Mythos der Zukunft

Christoph Ransmayr erzählt in seinem Roman »Der Fallmeister« von einem Europa, das in Grafschaften, Stämme, Clans und bösartige Zwergenreiche zerfallen ist

  • Von Tom Wohlfarth
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Roman spielt an einem Fluss, der eindeutige Ähnlichkeiten mit der Donau aufweist.
Der Roman spielt an einem Fluss, der eindeutige Ähnlichkeiten mit der Donau aufweist.

Deutschland hat sich abgeschafft. Europa sowieso. In einen endlosen Scherbenhaufen einander verfeindeter Provinzen, anachronistischer »Grafschaften«, »Stämme, Clans und bösartiger Zwergenreiche« zerfallen, kämpfen die Mikro-Vielvölker Europas und der Welt aber nicht nur gegeneinander, sondern zugleich gegen die Folgen der Erderwärmung, die das Wasser geschmolzener Gletscher und Polkappen immer weiter über die Ufer und Küsten der Kontinente vordringen lässt, gleichzeitig aber blutige Kriege um knappes Trinkwasser hervorgebracht hat.

Es ist kein gänzlich unrealistisches Szenario, das der österreichische Autor Christoph Ransmayr in seinem Roman »Der Fallmeister« von der mittelfernen Zukunft entwirft. Einer Zukunft, die ihr Scheitern an den Herausforderungen der Gegenwart mit einem Rückfall in die Vergangenheit bezahlt, die Ransmayr, ein Meister zeitloser Welten, auch in Form von Sagen und Legenden zu einer Art überzeitlich-mythischen Märchenwelt gerinnen lässt, die Science-Fiction, Fantasie und Historie mal mehr und mal weniger virtuos miteinander verschränkt.

Die Vergangenheitsverfallenheit verkörpert sich in der Titelfigur des »Fallmeisters« - dem Vater des Erzählers -, denn so lautet die altehrwürdige Bezeichnung für den Schleusenwärter am »Großen Fall« des »Weißen Flusses« (der eindeutige Ähnlichkeiten mit der Donau aufweist). Die einstige Meisterschaft in der Beherrschung aufwendiger Kanalsysteme für die Salzschifffahrt ist jedoch nach Erschöpfung der umliegenden Bergwerke zur Tätigkeit eines Museumsverwalters verkommen. Diesen Nostalgiedienst versieht der Fallmeister mit einem »unstillbaren Haß auf die Gegenwart«, und es verwundert wenig, dass seine Sehnsucht nach glorreicheren Vorzeiten von Anfang an mit dem Motiv Tod verknüpft wird. »Mein Vater«, so beginnt der Roman, »hat fünf Menschen getötet«, denn er hatte die Fallschleusen einmal zu plötzlich geöffnet. Und schon wenige Seiten später folgt er auch selbst seinen fünf Opfern in die Tiefen des großen Falls.

Als diese beiden »Unfälle« sich im Laufe eines Jahres ereignen, ist die Familie des Fallmeisters längst ebenso zersplittert wie die politische Landschaft um seinen idyllischen Voralpen-Kleinststaat herum. Die Mutter war schon vor Jahren im Zuge ethnischer Säuberungen in ihre »adriatische Heimat«, die kroatische Insel Cres, abgeschoben worden. Die ältere Tochter Mira wird bald einem - nicht blaublütigen, dafür blauhaarigen - »Deichgrafen« an die nordseeische Elbmündung folgen. Der Sohn schließlich hat das aquatische Erbe des Vaters auf seine Weise angetreten und baut als Hydrotechniker im Dienst eines globalen Energiekonzerns hoch technisierte Wasserkraftwerke an den großen Strömen der Welt. Die Nachricht vom Tod des Vaters ereilt ihn an den Ufern des brasilianischen Rio Xingu und ruft ihm, dem ein Verlassen des Einsatzortes vom mächtigen Syndikat verboten ist, die Welt seiner Kindheit umso heftiger in Erinnerung.

Entgegen der offiziellen Darstellung ist der Erzähler davon überzeugt, dass sein Vater die Bootspassagiere absichtlich getötet hat, um wenigstens noch einen schwachen Widerhall der einstigen Herrschaft über Leben und Tod eines Fallmeisters erahnen zu können. Darüber hinaus findet der Sohn beim nächsten Heimatbesuch Hinweise darauf, dass der Vater seinen Tod nur vorgetäuscht haben könnte. Als Sohn des Vaters ist der Erzähler freilich auch selbst nicht frei von dessen Vergangenheitskrankheit, in seinem Fall symbolisiert durch die inzestuöse Beziehung zur Schwester - wie »Pharao und Pharaonin«. Als er schließlich dem verschwundenen Vater im Amt des Fallmeisters nachfolgen soll und ihn zugleich der Gedanke plagt, dass Mira ihrem Grafen tatsächlich aus Liebe gefolgt sein könnte und nicht nur wegen politischer Vorteile, macht er sich auf eine beschwerliche - und verhängnisvolle - Reise an die Nordsee.

Ransmayr versucht gar nicht erst, dieses megalomythische Plotplakativ auf der Climate-Fiction-Flamme kleinzukochen. Im Gegenteil wird die Geschichte durch ein Meer an Wasser- und Strömungsmetaphern aufs Genüsslichste hochgeschäumt. Ja, Ransmayrs Sprache gleicht oft selbst einem ausufernd strömenden Fließgewässer (besonders zu begutachten im vom Autor gelesenen Hörbuch). Das hat bisweilen etwas arg Disparates, etwa wenn der Erzähler - angeblich durch und durch Ingenieur und im väterlichen Museum ausschließlich mit digitalem Homeschooling aufgewachsen - die technische Dimension der neuen Welt in überwiegend altbackener Sprache beschreibt.

Zumeist aber gelingt Ransmayr sein Mythos der Zukunft. Etwa wenn er den Erzähler am kambodschanischen Fluß Tonle Sap in dessen jährlicher Strömungsumkehr infolge des Monsunregens ein eindrückliches Bild für die regressiven Bestrebungen der Zeit finden lässt. Oder wenn er ihn von »Birkenau-Nord« in einem versiegelten Zug über drei Tage und - statt wie heute nur eine - 20 bewaffnete Staatsgrenzen hinweg auf den Weg ins Wasserkriegsgebiet an der Elbmündung schickt. Aber auch, wenn schließlich inmitten einer im Wortsinn verwüsteten Adria-Insel doch noch Hoffnung auf etwas künftig Besseres aufscheint.

Christoph Ransmayr: Der Fallmeister, S. Fischer, 224 S., geb., 22 €. Als Hörbuch, gelesen vom Autor, erschienen im Argon-Verlag.

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