Trotziges Antwortverhalten

JEJA NERVT: Über die hysterische Verzweiflung der Deutschen beim Gendern

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.
Weder weiblich, noch männlich? Das überfordert Teile der deutschen Medienlandschaft.
Weder weiblich, noch männlich? Das überfordert Teile der deutschen Medienlandschaft.

Die Deutschen kennen sich nicht mit queeren Themen und Menschen aus. Das ist das Ergebnis einer YouGov-Umfrage aus dem ebenfalls weitgehend unbekannten »Pride Month« Juni. 64 Prozent der Deutschen wollen nicht wissen, wofür Kürzel wie »LGBTQIA+« stehen, und über die Hälfte der Befragten gibt an, nicht zu wissen, was »queer« heißt. Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle über eine repräsentative Umfrage zum Stand der Meinungsfreiheit geschrieben. Laut den erhobenen Daten hat inzwischen mehr als die Hälfte der Deutschen Angst, die eigene Meinung zu bestimmten Themen zu äußern - oder behauptet das zumindest. Ich habe Zweifel, ob solche Selbsteinschätzungen vorhandene Ängste und (Nicht-)Wissen abbilden können - oder ob es sich dabei nicht eher um politisch motiviertes Antwortverhalten handelt.

Auf diesen Verdacht komme ich, weil bereits das öffentliche Reden über queere Themen von so großer Lust an Verzerrung durchdrungen ist. Im Interview mit der »Brigitte« erteilte Armin Laschet am Mittwoch, angesprochen auf das Reizthema geschlechtergerechte Sprache (unter Hobby-Sprachwissenschaftlerinnen und Hütern des Deutschen auch »Gendern« genannt), dem Genderstern eine Absage: »Man muss so sprechen, dass 80 Millionen Menschen mitkommen.« Gemeint ist: Die überwältigende Mehrheit der friedlich so vor sich hin lebenden Deutschen ist außerstande, geschlechtergerechte Sprache bloß kognitiv zu verarbeiten, weshalb ein entsprechender Sprachwandel einen Angriff auf die Integration in ihre eigene Gesellschaft darstellt.

Martin Dahms hat für das Redaktionsnetzwerk Deutschland in einem als Meldung getarnten Meinungsstück sein Unbehagen darüber niedergeschrieben, dass in Spanien jetzt ein Selbstbestimmungsgesetz für Trans- und Intergeschlechtliche eingeführt wird - ein Gesetz, das in Deutschland erst kürzlich an der Großen Koalition im Bundestag gescheitert ist. Dahms arbeitet als Korrespondent in Madrid und hat von dort aus besten Ausblick auf das spanische Diskursgeschehen. Irritiert notierte er, die Debatten um das neue, von der Regierungskoalition beschlossene Gesetz seien in Spanien »erstaunlich leise«.

Das hinderte ihn jedoch nicht, über den »fast unverständlichen Jargon« des Themas nüchtern zu behaupten: »Die meisten Spanier kommen da nicht mehr mit.« Es scheint ihm dabei jedoch weniger um die empirische Frage zu gehen, ob die Bürger*innen da tatsächlich »mitkommen« oder nicht, sondern um ein Gefühl, ein Bedürfnis: Man kann da gar nicht mitkommen. Das queere Anliegen ist so irre, dass man selber irre sein muss, um da mitzukommen.

Friedrich Merz brachte diese hysterische Verzweiflung über die verrückten Queers und ihre offensichtlich widersinnige Sprache in einem viel diskutierten Tweet auf den Punkt, in dem er witzelte: »Spielplätze für Kinder und Kinderinnen?« Seinen wertvollen Debattenbeitrag erklärte er so: »Wer gibt diesen Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?« Doch wie sollten besagte »Gender-Leute« überhaupt in der Lage sein, ungefragt die Sprache von 83 Millionen zu verändern, wenn nicht mit einer durch nichts gerechtfertigten, geheimnisvollen Macht, die Leuten gegen ihren eigentlichen Willen die Zunge im Munde verdreht?

Die Mehrheitsgesellschaft reagiert, wie wir aus diesen Beispielen lernen können, auf Forderungen nach queeren Rechten und sprachlicher Inklusion mit verschwörungsempfindsamer Selbstinszenierung als Opfer einer zu mächtigen Minderheit. Das Gefühl sagt: Eine Bande von Verrückten will, dass wir eine Sprache verstehen, die aber nicht zu verstehen ist, weil sie gegen die Regeln der Wirklichkeit (Männer und Frauen!), gegen jede Logik verstößt. Vor diesem Hintergrund können Sie erahnen, was Menschen antworten, die die simple Frage gestellt bekommen: »Wissen Sie, was ›queer‹ bedeutet?« Und wenn Ihnen jetzt noch nicht aufgegangen ist, was ich meine, schlage ich vor: Fragen Sie Ihren Teenager-Sohn mal, ob er weiß, wie man die Waschmaschine bedient. Wir verstehen uns.

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