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Arbeit trifft Abstraktion

Der Filmemacher und Maler Jürgen Böttcher (Strawalde) wird 90

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

Jene, die nur den Tageserfolg kennen, halten ihn eher für gescheitert. Der Regisseur Jürgen Böttcher, der sich als Maler Strawalde nennt, durfte einen einzigen Spielfilm drehen, der 1966 noch vor der Endfertigung verboten wurde. Erst 1990 wird »Jahrgang 45« fertiggestellt. Seine Dokumentarfilme aus den 80er Jahren, heute legendär, wie »Rangierer«, »Ofenbauer« oder »Die Küche« galten dem Defa-Studio, wo der verbotene Spielfilmregisseur mehr geduldet als geschätzt wurde, als bloße »Heroisierung des Abseitigen«. Man murrte, er würde noch das ganze Branchenbuch verfilmen.

Als Maler unterrichtete er früh an der Volkshochschule - sein Schüler dort, Ralf Winkler, wurde als A. R. Penck zum Maler-Star der Nachwende-Szene. Dessen Markenzeichen, eine archetypische Zeichensprache, war bei Strawalde längst Teil seiner Bilderwelten gewesen.

Die Moden vergangener Zeiten altern schnell. Strawalde dagegen, der nun 90 Jahre alt wird, scheint sich malend und zeichnend immer mehr zu verjüngen. Da hat jemand die Entdeckerlust in der Welt der Farben und Formen keineswegs verloren - im Gegenteil!

Ein Star also ist Böttcher-Strawalde nie gewesen, dafür war er viel zu sperrig und eigensinnig (vielleicht an passend-unpassender Stelle auch zu arrogant); aber nun entdeckt man endlich sein ganzes bedeutendes Werk, faszinierend in seiner von Ideologie und Mode völlig unbeeindruckten Vielgestaltigkeit. Mehr noch, in seinen Werken scheint das Bild jener Zeit auf, in der sie entstanden. Aber immer mittels des unausrechenbar ästhetischen Ausdrucks, der von scheinbar unbeteiligter Beobachtung bis zur radikalen Konzentration der Form reicht. Das Sinnliche und das Gedachte scheinen sich in seinen Bildern zu suchen. Darum schließen sich für Böttcher/Strawalde Arbeit und Abstraktion nicht aus - vielleicht gründet in dieser Symbiose seine Ausdruckstärke.

Ob er wusste, als er 1984 über den damals 95-jährigen Maler Hermann Glöckner einen Film drehte, dass er damit ein paralleles Künstlerleben zeigte? Der Film offenbart Nähe und Sympathie zu dem lange verkannten (und nahezu missachteten) Vertreter der abstrakten Kunst in der DDR. Erst in seinen letzten zehn Lebensjahren rückte sein Werk stärker in den Fokus. Wir sehen einen jugendlich wirkenden Greis, aus dessen Augen eine visionäre Kraft leuchtet. Er spricht davon, dass es vor allem Studenten seien, die nun sein Werk entdeckten, und dass er damit seine künstlerische Mission erfüllt sehe. Glöckner zeichnet vor laufender Kamera - und wir sehen eine einfache Linie, die, auf der Grenze des Bewussten zum Unbewussten, ihren Weg über das Papier nimmt.

Eine Welt entsteht auf diese gleichsam halbautomatische Weise, die ganz einfach scheint. Und doch bedarf es einer Jahrhunderterfahrung, sie so laufen zu lassen, dass sie darin einen komplizierten Inhalt ausdrückt. Und Böttcher, der Regisseur, bietet Glöckner die Bühne, will keines seiner Worte, keine seiner Gesten versäumen.

Die gleiche gespannte Aufmerksamkeit und Hochachtung bringt er den einfachen Arbeitern entgegen. So in »Martha«, einem Dokumentarfilm über eine 1910 geborene Trümmerfrau, die von 1945 bis 1978 Kriegstrümmer in Berlin beseitigte - zuletzt war sie beim VEB Tiefbau Berlin, im »Sieb- und Brechwerk« in Rummelsburg. Am Anfang war alles Handarbeit, man bildete Eimerketten für den Schutt, der auf den Straßen lag. Und am Ende war es für Martha immer noch Handarbeit, nun aber am Fließband stehend, alles aus dem Schutt sortierend, was nicht zu Split weiterverarbeitet werden konnte.

Eine selbstverständliche Persönlichkeit, die keine großen Worte macht, die nichts mehr beweisen muss. Die Trümmer, die der Krieg hinterließ, sind schließlich fast alle weggeräumt (fast ausschließlich von Frauen), da kann sie nun auch - mit bald 70 - in Rente gehen. Sie ist mit ihrem Leben zufrieden. Selbstverständlich musste sie immer die gleiche schwere Arbeit wie die Männer tun, wurde aber - das zu sagen, ist ihr wichtig - genauso bezahlt wie diese. Böttcher hört zu und blickt hin, wie hier gearbeitet wird: Große Steinbrocken, die nicht in die Maschinen passen, müssen mit Hämmern per Hand zertrümmert werden; eine Arbeit, bei der jedoch mehr gelacht als geflucht wird. Ist dies ein Arbeiterparadies? Vielleicht, aber ein schmutziges und auch ein recht ärmliches, in dem es überall an allem mangelt.

Das ist der Stoff, an dem sich Böttcher als Dokumentarist immer aufs Neue abarbeitete. Auch Köchinnen (wieder fast nur Frauen) in der Großküche, sehr alte und sehr junge, bestimmen die Szene. Sie reden nicht über ihre Rechte, sie nehmen sie sich einfach. Böttcher über seine Arbeit als Dokumentarist: »Dokumentarfilm, wie ich ihn verstehe, ist eine magische Kunstform, die Beschwörung des ganz und gar Wirklichen, ein Seismogramm des Augenblicks.« Als die Wende kam, kündigte Böttcher sofort im Dokumentarfilmstudio; die Wirklichkeit, der Stoff seiner Filme, war ihm abhandengekommen.

Einerseits dies, andererseits hat Böttcher als Filmemacher die Ästhetisierung - wieder zum Ärger des Defa-Studios - auf die Spitze getrieben. Mit »Potters Stier«, »Venus nach Giorgione« und »Frau am Klavichord« schuf er 1981 drei Kurzfilme, mit denen er den Brückenschlag vom Film zur Malerei wagte. Er selbst übermalt hier vor laufender Kamera die Postkarten dieser berühmten Werke mit eigenen Zeichnungen. Solcherart Anverwandlung und Verwandlung gleichermaßen gelang nicht einmal dem von ihm bewunderten Jean-Luc Godard!

Man sollte »Jahrgang 45« wieder ansehen, diesen zur Musik von Henry Purcell und Wolf Biermann (!) im Stile der Nouvelle Vague 1966 entstandenen Ostberliner Hinterhof-Film mit Rolf Römer als Al und Monika Hildebrand als Li, er Automechaniker, sie Säuglingsschwester. Sie haben jung geheiratet, zu jung, finden sie plötzlich, wollen sich wieder scheiden lassen. Ein Thema des Existenzialismus, aber keines des sozialistischen Realismus. Eine junge Generation sieht sich zwischen Fülle der Möglichkeiten und früher Resignation hinter der Mauer gefangen gesetzt. Man schwankt zwischen Zustimmung und Verweigerung. Doch in ihrem Unbehagen fühlen sie sich von den alten Genossen, die längst selbstgefällige Funktionäre sind, unverstanden und bevormundet. Die Atmosphäre des »Bonjour Tristesse«, die Böttcher hier erschafft, begriff die SED-Spitze dann zu Recht als Angriff auf die eigene bigotte Verkleinbürgerlichung.

Die Bilderwelten Strawaldes, der immer weiter malt und zeichnet, haben etwas auf karge Weise Romantisches. Sie kultivieren den nicht instrumentalisierbaren Traum einer Verwandlung ins Eigene. Auch den Corona-Lockdown nutzte Strawalde dazu, sich mit dem Thema der äußeren Einschließung auseinanderzusetzen.

Die Berliner Guardini-Galerie zeigt nun aus Anlass seines 90. Geburtstages die Ausstellung »14 neue Bilder«, die noch bis zum 30. Juli zu sehen ist. Laute innere Aufbrüche, Metamorphosen in Farbe und Form, die von seiner unbändigen Ausdrucksenergie zeugen. Denn in einem bleibt er sich treu: Alles, was er vorfindet, wird von ihm - in höchstem Respekt, aber zugleich ungebrochener subversiver Lust - mit Eigenem übermalt.

»Strawalde - 14 neue Bilder«, bis 30. Juli in der Guardini-Galerie, Askanischer Platz 4, Berlin.

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