Die Kunst des Kontrapunkts

Jeder einzelne Ton ist wichtig: Der linke Komponist und Pianist Frederic Rzewski ist gestorben

  • Von Berthold Seliger
  • Lesedauer: 5 Min.
Am wichtigsten ist, dass man gewillt ist, zu improvisieren: Frederic Rzewski, 2002.
Am wichtigsten ist, dass man gewillt ist, zu improvisieren: Frederic Rzewski, 2002.

Den wichtigsten Satz soll man als erstes aufschreiben, also: Frederic Rzewski war einer der wichtigsten und politischsten Komponisten unserer Zeit. Herausragend ist sein 1975 entstandenes Klavierwerk »The People United Will Never Be Defeated«: 36 Variationen über das chilenische Kampflied »El pueblo unido, jamás será vencido« (Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden) von Sergio Ortega, das zur Zeit der sozialistischen Allende-Regierung entstanden ist und nach dem Putsch von Pinochet 1973 zu einem Widerstandssong gegen dessen Militärregime wurde.

Rzewski, der das Lied das erste Mal auf einem Konzert der chilenischen Folkgruppe Inti-Illimani hörte und danach auf der Straße begeistert die Melodie sang, die ihn seitdem nicht mehr losließ, komponierte seine Variationen auf Anregung der Pianistin Ursula Oppens anlässlich der 200-Jahr-Feiern der USA 1976.

Dass er als US-amerikanischer Komponist, geboren 1938 in der Kleinstadt Westfield, Massachusetts, der dann unter anderem in New York und in Italien lebte, zu diesem chilenischen Lied griff, hatte eine explizit politische Bedeutung: nicht nur als Symbol der Solidarität und Unterstützung des chilenischen Widerstands, sondern auch angesichts der Unterstützung Pinochets durch die USA, die Verwicklungen der CIA in den Militärputsch und den Missbrauch des südamerikanischen Staats als Versuchsfeld für die neoliberalen Theorien der »Chicago Boys« um Milton Friedman.

»The People United« ist ein Monster von einem Werk. Die 36 Variationen - jede umfasst 24 Takte, und immer sechs Variationen sind zu einer Gruppe zusammengefasst, deren sechste die fünf vorangegangenen rekapituliert - bearbeiten und spiegeln das Thema mit allen zur Verfügung stehenden kompositorischen und pianistischen Mitteln, aber, so der Komponist, in festgelegter Reihenfolge: »1. ›simple events‹, 2. Rhythmen, 3. Melodien, 4. Kontrapunkte, 5. Harmonien und 6. Kombinationen all dieser Stilmittel«. Bereits die Bearbeitung des Themas zeigt Rzewskis Kunst: Es beginnt »with determination«, also mit Entschlossenheit und im Fortissimo, erinnert an einen Marsch, der aber durch Betonungen auf unbetonten Taktteilen ad absurdum geführt wird. Dann löst Rzewski das Thema spielerisch in Triolen auf, bis er es schließlich entschlossen aus einem Pianissimo in einen vorwärtsdrängenden Rausch verwandelt, jeder einzelne Ton im Fortissimo noch zusätzlich mit einer Betonung versehen (wie wir es von seinem fernen revolutionären Bruder im Geiste kennen - von Beethoven): Jeder einzelne Ton ist wichtig, es kommt auf alle an!

Die Variationen reichen von raffinierten, die gesamte Tastatur verwebenden (»weaving«) einstimmigen Kaskaden über kontrastreiche und expressive Stücke, Variationen in tonalen Strukturen nach der Art des 19. Jahrhunderts (das Lied fußt ja auf einem Thema von Paganini), Atonalem, Jazz, Folk oder Minimalismus. Immer wieder verwendet Rzewski die Kunst des Kontrapunkts, dessen Einführung er für eine der größten Innovationen der abendländischen Musik überhaupt hielt: In einer Vorlesung zum Thema »Musik und politische Ideale« sprach er von den »erstaunlichsten Beispielen eines blühenden und verzierten Kontrapunkts aus dem 14. Jahrhundert«. Neben dem chilenischen Lied verwendet Rzewski zwei weitere bekannte Songs: das italienische Revolutionslied »Bandiera rossa« (weil »das italienische Volk in den 70er Jahren seine Türen für so viele vor dem chilenischen Faschismus Geflohene geöffnet hat«) in Variation 13 und Hanns Eislers antifaschistisches »Solidaritätslied« von 1932 (als Erinnerung, »dass Parallelen zu den aktuellen Bedrohungen in der Vergangenheit bestehen« und »dass es wichtig ist, daraus zu lernen«).

Und immer wieder verlangt Rzewski von den Interpret*innen des Werks den Willen zur Improvisation, sei es unterschwellig, indem er, etwa in der dritten Variation, verlangt, dass einzelne Töne frei und jenseits der Notation ausgehalten werden, sei es durch eine großangelegte freie Kadenz, die »bis zu fünf Minuten oder so« dauern soll, zwischen der letzten Variation und der ausgedehnten Wiederkehr des Themas am Schluss. Dessen ausufernd lange Version ist vom Komponisten als Anspielung auf die Idee gedacht, »dass die Vereinigung des Volkes eine lange Geschichte und ohne große Mühen nicht zu gewinnen ist«.

Igor Levit, einer der herausragenden Interpreten von Rzewskis Komposition, hat »The People United« bewusst gemeinsam mit zwei anderen gigantischen Variationswerken veröffentlicht, mit Bachs Goldberg- und mit Beethovens Diabelli-Variationen. Damit stellt Levit Rzewskis Werk zu Recht in eine Reihe mit diesen großen Werken und ihren Schöpfern: Rzewski hat gewissermaßen die »Diabelli-Variationen« des 20. Jahrhunderts geschrieben.

Doch man würde dem Komponisten, dem ausgezeichneten Pianisten (der unter anderem Stockhausens teuflisch schwieriges »Klavierstück X« uraufführte) und überzeugtem Linken Unrecht tun, wenn man ihn auf dieses eine Werk reduzieren würde. Rzewski hat eine Vielzahl wunderbarer und aufregender Stücke komponiert: Etwa die vier »North American Ballads« (darunter »Which Side Are You On?«), »Mayn Yingele«, ein Thema mit 24 Variationen, oder »The Road«, jeweils für Klavier, das Auschwitz-Oratorium »The Triumph of Death« nach dem Text »Die Ermittlung« von Peter Weiss, Orchester- und Kammermusik, Choräle (»Stop the War!«, 1995) und Lieder wie »The Burgers of Rostock« (1992). Engagierte Musik, die sich einmischt, die Farbe bekennt und sich »mit den konditionierenden Kräften der Gesellschaft, der die Menschen ausgesetzt sind«, beschäftigt, wie er in der Vorlesung schrieb.

Frederic Rzweski war auch ein großer Lehrender, er wirkte unter anderem von 1977 bis zu seiner Emeritierung 2003 als Professor für Komposition am Konservatorium in Lüttich, war aber auch an Universitäten wie Yale, der University of California, der Hochschule der Künste Berlin, der Hochschule für Musik Karlsruhe oder in Den Haag tätig. Seine Schriften und Vorträge sind in dem unverzichtbaren Band »Unlogische Folgerungen« versammelt, das als »MusikTexte«-Band veröffentlicht wurde. Viele seiner Kompositionen sind bei der Online-Bibliothek ISMLP frei zugänglich, weil er es vorzog, die Idee des Urheberrechts zu umgehen. Frederic Rzewski starb am 26. Juni im italienischen Montiano im Alter von 83 Jahren an einem Herzinfarkt.

Eine Auswahl wichtiger Aufnahmen: Rzewski plays Rzewski, Piano Works, 1975-1999 (Nonesuch, 2002); 36 Variations on »The People United Will Never Be Defeated«: Hervorragende Einspielungen u. a. von Ursula Oppens (Vanguard Classics, 1993), Marc-André Hamelin (Hyperion, 1999), Kai Schumacher (Wergo, 2009), Igor Levit (Sony Classical, 2016); Scratch Symphony, Michael Gielen/SWR Sinfonieorchester (Col Legno, 1999) Songs of Insurrection, Thomas Kotcheff (Coviello, 2020)

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