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Schule ohne Stoppuhr

Sachsens Linke will Bildungssystem nach Corona verändern

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 3 Min.

Zu den Erkenntnissen der Coronazeit gehörte, dass Kinder sich in die Schule zurücksehnten, »zum Erstaunen vieler Beobachter«, wie die sächsische Schulpolitikerin Luise Neuhaus-Wartenberg (Linke) sagt. Ihnen fehlt Geselligkeit, auf die sie über Monate mehr oder weniger verzichten mussten, weil sich Präsenz-, Hybrid- und Fernunterricht abwechselten. Der Schulalltag, sagt die Politikerin, »war auf den Kopf gestellt«. Auch wenn der Schulbetrieb jetzt wieder geregelter abläuft, sollte er nach Ansicht von Neuhaus-Wartenberg nicht in den alten Trott zurückfallen. Vielmehr müssten die Erfahrungen der Pandemiezeit genutzt werden, um eine »innere Schulreform« anzustoßen und ein System umzukrempeln, das viele Schüler und Eltern verprellt. Diese kritisierten eine sture Orientierung an Lehrplänen, die mit »seelenlosem Fakten- und Detailwissen« überfrachtet seien und deren Bewältigung mit Noten attestiert werde. Schule sei aber »keine Rennstrecke«, sagt Neuhaus-Wartenberg. Verstehen brauche Zeit, Muße, Umwege und Freiräume für Versuch und Irrtum. Lernen, sagt sie, »verträgt sich schlecht mit der Stoppuhr«.

Mit einem Paket aus fünf Anträgen, die in dieser Woche in Sachsens Landtag eingebracht werden, will die Linke beispielsweise die Einführung von Rahmenlehrplänen erreichen, die »mehr Freiräume« bieten und sich stärker an der »Lebenswelt« der Schülerinnen und Schüler orientieren. Das entspreche ohnehin den Erfordernissen einer modernen Sozial- und Arbeitswelt. Die Schule, so heißt es an anderer Stelle, solle Erfolge zudem an einem umfassenderen Leistungsbegriff messen. Lernen sei »kein linearer Prozess der Anhäufung« und Schule kein Ort der »möglichst vielen Kindern in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Wissen zu vermitteln habe«, heißt es in dem Antrag. Es gehe darum, Freude am Lernen zu erzeugen und bewahren, statt Kinder durch eine »kindeswohlgefährdende Unterrichtsbelastung« zu entmutigen. Schule müsse Platz bieten für »Kuscheln und Leistung«.

Die Forderungen sind teils nicht neu, haben aber durch die Pandemie an Aktualität gewonnen. Sie zeigte, wie schlecht Schulen auf Krisen vorbereitet und wie mangelhaft sie sowohl technisch als auch inhaltlich und methodisch auf digitalen Unterricht eingestellt waren. Unter Schulpolitikern besteht breite Einigkeit, dass sich etwas ändern muss. Mit Corona sei »Bewegung in die Bildungspolitik gekommen«, glaubt Neuhaus-Wartenberg: »Was vorher undenkbar erschien, das war auf einmal machbar.« So seien starre Vorgaben gelockert und neue Unterrichtsformen zugelassen worden. Nun gelte es, eine Rückkehr zur früheren Praxis zu vermeiden - was allein schon deshalb geboten sei, weil die Pandemielage unsicher bleiben werde, sagt die Linkspolitikerin. Ein eigener Antrag widmet sich dem Thema Digitalisierung. Es gehe dabei nicht nur darum, alle Schüler mit Tablets zu versorgen; vielmehr stelle sich die Frage, »was und wie in einer digitalen Welt gelehrt und gelernt werden« solle. Die Digitalisierung, glaubt Neuhaus-Wartenberg, werde als gleichberechtigte neue Kulturtechnik neben Schreiben, Lesen und Rechnen treten.

Der aktuellste Antrag schließlich fordert, coronabedingte Lernrückstände und -lücken zu erfassen. Es brauche »Klarheit über die tatsächlichen Auswirkungen der pandemiebedingten Schulschließungen« - jenseits der Erkenntnis, das Kinder von sich aus in die Schule zurückwollen.

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