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Straßen und Plätze erinnern heute an die Opfer

Initiativen setzen sich seit den 80er Jahren für Straßenumbenennungen ein

  • Von Gaston Kirsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Um an Opfer rassistischer Gewalt zu erinnern und den aktuellen Rassismus zu bekämpfen, setzen sich seit den 80er Jahren Initiativen für die Umbenennung von Straßen und Plätzen ein. Der Straßenterror von Neonazis begann nämlich schon vor der Wiedervereinigung. Seitdem wurde das neonazistische Treiben bagatellisiert und migrantische Selbstverteidigung kriminalisiert. Eine der bekanntesten und erfolgreichsten Gruppen, die sich für Umbenennungen im Stadtbild engagieren, ist die Hamburger Ramazan-Avcı-Initiative, RAI. In dieser schlossen sich im Jahr 2010 Migrant*innen zusammen, die sich bereits als Jugendliche in den 80ern gegen Rassismus wehrten.

Am Abend des 21. Dezember 1985 wurde Ramazan Avcı von Nazis auf offener Straße in Hamburg am Boden liegend zusammengeschlagen, bis sein Schädel brach. Am S-Bahnhof Landwehr wurden er, sein Bruder und ein Freund aus einer bekannten Skinheadkneipe heraus angegriffen. Die Tat war einer der ersten rassistischen Angriffe mit Todesfolge, die in der Bundesrepublik bekannt wurden.

Anlässlich seines 25. Todestags gründete sich Anfang Dezember 2010 die RAI. Sie forderte, dass der triste, namenlose Bahnhofsvorplatz, in dessen unmittelbarer Nähe sich der Angriff ereignete, in Ramazan-Avcı-Platz umbenannt wird, denn der Angriff auf Avcı ist für viele Migrant*innen ein Symbol für die rassistische Gewalt auf deutschen Straßen. Bereits am 24. Juli 1985 war ebenfalls in Hamburg der 29-jährige Bauarbeiter Mehmet Kaymakci von drei Rechtsradikalen angegriffen und ermordet worden. Sie schlugen ihn nachmittags, als er auf dem Heimweg von der Arbeit war, zusammen und zertrümmerten mit einer Gehwegplatte aus Beton seinen Schädel. »Wir wollten den Türken fertigmachen«, erklärte einer der drei Täter nach seiner Festnahme.

Viele Neonazis sahen sich bei ihrem Terror gegen Einwanderer*innen lange vor der Wiedervereinigung als Vollstrecker eines Volkswillens. Gegen die Angriffe der Naziskins wehrten sich Jugendgangs wie die »Bomber«, die sich in der Hamburger Hochhaussiedlung Nettlenburg zusammenfanden: »Wenn die Polizei uns nicht so oft gegriffen hätte, wären die Skins nicht so groß geworden«, erklärte einer der Bomber nach Ramazan Avcıs Tod.

Gegen die sogenannten ausländischen Jugendbanden gingen staatliche Behörden in den 80er Jahren repressiv vor. Die Selbstorganisation von jugendlichen Migrant*innen war unerwünscht. Sie war ein Versuch der Selbstermächtigung gegen alltägliche Diskriminierung und auch ein Selbstschutz gegen die gewalttätigen Naziskins. Die Bomber bestanden aus Jugendlichen unterschiedlichster Nationalität, was sie der Polizei aber umso verdächtiger machte.

Die Gruppe konnte bei Nazialarm mithilfe befreundeter Jugendgangs bis zu 400 Leuten mobilisieren. »Einmal standen wir uns gegenüber«, erklärte ein Mitglied der Bomber Anfang 1986 der »Taz«: »Die Skins riefen immer ›Ausländer raus‹ oder ›Deutschland den Deutschen‹. Als wir dann anfingen mit ›Deutschland den Ausländern‹ und ›Nazis raus‹, da hat die Polizei uns angegriffen.« Gegen die 80 Jugendlichen der Bomber ermittelte fast zwei Jahre eine besondere Einsatzgruppe der Polizei; zur Observation wurde eine konspirative Wohnung angemietet und 29 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Naziskins aus Lohbrügge wurden derweil nur vereinzelt festgenommen, aber gegen sie wurde bereits damals nicht systematisch ermittelt.

Ende 1991 forderte dann das »Volkshaus der Türkei« auf St. Pauli, die Straße am S-Bahnhof Landwehr in Hamburg-Eilbek in Ramazan-Avcı-Straße umzubenennen und eine entsprechende Kampagne auf die Tagesordnung der antirassistischen Gedenk- und Erinnerungspolitik zu setzen.

In der Ausstellung heißt es auf der Tafel »Umbenennungen«: »Im Kern geht es darum, die Geschichte der Opfer von rassistischer Gewalt nicht nur als etwas Vergangenes zu verstehen, sondern auch in die Gegenwart zu übertragen und zu verhindern, dass die Opfer namenlos werden. Ignatz Bubis, der verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden, mahnte schon 1993 beim ersten Gedenktag in Mölln: ›Wenn wir die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten lassen, dann nicht um Schuldgefühle zu erzeugen, sondern wir tun es für die Zukunft‹. Die Umbenennung von Straßen und Plätzen ist einer von mehreren Wegen, dies zu tun.«

Die Ramazan-Avcı-Initiative knüpfte an die aktivistischen Kämpfe der vorherigen Jahrzehnte an und konnte mit Dialogbereitschaft und Beharrlichkeit einen Erfolg feiern: 2012 wurde der Vorplatz des S-Bahnhofs Landwehr zum Ramazan-Avcı-Platz. Außerdem wird am 24. Juli 2021 am Kiwittsmoorpark endlich eine Gedenktafel für Mehmet Kaymakci eingeweiht werden - unter Teilnahme von Angehörigen, Vertreter*innen des Bezirksamts Hamburg-Nord, der Stadt Hamburg, der RAI und Faruk Arslan, Überlebender der Möllner Brandanschläge 1992, sowie Aktiven aus der Zivilgesellschaft.

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