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Plötzliches Erwachen

Der Roman »Der ehemalige Sohn« zeigt den komatösen Stillstand in Belarus - und den Protest dagegen

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 8 Min.

Sasha Filipenkos Roman »Der ehemalige Sohn« hatte 2014 einen Auftakt mit Paukenschlag: Sein Romandebüt wurde mit der Russkaja premija ausgezeichnet, dem Literaturpreis für russischsprachige Schriftsteller außerhalb der Russischen Föderation, und der Autor von der russischen Ausgabe der Zeitschrift »Gentlemen’s Quarterly« als »Entdeckung des Jahres« gewürdigt.

Mit 30 Jahren war der belarusische Schriftsteller Sasha Filipenko durch sein prophetisches Buch bereits in aller Munde. Noch vor Beginn der breiten Protestbewegung in Belarus forderte er mit seinem Roman die Freiheit ein, die Präsident Alexander Lukaschenko der belarusischen Bevölkerung immer noch nicht geben will. Sein Protagonist, ein junger Musiker, verlässt Belarus, weil er unter dem repressiven Regime nicht leben kann. Der ungewöhnliche Romantitel beschreibt genau das, was der Autor damals empfand: »Ich wollte ein Buch über Menschen schreiben, die sich wie ehemalige Söhne und Töchter ihres Landes fühlen (…), über Menschen, die gezwungen sind, ihr Zuhause zu verlassen.«

Sieben Jahre nach seiner Entstehung ist der Roman aktueller denn je. Filipenko gestand, dass ihn das als Autor freue, als belarusischer Staatsbürger jedoch auch traurig mache: »Die Aktualität meines Romans zeugt leider davon, dass Veränderungen zum Besseren in unserem Land nur sehr, sehr langsam vor sich gehen.«

Mit Volha Hapeyeva, Alhierd Bacharevič und Viktor Martinowitsch gehört Sasha Filipenko zu einer jüngeren Generation belarusischer Schriftsteller. 1984 in Minsk in einer multinationalen russischsprachigen Familie geboren, besuchte er den musikalischen Zweig eines Minsker Kunstgymnasiums. Für ein Studium, das er mit einer Magisterarbeit über französische Literatur abschloss, ging er an die Universität von Sankt Petersburg. Ab 2009 arbeitete er in Russland und Belarus als Fernsehjournalist, unter anderem als Moderator beim unabhängigen Fernsehsender Doschd, bis sein erstes Buch erschien. Inzwischen sind vier weitere Romane dazugekommen.

Die Teilnahme an den Minsker Protesten 2010 war für Filipenko der Impuls für den Roman »Der ehemalige Sohn«. Er nahm weiterhin an Protestmärschen teil und schrieb für ausländische Zeitungen über die politische Lage in seinem Land. Als er Gefahr lief, wegen seiner systemkritischen Haltung verhaftet zu werden, verließ er seine Heimat und zog mit seiner Familie nach Sankt Petersburg.

»Der ehemalige Sohn« nimmt mit der Minsker Katastrophe vom 30. Mai 1999 ein historisches Ereignis zum Ausgangspunkt. Damals feierte Minsk den »Tag des Bieres«. Tausende von jungen Leuten strömten zu einem Rockkonzert, als ein Gewitter aufzog und Starkregen mit Hagel einsetzte. Die Menschen wollten sich in Sicherheit bringen. Der einzige nahe Unterschlupf war der Eingang zur Metrostation Nemiga, deren Tore jedoch »vorsorglich« geschlossen wurden. Die Menge begann einen verzweifelten Kampf ums Überleben. Die Menschen drängten zurück, rangen nach Luft und erdrückten sich schließlich gegenseitig. Die Folge waren 53 Tote und mehr als 200 Verletzte.

Filipenko hat diese Katastrophe und ihre Folgen frei bearbeitet. Als Romanist schwärmt er für Camus, Sartre und Proust. Aber vor allem Louis-Ferdinand Céline scheint den temporeichen Stil seines Debütromans bestimmt zu haben. Er beginnt mit einem hämmernden Stakkato ultrakurzer Sätze und mit kühnen Bildern: die Sonne - ein Tiefflieger, die Flüsse - in Röhren verpackt, die Stadt - ein Syphilitiker. Filipenkos Stil besticht durch feinsinnige Ironie und den mit bitterem Ernst versehenen tiefschwarzen Humor. Ruth Altenhofer hat den Roman nicht nur kongenial übersetzt, sondern auch mit Anmerkungen versehen, die dem Leser wichtige Fakten, Hintergründe und Anspielungen erschließen.

Franzisk, der 16-jährige Protagonist, schwitzt zwischen Pflicht und Kür: fürs Konservatorium auf dem Cello üben oder mit Freunden zum Rockkonzert gehen? Großmutter Elvira bläut ihm ein, dass die Vorbereitung auf den »Gerichtstag« wichtig sei, an dem die Lehrkräfte darüber entscheiden, wer versetzt wird und wer sitzenbleibt. Besagter Tag ist seit Jahren mit einem festen Ritual verbunden: Ein mit Orden dekorierter Veteran hält vor den Schülern einen »ideologisch einwandfreien« Vortrag über den Krieg. Diesmal aber geht alles schief. Man hat einen »falschen« Kriegsteilnehmer eingeladen. Er trägt keine Orden und erzählt von einem Krieg, in dem er nicht gegen die Deutschen, sondern gegen die »Eigenen« kämpfte.

Für die »Roten«, die in den 30er Jahren seine Eltern getötet hatten, weil diese Belarusisch sprachen, habe er nicht sterben wollen. Auch nicht für den »Führer« in Moskau, der es nicht einmal verstanden hätte, nach dem Pakt vom August 1939 die Europakarte mit dem »Führer« in Berlin richtig aufzuteilen. Lieber sei er »in den Wald gegangen«, habe sich 1946 versteckt und erst 1991 wieder sicher gefühlt.

Der Vortrag verunsichert die Schüler, wirft Fragen auf, löst Streit aus über tabuisierte Themen, wie die tatsächliche Frontlage im Zweiten Weltkrieg, die nationale Identität der Belarusen, die Rolle ihrer Sprache und ihr Verhältnis zum »großen Bruder«. An ihrem geheimen Treffpunkt, der Toilette im vierten Stock, können die Schüler sich nicht einigen, beschließen aber, gemeinsam das Rockkonzert zu besuchen. Franzisk will am Eingang zur Metrostation auf seine Freundin Nastja warten. Kurz vor dem Konzert verändert sich urplötzlich das Wetter. Der Regen fällt »moderato, allegro, presto«. Einem Temperatursturz folgen Eissplitter wie Glas. Wieder lässt Filipenko die Sätze trommeln. Am Ende der Katastrophe liegt Franzisk im Koma.

Sein Stiefvater, der behandelnde Arzt, hält Franzisks Situation für aussichtslos. Seine Mutter und seine Freundin Nastja geben ihn auf. Nur Großmutter Elvira will sich nicht mit einem Exitus abfinden. Sie richtet sich im Krankenzimmer von Franzisk ein, liest ihm vor, stellt ihm Fragen, schockiert ihn mit Nadelstichen, kalten und heißen Bädern. Einmal engagiert sie sogar eine Prostituierte, um ihn sexuell zu stimulieren. Doch erst nach zehn Jahren geschieht das Wunder, 2009 schlägt Franzisk die Augen auf. In Belarus aber hat sich nichts verändert. Und Lukaschenko sitzt noch immer fest im Sattel.

Einen Tag vor seinem Erwachen stirbt die Großmutter. Franzisk, der Verkäufer in einem Baumarkt wird, erzählt ihr sonntags auf dem Friedhof, was ihn bewegt. Das ist in erster Linie das Gefühl, in einem Land zu leben, in dem die Zeit eingefroren ist. Auch aus den Gesprächen mit seinem Freund Stas, den die Verzweiflung später in den Selbstmord treibt, entnimmt Franzisk, dass Belarus unter Lukaschenko genauso lange im Koma gelegen hat wie er. Doch dann beobachtet er, wie zahlreiche Menschen ihre Angst verlieren, auf die Straße gehen und protestieren, obwohl sie brutal niedergeknüppelt, verhaftet und eingesperrt werden. Franzisk fehlt es jedoch an Mut, sich diesen Menschen anzuschließen. Wie viele seiner Landsleute sieht er den einzigen Ausweg in der Emigration. Er geht nach Deutschland, verdient sein Brot als Straßenmusiker und ist nur noch ein »ehemaliger Sohn« seines Landes.

In einem Interview mit der »Deutschen Welle« bestätigte Filipenko, dass Belarus inzwischen aus dem Koma erwacht sei. Es gebe auch eine neue Generation, die niemals im Koma gelegen und sich 2020 gegen die Wahlfälschungen gewandt habe: »Was jetzt in Belarus geschieht, ist eine Revolution des Stolzes, getragen nicht von politischen oder wirtschaftlichen, sondern von moralisch-ethischen Forderungen. Wir wollen in einem Land leben, in dem es keine unzumutbaren Dinge gibt, doch das Regime Lukaschenkos ist 2020 unzumutbar geworden. Man konnte schon immer ahnen, dass es sich in einer kritischen Situation so benehmen würde wie jetzt. Viele wollten das aber nicht sehen.«

Im Sommer 2020, als die Mehrheit der Belarusen für freie Wahlen demonstrierte, ging auch Filipenko auf die Straße. Renommierte russische Künstler wie der Musiker Andrej Makarewitsch, die Sängerin Vera Poloskowa und der Fernsehmoderator Leonid Parfjonow sowie Mitglieder der belarusischen Musikgruppe NaviBand traten mit Lesungen aus dem Roman »Der ehemalige Sohn« auf. Am 9. September 2020 wandte sich die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch auf der Webseite des belarusischen PEN-Zentrums mit einem Appell an die russische Intellektuellen. Sie wies darauf hin, dass die belarusische Opposition weder einen Umsturz vorbereiten noch die Gesellschaft spalten wolle. Was sie wolle, sei ein Dialog. Lukaschenko aber sage, er werde mit der Straße nicht reden. Doch die Straße - »das sind Hunderttausende, die jeden Tag auf die Straße gehen. Das ist aber nicht die Straße. Das ist das Volk.« Alexijewitsch fragte: »Warum schweigt ihr, obwohl ihr seht, wie ein kleines, stolzes Volk mit Füßen getreten wird? Wir sind doch immer noch eure Brüder.«

Auf den Appell der Literaturnobelpreisträgerin reagierten viele prominente russische Künstler und Schriftsteller. Ljudmila Ulitzkaja schrieb aus Italien, die Ereignisse in Belarus seien ein Modell für das, was in naher Zukunft in Russland geschehen werde. Prominente Schriftsteller wie Lew Rubinstein, Viktor Jerofejew, Dmitri Bykow, Olga Sedakowa und Dmitri Gluchowski, Journalisten, Übersetzer, Regisseure und Philologen erklärten sich mit Swetlana Alexijewitsch solidarisch.

Sasha Filipenko äußerte sich in der »taz« zuversichtlich: »Nennen Sie uns nicht ›Opposition‹ - wir sind die Mehrheit.« Im Vorwort zu seinem Roman schreibt er: »Dieses Buch ist ein Versuch zu analysieren, warum mein Land eines Tages in einen lethargischen Schlaf sank, aus dem es scheinbar gar nicht wieder aufwachen wollte. Dieses Buch ist (zumindest hoffe ich das) eine Erklärung dafür, warum die Belarusen 2020 nicht mehr weiterschlafen wollten und aus ihrem Koma erwachten.«

Sasha Filipenko: Der ehemalige Sohn. A. d. Russ. v. Ruth Altenhofer. Diogenes, 320 S., geb., 23 €.

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