Verzögerung der Energiewende

Nord Stream 2 wird für die Versorgungssicherheit in Deutschland nicht benötigt. Den Klimazielen läuft der Ausbau der Erdgasinfrastruktur sogar zuwider

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.
Nord Stream 2: Verzögerung der Energiewende

Was in der außenpolitischen Debatte über die Ostseepipeline Nord Stream 2 gerne vergessen wird: Es handelt sich um ein Energieprojekt. 27,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas können jährlich durch die beiden Stränge von Nord Stream 2 geleitet werden. Eine gewaltige Menge angesichts eines deutschen Gesamtverbrauchs von 86,5 Milliarden Kubikmeter im vergangenen Jahr. Nach Auffassung der Bundesregierung braucht es diese Mengen nicht zuletzt wegen des Kohleausstiegs: »Die wegfallende Stromproduktion wird größtenteils durch erneuerbare Energien ersetzt. In Zeiten, in denen der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, werden zunehmend Gaskraftwerke die Stromerzeugung sicherstellen«, heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung widerlegt diese Behauptung: »Es besteht keine Deckungslücke in der Erdgasversorgung in Deutschland und Europa«, schreiben die Autorinnen Franziska Holz und Claudia Kemfert. Aus ihrer Sicht werden mit der Pipeline unnötige Doppelstrukturen geschaffen, zumal die bestehende Infrastruktur - Nord Stream 1, Transit über die Ukraine, diverse Flüssiggasterminals in der EU - freie Kapazitäten hat.

Auch langfristig wird sich daran nichts ändern: Nicht fossile Kraftwerke, sondern unterschiedliche Stromspeichertechnologien werden das Schwankungsproblem der Erneuerbaren lösen. Das Umweltbundesamt hat sich in einer Metastudie diverse Untersuchungen zur Frage angeschaut, wie Deutschland seine langfristigen Klimaziele erreichen kann. Allen ist gemein, dass sie aufgrund der fortschreitenden Elektrifizierung von einem Rückgang des Erdgasverbrauchs ausgehen. Inzwischen hat Deutschland seine Klimaziele außerdem noch verschärft, so dass dieser Befund jetzt umso mehr gilt.

Mit Blick auf eine sichere Energieversorgung braucht es zusätzliche Erdgasmengen nicht, aus Klimaschutzgründen darf es diese nicht geben. Befürworter preisen Erdgas zwar als relativ saubere Alternative gegenüber der Kohle und als Brückentechnologie in der Energiewende an, denn bei der Verbrennung in effizienten modernen Kraftwerken oder Heizungsanlagen wird relativ wenig Kohlendioxid ausgestoßen. Allerdings wird dabei unterschlagen, dass Erdgas weitgehend aus Methan besteht. Dessen Treibhauspotenzial ist laut dem Weltklimarat in den ersten 20 Jahren bis zu 87-mal und in den ersten 100 Jahren bis zu 36-mal stärker als das von CO2. Methan gelangt vor allem durch Leckagen bei der Erdgasförderung in die Atmosphäre, aber auch bei Transport und Speicherung. »Werden die gesamten Lebenszyklus-Emissionen berücksichtigt, liegt die Klimabilanz ungefähr bei der von Kohle«, heißt es in der DIW-Studie. Der fossile Energieträger Erdgas könne daher keine Übergangslösung in der Energiewende sein. Aufgrund des hohen Treibhauspotenzials von Methan könne die Verwendung von Erdgas sogar zu einem zusätzlichen kurzfristigen Temperaturanstieg führen.

Die zunehmend schärferen Klimaziele werden also zu einem stark sinkenden Erdgasverbrauch führen müssen. Warum hält die Bundesregierung dann so hartnäckig an dem Projekt fest? Die Vermutung liegt nahe, dass im Vordergrund die Interessen großer deutscher Energiekonzerne stehen, die an dem Projekt beteiligt sind und die wegen des Atom- und Kohleausstiegs in eine ungewisse Zukunft blicken. Dazu gehören Uniper (ehemals Eon) und die BASF-Tochter Wintershall Dea. Deutschland wird nämlich durch das zusätzliche Erdgas, das hierzulande nicht benötigt wird, zu einem zentralen Transitland, da das zusätzliche Erdgas über die ebenfalls neugebaute Pipeline Eugal in das europäische Verbundgesetz weitergeleitet wird.

Ein Deal mit Verlierern - Simon Poelchau über die Einigung im Streit um Nord Stream 2

Das Erdgas könnte aber auch bei den Ausbauplänen im Wasserstoffbereich, der derzeit von Bund und Ländern massiv bei der Forschung und beim Markthochlauf gefördert wird, eine wichtige Rolle spielen. Bislang ist es am rentabelsten, grauen Wasserstoff mittels der sogenannten Dampfreformierung aus Erdgas zu gewinnen. Befürworter preisen zudem die Erdgasinfrastruktur für die künftige Weiterleitung von grünem, aus erneuerbarem Strom gewonnenem Wasserstoff an. Allerdings müsste dieser erst in einem weiteren Verarbeitungsschritt in E-Methan umgewandelt werden, was sehr teuer und energieintensiv ist. Der Erdgassektor kann daher bei einer klimaverträglichen Nutzung von Wasserstoff eieigentlich keinen Beitrag leisten.

Die DIW-Expertinnen kommen auch deshalb zu einem klaren Ergebnis: »Mit jedem weiteren Erdgasprojekt vergrößert sich das Risiko eines fossilen Lock-Ins (Abhängigkeitsverhältnisses, d. Red.) und einer Verzögerung der Umsetzung der Energiewende.«

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