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Die Ost-West-Vermittlerin

Astrid Landero erhält den Berliner Frauenpreis 2021

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Begegnung mit Astrid Landero in den Räumen von Paula Panke ist eine von der Sorte ›bleibende Erinnerung‹. In der schmalen Küche steht die Mittsechzigerin mit dem breiten Lachen, den eisblauen Augen und der heiseren, aber sonoren Stimme und bittet die Gäste, sich an Getränken und Snacks zu bedienen. Etwas von einer Künstlerin hängt der 1954 Geborenen an, und eine Art Autorität, die sich aus Erfahrung speist – nicht aus einer hochprofessionellen Erscheinung, die bei anderen oft glatt daherkommt, weil biografische Brüche entweder mühsam weggeschminkt werden müssen oder schon von vornherein besser gar nicht vorkommen.

Landero hingegen hat einige Brüche im Leben vorzuweisen. Nicht alle, aber einige davon hat sie sich selbst ausgesucht. Zuletzt war sie über zwölf Jahre im Team des Pankower Frauenzentrums Paula Panke und hat dort als Leiterin viel bewirkt. Zuvor führte sie die Geschäfte des Frieda-Frauenzentrums in Friedrichshain, leitete zwei Jahre das Büro der damaligen PDS-Bundestagsabgeordneten Barbara Höll, arbeitete an der Akademie der Wissenschaften. Wenn sie am Mittwochabend den Frauenpreis 2021 des Landes Berlin erhält, wird sie für vieles geehrt, was sie in den letzten 20 Jahren als feministische Netzwerkerin, Beraterin und Projektverantwortliche geleistet hat.

Letztlich ist es aber insbesondere die Zeit vor und kurz nach 1989, die – um es so zu formulieren – Astrid Landero auf den Weg gebracht hat zu der Art Feminismus, für den sie steht. Denn zunächst einmal gerät die gebürtige Thüringerin, die seit 1980 in Berlin lebt, deshalb mit Frauenpolitik und Feminismus in Berührung, weil sie beim Zentralrat der FDJ eine Stelle angeboten bekommt, bei der sie für die Beziehungen zu westeuropäischen Jugendorganisationen zuständig ist. »Ich mutierte dann so zu einer Art Feministin«, erinnert sich Landero 2018 in einem Interview für das Projekt »Berlin in Bewegung« des Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrums (FFBIZ).

Mit Mitte 30 gerät sie damit durchaus zwischen die Fronten, als nämlich 1990 die Frauenbewegten aus der DDR und feministische Aktivistinnen aus dem Westen aufeinanderstoßen und unter anderem beim ersten Ost-West-Deutschen Frauenkongress versuchen, gemeinsame Interessen und politische Anliegen zu formulieren – womit sie krachend scheitern. Zu verschieden waren die Realitäten und Vorstellungen, die aus der Entfernung noch hochinteressant und bewunderungswürdig gewirkt hatten. »Ich wollte vermitteln zwischen den Welten«, sagt Landero. Aber diese Erfahrung sei schwer gewesen. »Ich habe harte Jahre für die frauenpolitische Verständigung vorausgesehen.« Dennoch sei sie neugierig auf die Feministinnen aus »dem« Westen gewesen. Die »harten Jahre« hätten viele DDR-geprägte Frauen zum Rückzug bewegt. Astrid Landero hat trotzdem immer wieder den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Schon zu DDR-Zeiten.

So sucht sie mitten in der Aufbruchstimmung der Jahre 1988/1989 schließlich als Radiomoderatorin für den Jugendsender DT64 auch journalistisch nach Bereicherung und Inspiration. Sie habe »immer Zusammenhänge gesucht, wo ich die Welt wieder um mich hatte, und nicht irgendwas Piefiges«, erinnert sie sich daran, wie sie schon in den späten 1980er Jahren der DDR zusammen mit ausländischen Studierenden über Rassismus spricht und dazu auch Radiosendungen verfasst.

Der Berliner Frauenpreis wird seit 1987 verliehen, in der Regel um den Internationalen Frauentag am 8. März herum, in diesem Jahr pandemiebedingt erst an diesem Mittwoch. »Es ist mir eine Genugtuung«, sagt Astrid Landero kurz vor der Verleihung lachend am Telefon zu »nd«. Denn die Ehrung der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung hat eine Vorgeschichte. Mehrfach war Landero für den Preis nominiert, mehrfach wurde sie abgelehnt, unter anderem mit der Begründung, sie würde sich nur beruflich mit Gleichberechtigung befassen. »Ich habe so oft kritisiert, dass die Frauen aus dem Osten bei dieser jährlichen Auszeichnung unterrepräsentiert sind.« Langsam nur kämen so die Geschichten von Arbeitslosigkeit, ABM-Stellen, Putzjobs, der Kombination von Kindererziehung und frauenpolitischem Engagement an die Oberfläche, sagt Landero. Es ist auch ihre eigene Geschichte.

»Es wurde in der Begründung nicht erwähnt, was ich vor 1990 alles gemacht habe, aber dazu werde ich bei der Preisverleihung sprechen«, erklärt sie vorab. Und sie wird monieren, dass wieder Kürzungen geplant sind, wobei es explizit erneut feministische Projekte treffen soll. »Es ist sagenhaft, dass eine Kürzungsorgie gewagt wird, und ich zeitgleich für meine Arbeit ausgezeichnet werde«, empört sie sich. »Unglaublich, dass damit nicht mal mehr bis nach den Wahlen gewartet wird.«

Gleichstellungssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat für die Preisverleihung abgesagt. Sie wird wohl geahnt haben, dass Astrid Landero mit Blick auf Kalaycis Verwaltung kein Blatt vor den Mund nehmen wird.

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