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Hochkultur und Trash

Das Kollektiv glanz & krawall hinterfragt den Theaterbetrieb und bietet Unterhaltung im Do-it-yourself-Stil

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 4 Min.
»Rolling Stadttheater – Hier darf jede mal ran!« – eine mobile Bühne für Städte im 21. Jahrhundert
»Rolling Stadttheater – Hier darf jede mal ran!« – eine mobile Bühne für Städte im 21. Jahrhundert

Worauf ist das deutsche Stadttheatersystem vor allem angewiesen? Für das Gelingen der künstlerischen Arbeit wird eine Vielzahl an nicht oder kaum bezahlten Praktikant*innen, Hospitant*innen und Assistent*innen benötigt. Die sind flexibel einsetzbar, um alle Produktionslöcher zu stopfen. Beflügelt vom Versprechen, in der nächsten Spielzeit eine eigene Inszenierung verwirklichen zu dürfen, sollen sie bekanntlich von der Leidenschaft für die Kunst ihre Miete zahlen. Regieassistent Stefan ist einer dieser dankbar Ausgebeuteten. In 30 Jahren am »Rolling Stadttheater« durfte er sich nur einmal auf der Nebenbühne mit einem Schauspieler künstlerisch selbst probieren.

Auf einem kleinen Anhänger, der die Grundlage des zusammengezimmerten Miniaturtheaters bildet, finden nicht nur die Machtverhältnisse der städtischen Institutionen ihren Platz, die das Theaterkollektiv glanz & krawall auf der beweglichen Bühne spielerisch vorführt. Im Foyer des Societaets-theaters in Dresden lädt die Gruppe, ihrem Jingle »Rolling Stadttheater - Hier darf jede mal ran!« entsprechend, das lokale Kulturprekariat ein. Eine Vorstellung ist so prall gefüllt wie anderswo kaum eine Spielzeit. Unter dem Motto »Revolution später« reihen sich bewegendes Schauspiel, ein klimakritisches Musical und ein Sinfoniekonzert aneinander. So könnte man die Auftritte auslegen, ließe man sich auf die Behauptungen der Theatermacher*innen ein. Doch bevor das Publikum in dieses Potpourri Dresdner Lokalkunst eintauchen darf, muss eine Intendanz gefunden werden.

Bühnen- und Kostümbildnerin Katharina Lorenz ist wie für die Stelle geboren und wird sogleich von einer katholischen Pfarrerin, dargestellt von der Kulturmanagerin Ulla Wacker, auf ihr neues Amt vereidigt. Währenddessen streamt und kommentiert Elena das gesamte Event. Für die Social-Media-Beauftragte, gespielt von Schauspielerin Kara Schröder, steht die Community an erster Stelle, die sie mit maximalem Content und minimalem Inhalt füttert. Auch der analoge Raum ist nicht geschützt vor Engagement-Strategien. In der Rolle des Regieassistenten Stefan animiert die Opernsängerin Vera Maria Kremers die Zuschauer*innen und droht Publikumsbeteiligung bis in die vierte Reihe an. Umso bedrohlicher, da nur etwa zehn Zuschauer*innen im Foyer Platz genommen haben. Aus der kleinen Gruppe wird ein Hauskritiker gewählt und auf einen Extraplatz mit Schreibmaschine verwiesen. Ausgestattet mit einer Flasche Rotwein geht der Verriss leichter von der Hand, den er nach der Anweisung »Wir wollen kein Lob, denn Beef bringt mehr Fame« verfasst.

Den Künstler*innen geht es mit ihrer klapprigen Bühne nicht nur darum, sich alkoholisiert in der Aufmerksamkeitsökonomie nach vorn zu kämpfen. Theaterpädagogik und Bildungsauftrag bedeutet der Institution ebenso viel. »Urfrost - Das Weihnachtsmusical«, das besinnliche Erlebnis für Jung und Alt, wird von der »One-Man-Band« Ju von Dölzschen gestaltet. Trotz der winterlichen Assoziationen, die der Titel nahelegt, entstehen auf der Bühne sommerliche Beachsounds. Handelt es sich hierbei um einen kritischen Kommentar zur Klimapolitik, bei der Strandpartys im Winter keiner fernen Zukunft angehören würden, oder um das Prinzip Zufall? Weniger rätselhaft bleibt von Dölzschens Spiel mit der Loop-Maschine, denn, dem Bildungsanspruch eines Stadttheaters nachkommend, erklärt er jeden Schritt bis zum fertig zusammengebauten Lied.

Über drei Stunden wechseln sich amüsante, trashige und langatmige Unterhaltung auf der Bühne ab. Mit einem Hauch institutioneller Kritik hält die von glanz & krawall gegebene Struktur Auftritte zusammen, die von einem großen Mann an einem kleinen pinken Klavier bis zur Performance einer Bauchtänzerin reichen. Während Ersteres noch als bodenständige, clowneske Komik durchgeht, löst das Zweite eher ein postkoloniales Schaudern aus.

Die Inszenierung lebt von den gastierenden Künstler*innen, die an diesem Abend von Prinzipal Uwe Stuhrberg, dem Chefredakteur von »SAX. Das Dresdner Stadtmagazin«, ausgewählt wurden. Am 13. und 14. Juli klappt das »Rolling Stadttheater« seine Flügeltüren vor der Berliner Kulturfabrik Moabit auf. Eingeladen sind unter anderem die Berliner Künstler*innen Reyonification, East Princess und Nolundi Tschudi, die über die Richtung der Theaterabende bestimmen.

Nächste Vorstellungen am 13. und 14.7. in der Kulturfabrik in Berlin-Moabit.

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