondern ihn bestenfalls in kurzzeitige Aufruhr versetzt, in einen konformistischen Trubel, dem tiefere Orientierung fehlt. Künstlerische Arbeit wird so letztlich identisch mit politischem Aktivismus und journalistischer Leitartikelproduktion. Richtet sich Kunst in solchem Maße an kunstfremden Kriterien aus, gibt sie ihr Innerstes preis. Sie verzichtet damit auf ihr eigengesetzliches und apriorisches Existenzrecht und verliert ihre ureigene formale Widerständigkeit, so dass sie in letzter Konsequenz von politischen Agenden vereinnahmt werden kann. So wird vermeintlich politische Kunst zu einer reinen Stichwortempfängerin der Politik. Es gilt daher, die besondere Eigenart der künstlerischen Welt- und Selbsterfahrung zu schützen.

Kunst braucht - wie jedes andere humane Gut - nicht nur Frieden, sondern mit ihm auch Freiheit, Freiheit von ausnahmslos allen Vereinnahmungen, Indoktrinationen und Zweckansprüchen. Nur dann kann sie das leisten, was nur sie leisten kann.In zunehmendem Maße und gerade in Zeiten der Pandemie erleben wir jedoch, wie der ubiquitäre Utilitarismus seine garstigen Finger auch um den Hals der Kunst legt. Die Politik kolportiert das kurzsichtige Kriterium der Systemrelevanz: Kultur sei keinesfalls überlebenswichtig, heißt es da etwa, man könne das Theater durchaus eine Zeit lang entbehren. Gewiss, eine Schließung der Theater für einige Monate führt nicht zu einem Massensterben von notorischen Premieregängern. Und wir können nun hoffen, dass die Schließungen ohnehin bald der Vergangenheit angehören werden.

Es bleibt allerdings die Frage: Welche Konsequenzen, welche Lehren wollen wir aus alledem ziehen? Wollen wir den - sei es auch nur zeitweiligen - Verlust des öffentlichen Kulturlebens als nicht weiter bedauernswerte Bagatelle abtun? Wollen wir die plumpe Kulturfeindlichkeit der Politik und ihre Rhetorik der Ignoranz unerwidert lassen? Es heißt nicht zwangsläufig, die Angemessenheit der Maßnahmen an sich in Misskredit bringen zu wollen, wenn man den Wert kultureller Praxis immer wieder hervorhebt. Denn wie so oft in derartigen Belangen stehen auch hier ideelle, symbolische Aspekte im Vordergrund.

Die Initiative »Kultur ins Grundgesetz« ist eine wichtige und dringend notwendige Erwiderung auf diese kulturfeindlichen Tendenzen. Sie fordert ein, dass dem hohen verfassungsrechtlichen Rang der Kultur ebenso vorbehaltlos entsprochen wird, wie der Gesetzgeber dies vorsieht. Damit hebt sie auf ein anderes Argumentationsniveau ab als viele andere Proteste von Kulturtätigen. Oft arbeiten diese nämlich mit gut gemeinten Legitimierungsversuchen des Kulturbetriebs: So unterstreichen sie etwa, dass Kunst und Kultur wichtig sind, weil sie einen Bildungsauftrag erfüllen, Aufklärungsarbeit leisten, in schweren Zeiten erbaulich wirken, das Gemeinschaftsgefühl stärken und den gerade jetzt so vermissten persönlichen Austausch förderten - kurzum, dass sie relevant und systemrelevant seien.

Das ist auf triviale Weise richtig, und es kann nur traurig stimmen, dass man diese Selbstverständlichkeiten überhaupt aussprechen muss. Zugleich bleiben diese Argumente nicht ganz unverfänglich. Denn sie übernehmen ein Stückweit die pragmatistische Logik der sogenannten Entscheider, die außerhalb des Kulturbereichs stehen und denen die fundamentale Notwendigkeit von Kultur offenbar alles andere als evident ist. So verständlich dieses legitimatorische Vorgehen also auch sein mag, verkauft es Kunst weit unter Wert - indem es ein erratisches Wertesystem reproduziert.

Kunst ist nicht für etwas anderes da, für Politik, Demokratie, Umwelt, Bildung oder Gesundheit - auch wenn sie auf allen diesen Terrains Großes leisten kann. Nein: Kunst gehört zu den wenigen Aspekten unseres Lebens, die sich außerhalb von dessen Erfordernissen und Zwängen konstituieren, den Sinn also nicht aus diesen beziehen, sondern wirklichen Sinn überhaupt erst zu stiften vermögen. Wir brauchen Kunst nicht für etwas - sondern für uns. Jede andere Begründung ist nichts als ein Zugeständnis an horizontbeschränkte Zweckrationalitäten.

Die Existenz und Bedeutung von Kultur muss nicht begründet werden, sondern umgekehrt sollten kulturfeindliche Tendenzen in einer Kulturgesellschaft unter Rechtfertigungsdruck stehen: Wenn Kultur aus Sicht eines Systems nicht relevant ist, dann sollte man dringend nach der Relevanz dieses Systems aus Sicht der Kultur fragen. In solchen Diskursen ist Kultur nämlich immer wieder eine Art sekundäre Komponente. Kultur gewissermaßen als Autoradio: Nett, wenn man es hat, aber das Auto fährt auch ohne.

Die Tragweite dieses Selbstbetrugs ist kaum zu überschätzen. Was uns droht, wenn Kultur und Wissenschaft abgewertet werden, ist nichts Geringeres als eine perfekte Vertierung. Um vermenschlichend zu wirken, muss die Kunst, wie ich nicht müde werde zu betonen, von allen Zwängen frei sein. Geistig unfreie Kunst verfolgt Zwecke, die ihr von außen aufgetragen werden. Sie wird Trägerin einer Ideologie, einer Religion, eines politischen Programms.

Natürlich ist die Kunst seit Jahrtausenden darin geübt, auch dann zu größter Freiheit aufzusteigen, wenn sie vereinnahmt wird. Genau das zeigt ihr Vermögen, Freiheit zu schaffen und zur Freiheit zu bilden. An diesem Streben aus den vorgesetzten Grenzen hinaus wird deutlich, dass der Wille zur Freiheit für die Kunst wesentlich ist. Er ist sowohl ihre Bedingung als auch ihr Resultat. Menschen verfolgen sehr unterschiedliche Ziele - und meist ihre ganz eigenen Interessen. Daher sind die Logiken der Zwecke eher trennend und nur partikulär verbindend. Sie führen dazu, dass wir andere Menschen als Mittel oder sogar Hindernisse wahrnehmen und sie danach einteilen, ob sie unseren Zwecken entsprechen oder nicht.

In der Befreiung vom Zwang der Zwecke liegt nicht nur eine große Entlastung unseres Denkens und Fühlens, sondern auch die Chance auf Gemeinschaft. Wir wissen, dass unsere Zwecke unterschiedlich sind, dass wir unterschiedliche Prioritäten setzen, unterschiedliche Weltbilder haben, dass wir also in vielen Dingen nie einig werden können. Das ist gerade in der Pandemie besonders deutlich geworden - sie hat selbst zwischen Freunden tiefe Gräben gezogen. Dies zu akzeptieren, fällt schwer. Doch Humanität bedeutet, den Menschen frei von Zwecken zu sehen. Und gerade diese durch und durch humane Befreiung von Zwecken gehört, wie gesagt, zum Wesen der Kunst.

Ich erinnere mich an die Erzählungen meines Akkordeonlehrers: Erst die völlig »zwecklose« Musik gab den Soldaten die Freiheit zurück, einander als das zu sehen, was sie waren. Und selbst die unüberbrückbare Entfernung zwischen der unergründlichen sibirischen Seele und dem spröden Gemüt des Ostfriesen mag in diesem Moment wenn nicht verschwunden, so doch geschrumpft sein. Indem Menschen für freie Kunst empfänglich werden, befreien sie sich selbst von der Diktatur der Zwecke und öffnen sich für die Grunderfahrung des Menschseins, die uns alle eint. Selbst wenn die Formen, die Rezeptionsweisen und auch die Partizipationschancen sehr unterschiedlich sein können, ist diese Grunderfahrung letztlich doch universal, unabhängig von Nation, Geschlecht, Stellung und Klasse. Wenn also Kunst das leisten soll, was nur sie leisten kann, muss sie aus der Freiheit kommen und in die Freiheit führen.

Alexander Estis, 1986 in einer jüdischen Künstlerfamilie in Moskau geboren, übersiedelte 1996 mit seinen Eltern nach Hamburg über, studierte Philologie und lebt seit 2016 als freier Autor in Aarau, Schweiz.

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