Blaupause für die sozialistische Stadt

Eine Sonderausstellung im Museum Utopie und Alltag blickt auf die von Umbrüchen geprägte 70-jährige Geschichte Eisenhüttenstadts

  • Von Martin Kröger, Eisenhüttenstadt
  • Lesedauer: 5 Min.
Shoppingparadies: Die erste Selbstbedienungs-Kaufhalle in Eisenhüttenstadt, um 1960
Shoppingparadies: Die erste Selbstbedienungs-Kaufhalle in Eisenhüttenstadt, um 1960

Im Zentrum der sozialistischen Stadt soll sich der »bestimmende Kern« herausbilden. Hier sollen sich die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten wiederfinden. So zumindest sahen es die Grundsätze des Städtebaus der DDR vor, die das Ministerium für Aufbau im Sommer 1950 erlassen hatte. Die Modellstadt für die Stadt »neuen Typs« sollte eine Planstadt an der Oder werden, die ab 1953 »Stalinstadt« hieß und dann 1961 in Eisenhüttenstadt umbenannt wurde. Doch in der Modellstadt wird das Zentrum bis heute nie fertig errichtet. »Der zentrale Platz bleibt immer unbebaut«, sagt Florentine Nadolni. Die DDR-Planungen scheiterten genauso wie das Vorhaben in den 90er Jahren, ein großes Einkaufszentrum zu errichten. Nadolni ist die Leiterin des Museums Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt, in dem das Kunstarchiv Beeskow und das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR vereint sind.

In einer neuen Sonderausstellung in dem Museum mit dem Titel »Ohne Ende Anfang. Zur Transformation der sozialistischen Stadt« wird seit dem 4. Juli dieses Jahres die Geschichte Eisenhüttenstadts, das sein 70-jähriges Stadtjubiläum begeht, nachgezeichnet. »Die neue Sonderausstellung ist sehr wichtig, um die Stadt in den Mittelpunkt zu stellen«, erläutert Florentine Nadolni. 70 Jahre nach Beginn der Errichtung der Stadt im märkischen Sand, 30 Jahre nach der politischen Wende in Ostdeutschland ist die städtische Zukunft Eisenhüttenstadts ungewiss. Einst für 25 000 Menschen grundsätzlich neu geplant, mit viel Raum für die Menschen, die in dem Stahlwerk arbeiten sollten, mit dem die DDR sich eine eigene Roheisenbasis verschaffen wollte, wuchs die Stadt an der Oder bis zum Jahr 1989 auf über 50 000 Bewohnerinnen und Bewohner an. Dann der Bruch mit der Wende: Fast die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner wandert ab, quasi eine ganze Generation verlässt die einstige Modellstadt. Schrumpfen statt Wachstum ist die Folge.

Das betrifft auch die Industrie. An der Wand in der Sonderausstellung mit ihren Modellen, Stadtplänen und Dokumenten hängen auch zahlreiche Fotografien, die in Magenta eingefärbt sind, und jene Umbruchphase nach 1990 dokumentieren. Fotos, auf denen Arbeiterinnen und Arbeiter eine »Stützung für EKO Stahl« und »Arbeit für Frauen« einfordern. Bilder, auf denen der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière (CDU), vor Ort im Stahlwerk bei Gesprächen gezeigt wird. Der Kampf um den Fortbestand des Eisenhüttenkombinats, der auch mit großen Demonstrationen und einer Autobahnblockade geführt wurde, ist am Ende erfolgreich. Es gibt eine Rettung für das Werk, die allerdings einen hohen Preis hat: Von einst rund 12 000 Jobs bleiben bis heute lediglich rund 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übrig. Die ArcelorMittal Eisenhüttenstadt GmbH, wie das Werk heute nach einer Fusion im Jahr 2006 heißt, ist immer noch der größte Arbeitgeber und der größte Steuerzahler vor Ort, aber die Zukunftsfrage drängt sich aktuell auch wieder für das Stahlwerk auf. Wie kann das Werk auf eine sogenannte grüne Stahlproduktion umgestellt werden? Von der Beantwortung dieser Frage hängt auch die Zukunft Eisenhüttenstadts maßgeblich ab.

Wie massiv und schmerzlich die Veränderungen nach 1990 waren, zeichnet die Schau im Museum für Utopie und Alltag aber nicht nur auf Fotos eindrücklich nach. Mithilfe von akribisch nachgebauten Stadtmodellen aus Bauklötzen etwa wird gezeigt, wo überall bereits Gebäude verschwunden sind. Viele der Wohnblöcke, die ab der 60er Jahre in der DDR in serieller Bauweise errichtet wurden, sind mittlerweile mit Gelder des Programms »Stadtumbau Ost« abgerissen worden. Dazu zählt in Eisenhüttenstadt auch eine sogenannte Mega-Platte mit 300 Wohnungen, die im Oktober 1998 gesprengt wurde. An die Stelle des kollektiven Wohnens tritt das Eigenheim. Dort, wo in Eisenhüttenstadt die Wohnkomplexe standen, stehen heute nun auf vergleichsweise kleinen Grundstücken Einfamilienhäuser. Man spricht von »Shrinking Citys«, also schrumpfenden Städten.

In Eisenhüttenstadt gelingt es der Stadtverwaltung - trotz leerer Stadtkassen - immerhin, Teile der alten sozialistischen Modellstadt zu erhalten. »Es gelingt, den Kern sehr stark zu sanieren und barrierefrei zu machen und etwa Balkone anzubringen«, sagt Museumsleiterin Nadolni auf einer Führung durch die neue Sonderausstellung. Dafür gewinnt die Stadt sogar 2018 einen »Sonderpreis« des Deutschen Städtebaupreises. Berlinerinnen und Berliner dürfte der Anblick der vier- bis fünfgeschossigen Wohnhäuser ohnehin stark an die Gebäude der Karl-Marx-Allee erinnern, die ebenfalls aus der Zeit des sozialistischen Klassizismus stammen. In der Schau zeigen viele Fotobestände die Aufbausituation der Modellstadt. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen schildern in Videos ihre Eindrücke, als sie seinerzeit in die für damalige Verhältnisse so saubere und weiße Stadt zogen.

Unbeleuchtet bleiben indes aktuellere Zuwanderungsbewegungen. Dass in Eisenhüttenstadt beispielsweise Zigtausende Migrantinnen und Migranten über die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung nach Deutschland und Brandenburg gelangen, wird in der Ausstellung leider gar nicht thematisiert. Das »Ankunftszentrum« am Rande der Stadt in einer alten Polizeikaserne findet in der Schau keinerlei Erwähnung.

In den Räumlichkeiten der Sonderausstellung geht es aber nicht nur um Eisenhüttenstadt. Ein Teil der Schau beschäftigt sich auch mit Schwedt, einer weiteren sozialistischen Stadt, die im Umfeld der petrochemischen Industrie an der Oder aufgebaut wurde. Darüber hinaus wird ein internationaler Vergleich zur polnischen Stadt Nowa Huta gezogen, ein Stadtteil von Kraków, in dem ebenfalls einst ein Stahlwerk das Stadtbild prägte, bis es abgewickelt wurde.

Die Ausstellung in Eisenhüttenstadt wirft aber nicht nur Blicke zurück, sondern auch in die Zukunft: Es wird die Frage aufgeworfen, wie sich diese Städte in Zukunft weiter entwickeln werden? Wird die Schrumpfung anhalten oder ergeben sich nicht auch neue Optionen? Schließlich bietet Eisenhüttenstadt mit seiner weitläufigen Architektur, den begrünten Höfen und seine Wegführungen durch die Höfe, der Wasserlage mit einem Fluss und einem Kanal eine vergleichsweise hohe Lebensqualität. Für Pendlerinnen und Pendler ist der Weg nach Berlin mit anderthalb Stunden Zugfahrt offenbar zwar zu weit. Aber durch die Coronakrise könnten sich neue Chancen eröffnen: Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch, Homeoffice ist daraus nicht mehr wegzudenken. Es wird sich zeigen, ob die neuen Tendenzen zur Stadtflucht und dem Arbeiten in der Kleinstadt oder dem ländlichen Raum nicht auch Auswirkungen auf Eisenhüttenstadt haben. Fest steht: Die ehemalige sozialistische Planstadt hat ein riesiges Potenzial. Das Interesse zu dem denkmalgeschützten städtebaulichem Ensemble, auch in der Wissenschaft, ist ungebrochen. »Wir wollen mit der Ausstellung Impulse setzen«, sagt Museumsleiterin Nadolni.

»Ohne Ende Anfang. Zur Transformation der sozialistischen Stadt«. Sonderausstellung des Museums Utopie und Alltag, Bis 29. Mai 2022, Erich-Weinert-Allee 3, 15890 Eisenhüttenstadt.

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