Zweifel an Motiv Habgier

Aktivistinnen kritisieren Prozess um Doppelmord an Mutter und Tochter in Marzahn

  • Josefine Körmeling
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wurde in alle möglichen Richtungen ermittelt?« und »Jeder Femizid ist politisch« steht auf Schildern, die eine Handvoll Frauen am Mittwochmorgen vor dem Landgericht Berlin in Moabit hochhalten. Die Aktivistinnen sind Teil der »Homa und Tajala Aufklärungsinitiative«, die mit ihrer Aktion auf offene Fragen im seit September 2020 laufenden Gerichtsprozess sowie dem Ermittlungsverfahren zu einem brutalen Doppelmord in Marzahn aufmerksam machen wollen.

Dann beginnt der Prozesstag um den Mord an der 38-jährigen Afghanin Homa Z. und ihrer neun Jahre alten Tochter Tajala. Die beiden wurden im Februar 2020 in ihrer Wohnung in Marzahn auf grausame Weise mit Dutzenden Messerstichen getötet. Angeklagt ist ein Nachbar der Familie, Ali H. Er soll in der Wohnung eine große Summe Bargeld vermutet und die Frau und das Mädchen deshalb umgebracht haben.

Die Aktivistinnen kritisieren die Anklage. Andere mögliche Tatmotive seien im Verfahren nicht genug thematisiert, zu schnell sei in eine Richtung ermittelt worden. »Auch im Gerichtssaal selbst hat eine Reproduktion von Rassismus und Frauenfeindlichkeit durch die Verfahrensbeteiligten stattgefunden. Damit wird neue Gewalt produziert«, sagt eine Sprecherin, die den Prozess seit seinem Beginn mitverfolgt, zu »nd«.

Die Initiative ist Teil des »Netzwerks gegen Feminizide«, das sich gegen Gewalt an Frauen einsetzt. »Feminizid« steht für den gewaltsamen Tod von Mädchen und Frauen aufgrund ihres Geschlechts, der eine staatliche Verantwortung für geschlechtsspezifische Gewalt - durch unterlassene Hilfeleistung oder aktives Handeln - sichtbar machen soll. Das Netzwerk fordert die Aufnahme von Feminiziden als schwere Straftat ins Strafgesetzbuch.

Beim 28. Hauptverhandlungstag am Mittwoch verkündet die Vorsitzende Richterin, dass sich der Verdacht gegen den Angeklagten durch den Prozess erhärtet habe und es keine Argumente für die Überprüfung anderer möglicher Täter*innen gebe. Die Verteidigung kritisiert das. So sei Habgier als Tatmotiv angesichts der brutalen Art der Tötung der Mutter und ihrer Tochter nicht schlüssig, zumal kein Raubgut festgestellt worden sei.

Homa Z., die seit einigen Jahren mit ihrer Familie in einer Mietwohnung in Marzahn lebte, hatte immer wieder von rassistischen Anfeindungen durch Nachbar*innen berichtet, ebenso wie Zeug*innen aus dem Umfeld der Familie. Ein Nachbar soll laut Initiative dem extrem rechten Umfeld angehören, und auch die Verfahrensbeteiligten sprechen von dessen »klarer politischer Gesinnung«.

Anwältin Nadija Samour, die den Vater und Ehemann der Ermordeten als Nebenkläger vertritt, plädiert derweil für weitere Zeug*innenbefragungen. »Es handelt sich hier um einen Indizienprozess, bei dem konkrete Beweise fehlen, und es gibt noch viele offene Fragen. Ich war überrascht, dass der Anregung, die direkten Nachbar*innen als Zeugen zu laden, mit Ablehnung begegnet wurde«, sagt Nadija Samour zu »nd«. »Das Gericht hat die Begründung einer rassistischen Motivation der Nachbar*innen ausgeschlossen. Aber selbst wenn man eine solches Tatmotiv als unerheblich betrachtet, so ist es dennoch notwendig, die Nachbar*innen als Zeugen zu hören«, so Samour weiter. Denn die Wände in dem Mietshaus seien dünn. Weitere Befragungen aus der Nachbarschaft könnten genauere Hinweise über Tatzeitpunkt und Verlauf geben.

Der Prozess soll noch mehrere Monate andauern. Die Aktivist*innen wollen ihn weiter begleiten. Zum Jahrestag des Mordes im Februar organisierten sie eine Trauerkundgebung in Marzahn, bei der eine anonyme Künstlerin einen Gedenkstein für Homa und Tajala Z. errichtete. Schon ein paar Wochen nach der Kundgebung fanden Mitglieder der Initiative diesen Stein zerstört vor. Sie vermuten einen rassistischen Tathintergrund. Momentan laufen Gespräche mit dem Bezirksamt mit dem Ziel, einen offiziellen Gedenkstein für die beiden Frauen zu errichten.

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