Ihre klare, mutige Stimme wird fehlen

Zum Tod Esther Bejaranos, Shoah-Überlebende und großartige Interpretin jiddischer Lieder

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.
Esther Bejarano als Vorsitzende des von ihr gegründeten Auschwitz-Komitees der Bundesrepublik Deutschland – Foto aus den 80er Jahren
Esther Bejarano als Vorsitzende des von ihr gegründeten Auschwitz-Komitees der Bundesrepublik Deutschland – Foto aus den 80er Jahren

Den letzten großen öffentlichen Auftritt bestritt sie am 8. Mai auf einer kleinen Bühne im Hamburger Gängeviertel. Sie berichtete von ihrer Befreiung am 3. Mai 1945 durch Soldaten der Roten Armee und der US-Armee, die kurz nacheinander in der kleinen Stadt Lübz an der Müritz eintrafen. Zum diesjährigen Tag der Befreiung hatte Esther Bejarano eine Petition initiiert, die von über 150.000 Menschen unterzeichnet worden ist: »Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig«, hieß es darin. Der Tag des Sieges über den Faschismus, des größten Zivilisationsbruchs in der Menschheitsgeschichte sollte nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern auch des Nachdenkens »über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit« sein.

Esther wird am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Tochter des aus Berlin stammenden Kantors und Religionslehrers Rudolf Loewy und dessen aus Thüringen kommender Gattin Margarete, ebenfalls Lehrerin, in Saarlouis geboren. Die Jüngste von vier Geschwistern verlebt eine unbeschwerte Kindheit in Saarbrücken, wo ihr Vater Oberkantor der jüdischen Gemeinde ist und jüdische Religion unterrichtet. Das temperamentvolle, musikalisch begabte Mädchen, das alle ob ihrer Zierlichkeit nur »Krümel« nennen, erfreut Eltern, Freunde und Bekannte, wenn sie singt und steppt wie Shirley Temple, ein damals populärer US-Kinderstar, Hollywoods Darling. Esther lernt Klavier und erweist sich auch hier als Talent. Bei den Loewys wird koscher gegessen, die hohen religiösen Festtage werden zünftig gefeiert, »obwohl meine Eltern liberale Juden waren«, wie sich Esther Bejarano erinnerte. »Wir haben früher ein wirklich schönes Leben gehabt.«

Mit der Ernennung Hitlers zum deutschen Reichskanzler ziehen dunkle Schatten alsbald auch über das Saarland, das 1919 als Wiedergutmachung nach dem vom Deutschen Kaiserreich angezettelten und verlorenen Ersten Weltkrieg Frankreich zugestanden wurde. Die Saarländer wollen »Heim ins Reich«, schließen sich 1935 Deutschland wieder an. Nun sehen sich auch die Juden in Saarbrücken zunehmenden Repressionen ausgesetzt. Zwei Geschwister von Esther wandern aus. Der Vater ist indes überzeugt, dass der braune Spuk bald vorbei sein wird. Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich bereits in der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 zeigen soll. SA-Banden demolieren jüdische Geschäfte, setzen jüdische Gotteshäuser in Brand, verhaften willkürlich jüdische Männer. Auch Esthers Vater. Die Familie ist zwei Jahre zuvor nach Ulm umgezogen, da der Vater dort eine neue Stelle als Kantor erhielt.

Auch in der Stadt an der Donau, bekannt vor allem durch den legendären »Schneider von Ulm«, einem frühen Flugpionier, tobt der Mob. Der Vater wird in ein Gefängnis nach Augsburg verschleppt. Er empört sich, erklärt, ein deutscher Patriot zu sein; er habe sein Leben fürs Vaterland riskiert, vier Jahre im Felde gestanden, sei mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Doch die SA-Schergen lachen ihn aus, verhöhnen ihn, beantworten jeden Widerspruch mit Prügel.

Auch Schwester Ruth gerät in jener schlimmen, kalten Novembernacht in die Fänge von Antisemiten, wird brutal zusammengeschlagen, kann lange nicht mehr laufen. Nach ihrer Genesung kehrt auch sie der für Juden und alle Andersdenkende gefährlich gewordenen Heimat den Rücken. Sie heiratet im holländischen Exil einen ungarischen Juden. Davon erfährt Esther im Februar 1942, im letzten Brief der Schwester. Seit zwei Jahren war Holland da bereits unter deutsch-faschistischem Knute, die Okkupanten machen auch dort Jagd auf Juden. Ruth wird »auf Transport« nach Auschwitz geschickt und kurz darauf ermordet. Jahrzehnte später, wenn Esther Bejarano auf der Bühne oder vor Schülern die Geschichte der Familie von Anne Frank erzählt, im August 1944 von der Gestapo aus ihrem Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht gezerrt und nach Auschwitz deportiert, muss sie auch an ihre Schwester Ruth denken.

Vater Loewy hat nach der sogenannten »Reichskristallnacht« jegliche Hoffnung verloren. Er schickt seine Jüngste nach Berlin, wo sie eine jüdische Schule besucht, die Kinder und Jugendliche auf die Alija, die »Rückkehr«, also die Einwanderung nach Palästina, vorbereiten soll. Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges vereitelt das Vorhaben. Esther muss Zwangsarbeit leisten, hat Glück im Unglück, arbeitet in einem Fleurop-Blumenladen in Fürstenwalde. Die Eltern hingegen ereilt der Befehl, sich in einem Sammellager einzufinden, um in den deutsch-okkupierten Osten deportiert zu werden. Erst Jahre nach der Befreiung erfährt Esther Bejarano, dass sie im November 1941 im litauischen Kowno (Kaunas) von SS-Männern erschossen worden sind. Die Vorstellung, dass »meine Eltern sich in einem Wald nackt ausziehen mussten, man sie mit anderen Opfern in einer Reihe aufgestellt, dann einfach abgeknallt hat und sie in einen Graben gefallen sind – das ist für mich das Schlimmste und viel grauenhafter als all das, was ich in Auschwitz erlebt habe«, betonte Esther Bejarano später immer wieder.

Sie selbst hatte sich am 20. April 1943 im Sammellager in der Großen Hamburger Straße in Berlin einzufinden, um von dort ins NS-besetzte Polen verschleppt zu werden. Sie war 19 Jahre jung. In der Todesfabrik von Auschwitz wird ihr die Häftlingsnummer 41948 in die Haut gebrannt. Die zierliche junge Frau muss Steine schleppen. Zusätzliche Essenrationen ergattert sie, in dem sie Blockältesten Lieder von Schubert, Mozart und Bach vorträgt. Dabei erwirbt sie sich zugleich das Eintrittsbillett für das im Aufbau befindliche »Mädchenorchester« von Auschwitz. Ein Klavier gibt es da nicht, Esther lernt jedoch schnell Akkordeon, wo die Tasten teils ähnlich angeordnet sind. Die Verpflegung ist besser als in den Arbeitskommandos.

Bedrückend, ja schmerzhaft, für sie jedoch blieb auch in der Erinnerung Dezennien später, dass das »Mädchenorchester« zur Ankunft neuer »Transporte«, bei den mörderischen Selektionen an der Rampe von Auschwitz aufspielen musste, die Neuankömmlinge mit ihrer Musik über das ihnen bevorstehende grausige Schicksal hinwegtäuschen sollte. Wo musiziert wird, ist nichts Böses zu fürchten?

Esther erkrankt an Typhus und Keuchhusten und wird im November 1943 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück bei Fürstenberg an der Havel verlegt, vier Wochen unter Quarantäne gestellt. Dann muss sie wieder Zwangsarbeit leisten, front ein Sklavendasein für den Elektro- und Rüstungskonzern Siemens. Als die Rote Armee näher rückt, wird auch Esther auf »Todesmarsch« geschickt, Richtung Malchow. Zwischen Karow und Plau am See gelingt ihr mit Freundinnen die Flucht. Sie fliehen in die Arme ihrer Befreier. Am 3. Mai 1945 ist Esthers Leidensodyssee im mecklenburgischen Lübz beendet. Sie ist endlich frei.

Aber nicht befreit von schrecklichsten Erfahrungen. Esther ist Deutschland und die Deutschen leid, bricht auf nach Palästina, wo schon ihre der Shoah rechtzeitig entkommene Schwester Tosca lebt, und im Mai 1948 der Staat Israel proklamiert wird, sich die Vision von Theodor Herzl erfüllen soll. Esther ist keine Zionistin, leistet aber auch ihren Beitrag im Unabhängigkeitskrieg, in den sich der jüdische Staat unmittelbar nach seiner Gründung getrieben sieht. Esther tritt in Militärcamps auf, will die Soldaten ermuntern, sieht dies auch als eine Pflicht gegenüber ihren ermordeten Angehörigen an. Anschließend nimmt sie ein Gesangsstudium in Tel Aviv auf, wird Mitglied eines Arbeiterchors und politisiert sich, vor allem unter dem Einfluss ihres späteren, gewerkschaftlich und kommunistisch aktiven Mannes, Nissim Bejarano.

So richtig heimisch wird die Mutter einer Tochter und eines Sohnes in der neuen Heimat jedoch nicht. Nach dem Suezkrieg 1956, in dem auch Nissim Bejarano kämpfen muss, entschließt sich die junge Familie auszuwandern. 1960 übersiedeln sie nach Deutschland(West) und lassen sich in Hamburg nieder.

Alte Gespenster leben wieder auf. Esther, die zunächst eine Boutique eröffnet, dann als Interpretin jiddischer und antifaschistischer Lieder durch die Bundesrepublik tourt und im September 1982 mit 200 namhaften in- und ausländischen Künstlern, darunter Harry Belafonte, Hannes Wader, Udo Lindenberg und Franz-Josef Degenhardt, für den Frieden, gegen einen Atomkrieg im Bochumer Ruhrstadion singt, ist entsetzt über das Wiedererstarken der Rechtsextremisten, über die Umtriebe alter und neuer Nazis. »Der Rechtsradikalismus ist für mich überhaupt das Allerschlimmste, es gibt nichts Schlimmeres«, sagte Esther Bejarano in einem nd-Interview. »Nicht nur ich habe geglaubt, dass die Deutschen Lehren gezogen haben aus den furchtbaren, millionenfachen Verbrechen und aus dem schließlich sie selbst heimsuchenden Leid. Mich erschüttert immer wieder, wie viele Menschen nichts gelernt haben und den braunen Rattenfängern wieder auf den Leim gehen. Das ist ganz, ganz furchtbar.« Deutschland erneut zu verlassen, lehnte Esther Bejarano, die Mitglied und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) sowie 1982 Mitbegründerin des Auschwitz-Komitees der Bundesrepublik war, jedoch strikt ab: »Ich werde das Land der Täter doch nicht wieder den Tätern überlassen!«

In der Nacht zum 10. Juli ist Esther Bejarano in Hamburg friedlich eingeschlafen. Ihre klare, aufrechte, mutige Stimme wird gerade diesem Land bitter fehlen.

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