Eine bleibende tiefe Wunde

Die Erinnerung an den Anschlag von Nizza ist auch nach fünf Jahren noch beklemmend nah

  • Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.

Zum traditionellen Feuerwerk zum Nationalfeiertag auf der Uferpromenade von Nizza waren am Abend des 14. Juli 2016 mehr als 30 000 Menschen gekommen. Das Wetter war prächtig und da die Stadt die Uferstraße weiträumig für den Verkehr gesperrt hatte, nutzten die Fußgänger ihre ganze Breite. Doch kurz nachdem die letzte Rakete am Himmel erloschen war, nahm der Abend eine dramatische Wende. Völlig unerwartet kam ein Lastwagen, der zuvor in einer Zufahrtsstraße geparkt hatte, auf die Uferpromenade geschossen, umfuhr eine Straßensperre und setzte seine Fahrt auf dem breiten Bürgersteig fort. Dabei rammte oder überfuhr er viele Menschen und der Fahrer beschleunigte und lenkte das Fahrzeug so, dass er möglichst viele Opfer erfasste.

Die 1,7 Kilometer lange Mordfahrt dauerte vier Minuten und 17 Sekunden. Unterwegs wurde der Fahrer mehrfach von Polizisten beschossen, aber nicht getroffen, und er erwiderte das Feuer mit einer Pistole durch das offene Seitenfenster. Schließlich machten zwei Polizisten, die mit Sturmgewehren bewaffnet waren, dem Spuk ein Ende. Der Fahrer wurde von ihnen frontal durch die Windschutzscheibe getroffen und brach tot über dem Lenkrad zusammen.

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Die Bilanz der Amokfahrt war erschreckend: 86 Menschen hatte der Attentäter getötet und 458 verletzt, davon viele schwer. Mehr als 200 der Verletzten waren Touristen aus 27 Ländern, davon drei aus Deutschland. Es war der dritte große Terroranschlag in Frankreich innerhalb von eineinhalb Jahren nach denen in Paris auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt im Januar sowie auf mehrere Cafés und den Konzertsaal Bataclan im November 2015.

Zu der Todesfahrt von Nizza hat sich umgehend per Internet der Islamische Staat bekannt. Dass der Attentäter mit Auftraggebern im Nahen Osten in Kontakt stand, hält die Polizei für wahrscheinlich. Bei dem Täter handelte es sich um den 31-jährigen Mohamed Lahouaiej-Bouhlelm, der 2005 aus Tunesien nach Frankreich gekommen war. Er hatte sich in Nizza niedergelassen und als Auslieferungsfahrer gearbeitet. Mit seiner franko-tunesischen Frau, die er hier geheiratet hat und durch die er eingebürgert wurde, hatte er drei Kinder. Er war mehrfach wegen Körperverletzung vorbestraft. Durch radikalen Islamismus war er nie aufgefallen. Zeugen zufolge hat er nicht die Moschee besucht, hat entgegen den Regeln für Muslime Schweinefleisch gegessen, Alkohol getrunken und geraucht. Allerdings bemerkten die Zeugen an ihm in den Wochen vor dem Amoklauf eine Änderung im Verhalten und im Aussehen, zumal er sich jetzt einen Bart wachsen ließ.

Als Motiv für den Massenmord wird bei dem Täter ein übersteigerter Narzissmus vermutet. Er wollte durch die Tat offenbar vor allem berühmt werden. Darauf deuten Fakten wie ein Selfie, das er Stunden vor der Todesfahrt von sich am Tatort, der Uferpromenade von Nizza, aufgenommen und noch selbst ins Internet gestellt hat. In seinem Computer fanden die Ermittler zahlreiche Videos mit islamistischem Inhalt, so dass sie davon ausgehen, dass er sich innerhalb kurzer Zeit selbst und für seine Umgebung nicht feststellbar radikalisiert hat. In einem der Videos wurden konkrete Hinweise gegeben: »Benutze einen Lastwagen wie einen Rasenmäher. Wähle einen stark bevölkerten Ort und fahr mit hoher Geschwindigkeit, um möglichst viele Menschen zu erfassen. Wenn du eine Waffe hast, setze sie ein, um die Arbeit zu beenden.«

Die Ermittlungen zu dem Terroranschlag sind abgeschlossen und der Prozess findet ab September 2022 in Paris statt. Da der Täter nicht mehr lebt, sind acht Personen angeklagt, die ihm die Pistole besorgt haben oder ihm besonders nahe standen und bei denen geprüft wird, wieweit sie von seinen Absichten wussten und ob es sich um eine »terroristische Bandenbildung« handelte. Der Verband der Opfer des Anschlags von Nizza kritisiert, dass die Ermittlungen gegen Beamte der Präfektur und der Polizei wegen unzureichender Sicherheitsmaßnahmen am 14. Juli 2016 eingestellt wurden, weil sich die Vorwürfe nicht erhärtet hätten. Zu ihnen zählt François-Xavier Lauch, der seinerzeit in der Präfektur des Departements für Sicherheitsfragen zuständig war und der heute Kabinettschef von Präsident Emmanuel Macron ist. Der Opferverband kritisiert auch, dass ein schon vor Jahren versprochenes Denkmal, das an den 14. Juli 2016 erinnern soll, immer noch nicht konkrete Gestalt annimmt. Bislang gibt es nur in einem Park, der an die Promenade von Nizza angrenzt, eine Stele mit den Namen der 86 Toten.

Zum fünften Jahrestag des Anschlags findet in Nizza in Erinnerung an die Opfer ein Gedenktag statt. Am Nachmittag gibt es eine Zeremonie in der nahe der Uferpromenade gelegenen Villa Masséna, an der der Stadtrat und die Angehörigen der Opfer teilnehmen und zu der auch mehrere Minister der Regierung erwartet werden. Den Familien der Todesopfer werden dabei Gedenkmedaillen überreicht, die die Regierung kürzlich geschaffen hat, um Opfer des Terrorismus zu ehren. Zum Abschluss der Feier werden 86 Tauben freigelassen und in den Himmel aufsteigen. Am Abend gibt es für die Bevölkerung ein Gedenkkonzert auf der Uferpromenade und zum Abschluss des Abends werden am Ort des Massakers von 2016 für die Todesopfer 86 Fackeln entzündet.

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