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Die ruhige Seite Usedoms

Abseits vom Massentourismus liegt der Lieper Winkel im Osten der Halbinsel. Bis Ende des 19. Jahrhunderts führte nicht einmal eine Straße in die winzigen Dörfer. Die konnte man damals lediglich mit dem Boot erreichen

  • Von Rasso Knoller
  • Lesedauer: 3 Min.

Die beiden älteren Damen auf dem Fahrrad weisen freundlich den Weg. Ein bisschen Orientierungshilfe kann man auch gebrauchen, denn der Lieper Winkel gehört nicht nur zu den schönsten, sondern auch abgelegensten Gegenden Usedoms. Zwar sind es von Liepe nur 30 Kilometer bis zu den quirligen Stränden von Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck, von touristischer Hektik ist hier aber nichts zu spüren. Direkt am Ortsausgang von Rankwitz solle man links abbiegen, raten die Radfahrerinnen, und nach etwa hundert Metern geht er dann auch schon los, der kurze Spazierweg hinauf zum Jungfernberg.

Die höchste Erhebung des Lieper Winkels liegt direkt an der Hauptstraße, man kann sie aber trotzdem leicht verfehlen. Mit einer Höhe von 18,4 Metern ist der Jungfernberg nämlich weder Berg noch Hügel, sondern allenfalls eine winzige, kaum wahrnehmbare Erhebung. Trotzdem lohnt der »Gipfelsturm«, denn von oben haben Spaziergänger einen überraschend weiten Blick über das Achterwasser. Wen’s interessiert: Der Turm direkt gegenüber auf dem Festland gehört zur St. Johannis-Kirche von Lassan. Das ist mit knapp 1500 Einwohnern eine der kleinsten Städte Deutschlands und lohnt, sofern man auf Usedom genug gesehen hat, durchaus einen Ausflug.

Gipfelbuch auf 18 Metern Höhe

Früher stand auf dem Jungfernberg eine Mühle, die aber brannte - exponiert wie sie nun einmal war - nach einem Blitzeinschlag ab. Seinen Namen erhielt das Hügelchen der Sage nach, von ein paar Jungfrauen, die auf dem Weg zur Kirche in Liepe waren. Als sie oben am »Gipfel« standen, hörten sie die Glocken und dachten: »Jetzt, wo wir es sowieso nicht mehr rechtzeitig zum Gottesdienst schaffen, können wir gleich hierbleiben.« Wäre das nicht schon schlimm genug, begannen sie - anstatt zu beten - zu tanzen. Soviel sündiges Tun konnte natürlich nicht ungestraft bleiben, und so verschluckte der Erdboden die Frauen an Ort und Stelle. Wanderer, die es bis nach oben geschafft haben, können dort aber gefahrlos eine Rast einlegen. Für sie hat man sogar eine Bank aufgestellt. Die Pause können sie dann zum Eintrag in das Gipfelbuch nutzen, das in einem Briefkasten hinter der Rückenlehne aufbewahrt wird. Vermutlich gibt es nirgends auf der Welt ein Gipfelbuch, zu dem der Aufstieg weniger anstrengend ist als hier.

Die Kirche von Liepe, zu der die Jungfrauen nicht gehen wollten, ist durchaus ein lohnendes Ziel. Der 1216 erstmals erwähnte Bau ist das älteste Gotteshaus der Insel. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, dass die kleine turmlose Kirche, so wie sie heute dasteht, großteils vom Ende des 15. Jahrhunderts stammt. Nach der Besichtigung der mittelalterlichen Wandmalereien im Inneren, sollte man noch über den ehemaligen Friedhof spazieren. Dort stehen nämlich, rund um die Kirche, Skulpturen von Künstlern aus Mecklenburg-Vorpommern. In Warthe, dem Ort im äußersten westlichen Winkel der Halbinsel, ist am Dorfplatz ein kleiner Fotostopp angesagt. Das Ferienhaus »Zum Alten Konsum« bietet die perfekte Kulisse für ein Erinnerungsselfie. Ein Foto von einem Ferienhaus? Ja, sicher - zumindest wenn das so liebevoll bemalt ist wie hier. Auf den ersten Blick sieht die Fassade tatsächlich aus wie eine Konsumverkaufsstelle in der DDR. Sogar eine blaue Schwalbe, das Kultmoped aus dem Osten, steht vor dem Laden.

Sunset Boulevard am Achterwasser

Wer nach der »Besteigung« des Jungfernberges noch Energie übrig hat, kann einen weiteren Spaziergang machen: Von der Bungalowsiedlung in Quilitz führt ein Weg oberhalb des Strandes an einer kleinen Badestelle vorbei. Besonders am Abend, wenn sich die Sonne im Wasser spiegelt, ist das die perfekte Route für Romantiker. Genauso schön ist der Sonnenuntergang am Hafen von Rankwitz. Zumindest in der Hauptsaison aber weniger einsam. Denn von den beiden Restaurants am Hafen ist eines für seine Fischgerichte bekannt und das andere für die Sundowner. Und die locken auch den ein oder anderen Gast aus den Badeorten am Meer hierher.

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