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  • Otelo Saraiva de Carvalho

Utopischer Überschuss

Mit Otelo Saraiva de Carvalho starb einer der Köpfe der portugiesischen Nelkenrevolution 1974

  • Von Peter Steiniger
  • Lesedauer: 4 Min.

Die nahezu unblutige Militäraktion, die in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1974 anlief und die in Lissabon die diktatorische Regierung von Marcelo Caetano stürzte, trug seine Handschrift: Am vergangenen Sonntag ist Otelo Saraiva de Carvalho im Alter von 84 Jahren in einem Militärkrankenhaus der portugiesischen Hauptstadt gestorben. Am Mittwoch wurde der Mann, der allgemein nur Otelo genant wurde, zu Grabe getragen. Nicht nur beim Abgang des 1933 installierten klerikal-faschistischen Estado Novo, sondern auch im revolutionären Prozess nach dem 25. April spielte der Charismatiker Otelo eine Hauptrolle, war das Symbol für den radikal-linken Flügel der Bewegung der Streitkräfte (MFA). Immerhin 800 000 Stimmen entfielen auf ihn bei den ersten Präsidentschaftswahlen 1976 nach der Wiederherstellung der Demokratie.

Ein Heiliger war Otelo sicher nicht, sondern eine polarisierende und umstrittene Figur. In den 1980er Jahren wurden ihm Kontakte zur ultralinken Gruppierung FP-25 zum Verhängnis. Sie war eine von mehreren radikalen linken und rechten Splittergruppen, die im nachrevolutionären Portugal auf Gewalt setzten. Die Stadtguerilla wollte mit Bombenanschlägen am Rad der Geschichte drehen und finanzierte sich durch Banküberfälle. Otelo, der eine Mitgliedschaft und Führungsrolle in der FP-25 stets abstritt, wurde 1984 verhaftet und saß fünf Jahre in Untersuchungshaft. Auf ein langes Verfahren, ein Urteil zu 15 Jahren Gefängnis und eine Wiederaufnahme des Prozesses folgten Haftverschonung und 1996 eine Amnestie. Vorangetrieben hatte diese Staatspräsident Mário Soares von der Sozialistischen Partei (PS) am Ende seiner zweiten Amtszeit. Im Parlament stimmten dafür mit der PS auch die Kommunisten (PCP) und die ihnen nahestehenden Grünen (PEV).

Der Nachruf des aktuellen Staatschefs Marcelo Rebelo de Sousa auf den verstorbenen Revolutionshelden war zweideutig formuliert. Für die Geschichte sei es »noch zu früh«, Otelo »mit dem gebührenden Abstand zu würdigen«, ließ der moderate Konservative auf der Webseite der Präsidentschaft verlautbaren. »Jedoch scheint der große Beitrag, den er am 25. April hatte, unbestreitbar, das Symbol, welches er für die politisch-militärische Linie während der Revolution darstellte, die in der Erinnerung vieler Portugiesen mit widersprüchlichen Bestrebungen zu Beginn unserer Demokratie verbunden ist und sowohl Leidenschaften als auch Ablehnung hervorrief«, erklärte der Sohn eines Kolonialgouverneurs und Ministers während der Herrschaft von Antonio de Oliveira Salazar und dessen Nachfolger Caetano. Auf Marcelos distanzierten Nachruf reagierte António Ramalho Eanes, Präsident der Jahre 1976 bis 1986: Otelo habe »Anspruch auf einen Platz in der Geschichte«.

Auf der Rechten sind geschichtsrevisionistische Bestrebungen in den vergangenen Jahren stärker geworden. Für das politische Establishment ist die Nelkenrevolution etwas für die Vitrine, dessen utopischer Überschuss ihm bis heute nicht geheuer ist. Als sich Portugal während der Eurokrise nach einem strengen Spar- und Reformdiktat der EU-Troika richtete, träumte Otelo laut und realitätsfern davon, den Schlüssel für einen »neuen 25. April« herauszuholen.

Anders als bei früheren Todesfällen von 1974er Revolutionshelden - oder dem des im Januar verstorbenen Fado-Sängers Carlos do Carmo - ordnete die Regierung für Otelo keine Staatstrauer an, was in der Öffentlichkeit heiß diskutiert wurde. Die Regierung von Premier António Costa (PS) hob in einer Note die »strategischen und operativen Fähigkeiten« des Militärs hervor, die entscheidend für den Erfolg des Umsturzes gewesen seien. Mit dem Andenken an Otelo würde man alle ehren, relativierte sie, denen man die Befreiung verdanke, »und was wir heute sind«. Wegbegleiter Otelos äußerten tiefe Trauer. Dieser habe gegen eine Diktatur gekämpft, die »die Portugiesen in Obskurantismus, Kolonialkrieg und Armut geführt« habe, erklärte der Präsident der »Vereinigung 25. April«, Oberstleutnant Vasco Lourenço, der Otelo als Freund und »Mann von ungeheurem Mut« würdigte, »der stets seinen Idealen folgte«. Ohne ihn sei das Land ärmer.

War Otelo am 25. April 1974 ein Mann des Tages, so hatten die Nelkenrevolution doch viele gesät. Nicht zuletzt wurzelte sie im Wirken der illegalen KP in den Streitkräften und ihrer auf den Kampf gegen den Kolonialkrieg in Afrika orientierten Strategie, wie sie der PCP-Führer Álvaro Cunhal 1964 in seiner Schrift »Kurs auf den Sieg« umrissen hatte. Der PCP-Rückzug auf reale Ziele nach dem »heißen Sommer« des Jahres 1975 vertrug sich nicht mit Otelos Ambitionen.

Der Mann, der am 31. August 1936 in Mosambik geboren wurde und eigentlich Schauspieler hatte werden wollen - den passenden Namen hatte man ihm mitgegeben -, schlug eine militärische Laufbahn ein und diente etliche Jahre in Afrika. Im Juni 1974 wurde Otelo vom Major zum Brigadegeneral und an die Spitze der Militärregion Lissabon sowie der Eingreiftruppe Copcon befördert. Übergangspräsident António de Spínola, der die Restauration betreiben und das Kolonialreich retten wollte, hatte mit Otelo auf den Falschen gesetzt. Copcon beteiligte sich an revolutionären Aufklärungskampagnen und Landbesetzungen, schlug zwei Putschversuche des Spinola-Lagers mit zurück. Die Ausschaltung von Copcon und Otelo auf dem Höhepunkt eines Machtkampfes am 25. November 1975 entschied den Richtungsstreit im MFA und markierte das Ende des revolutionären Prozesses. Reale Kräfteverhältnisse? Otelo hat seinen Traum weitergeträumt.

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