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Neue Dämonen

Sergej Lebedews »Das perfekte Gift« ist ein Thriller, der rasanter nicht sein könnte

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Perfekt ist ein Gift, wenn es schnell und zuverlässig wirkt und danach nicht mehr nachweisbar ist. Wäre »Nowitschok« solch eine Substanz, wäre die Vergiftung von Sergej Skripal im März 2018 und von Alexej Nawalny im August 2020 anders ausgegangen. Oder sollte es so ausgehen, wie es geschah? So wie beide Fälle tatsächlich zu einer Propagandaschlacht gegen Russland den Anlass boten, dürften sie auch diesem Roman etwas Spektakuläres geben.

Das Buch ist bereits in 21 Sprachen übersetzt, wie ich von Sergej Lebedew erfuhr, den ich eigentlich zu einem »nd«-Literatursalon einladen wollte. Aber er ist in den nächsten Monaten in Schweden und Russland unterwegs und redigiert bereits ein neues Buch. Allein schon weil ich seine früheren auf Deutsch erschienenen Romane kenne - »Der Himmel auf ihren Schultern« (2013), »Menschen im August« (2015) und »Kronos’ Kinder« (2018) - bin ich neugierig auf »Das perfekte Gift« gewesen. Denn dieser Autor weiß seine Recherchen zur neuesten russischen Geschichte mit einer spannenden Handlung zu verbinden oder umgekehrt, er untersetzt seine Thriller mit historischer Forschung und bringt dabei Fakten zutage, die einem bisher kaum bekannt gewesen waren.

Tatsächlich hat es in der Nähe der Kleinstadt Schichany ein geheimes Forschungszentrum gegeben, wo Reichswehr und Rote Armee bei der Entwicklung und Erprobung chemischer Waffen kooperierten. Der Vertrag von Rapallo machte es Deutschland möglich, das Verbot zu umgehen, das im Vertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg ausgesprochen worden war. Dass in der UdSSR gesperrte Gebiete existierten, verborgene Städte, die irgendwie mit Militärischem zusammenhingen, war ein offenes Geheimnis. In »Sowjetsk-22«, später auf einer Klosterinsel, ist im Roman ein streng abgeschottetes Forschungslabor untergebracht, in dem der Chemiker Kalitin den Stoff »Debütant« entwickelte.

»Debütant« - da muss wohl jeder an »Nowitschok« (Neuling) denken. Und bei dem Geheimdienstagenten Wyrin, der im Westen durch diverse Gesichtsoperationen seine Identität zu verbergen trachtete, kommt einem der einstige Oberst des sowjetischen, später russischen Militärnachrichtendienstes Sergej Skripal in den Sinn. Der wurde laut Wikipedia 1995 vom britischen Auslandsgeheimdienst MI6 rekrutiert, für den er russische Agenten enttarnte. Vier Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem GRU flog die Sache auf. »Nach sechs Jahren in Haft wurde er 2010 im Rahmen eines Agentenaustauschs freigelassen und durfte sich in der englischen Stadt Salisbury niederlassen.« Aber Skripal soll noch weiterhin für vier Geheimdienste von NATO-Staaten gearbeitet und über aktive russische Spionagenetze informiert haben.

Dass Wyrin im Roman nach einem »Wespenstich« ins Koma fällt, damit beginnt die spannende Handlung allerdings erst. In Russland rätseln zwei Generäle darüber. Vor allem interessiert sie aber die Zusammensetzung der Untersuchungskommission im Ausland. Drei Experten sind ihnen bekannt, der vierte wird geheim gehalten, und sie vermuten zu Recht, dass es sich um Professor Kalitin handelt, den Erfinder der Substanz »Debütant«.

An der »Nachbarabteilung« vorbei soll eine »Maßnahme« vorbereitet werden. Zwei Agenten werden auf Kalitins Spur gesetzt. Abwechselnd folgen wir ihren Schritten, ihren Gedanken und Erinnerungen wie auch denen jenes Chemikers. Der ärgerte sich eine Weile, dass nach seiner Flucht in den Westen das dortige Geheimdienstinteresse an ihm eher gedämpft blieb. Aber er hat ja das Flakon eines teuren Herrenparfüms in seinem Reisenecessaire, in dem, schon seit Jahren, der »Debütant« verborgen ist. Sollte er sich nicht lieber in ein diktatorisch regiertes arabisches Land absetzen, wo man gut dafür zahlen würde?

So viel sei hier verraten: Dazu kommt es nicht mehr. Alle akribischen Planungen scheinen ohne den Gott Zufall gemacht. Das sorgt für Situationskomik, die dem Ernst des Ganzen keinen Abbruch tut. Ob man einen Verräter gewaltsam daran hindern soll, noch mehr Schaden anzurichten? Leser werden darüber nachdenken und heilfroh sein, mit derlei Fragen nichts zu tun zu haben. Fern von dem hier beschriebenen Milieu sind sie fein raus und können sich auf dessen Kosten dennoch spannende Unterhaltung gönnen. Manche werden Lust spüren, im Internet weiter zu recherchieren, nur mal so aus Interesse. Und alle werden sich gut dabei fühlen, dass sie nicht ein so beladenes Gewissen haben wie die meisten Gestalten des Romans. Wobei den Autor offensichtlich vor allem die Frage interessiert, was das Faszinierende an dieser Tätigkeit ist. Die Aura des Geheimnisvollen? Das angenehme Gefühl, Teil einer viel größeren Kraft zu sein? Allmachtsfantasien? »Die gute alte Jagd auf Menschen«? Grauenvoll, was sich da alles enthüllt.

Kalitin, der früher mit »Gliederpuppen« experimentierte, wird nun selbst zum »Objekt«. Wobei klar ist: Das Präparat aus dem Labor ist bereits auf den Schwarzmarkt gelangt. Aber Kalitin fühlte sich als »Schamane«, als »Erschaffer«. Im Gefühl »der Bedeutsamkeit des eigenen Lebens« wird ihm jede Trennung in Gut und Böse nichtig. Dostojewski lässt grüßen. In einem Interview, das sein russischer Verlag ins Netz stellte, bezieht sich Lebedew ausdrücklich auf dessen berühmten Roman »Die Dämonen«. Als Schlüsselthema des Buches nennt er die Verantwortung des Menschen vor Gott und dem Gewissen.

Was »Nowitschok« betrifft, so wurde dessen Existenz schon 1991 durch den in der UdSSR an der Entwicklung beteiligten Wissenschaftler Wil Mirsajanow bekannt gemacht. Die Folge waren Verhaftung und Hausarrest. Ihm drohte eine lange Haft in Russland, doch Menschenrechtsaktivisten und Mitglieder des US-Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten traten für ihn ein. Es war die Jelzin-Zeit. Als er 1995 im US-amerikanischen Princeton einen Wissenschaftspreis entgegennehmen sollte, ist er dort geblieben.

Sergej Lebedew: Das perfekte Gift. A. d. Russ. von Franziska Zwerg. S. Fischer, 255 S., geb., 22 €.

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