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Revolution vorbei, Spaghetti kalt

Von Lügen und einem »Lüseum«, das nichts als die reine Wahrheit präsentiert – und ein alternatives, ultimatives Einheitsdenkmal ist

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.

»Alle Kreter sind Lügner«, meinte der antike Philosoph Epimenides – selbst ein Kreter. Gelogen oder wahr? Zweifellos ein Paradoxon. Das zwei Jahrtausende später den britischen Mathematiker und Philosophen Bertrand Russel ergötzte und zu einem akademischen Problem aufzwirbeln ließ. Nach Immanuel Kant wiederum besitzt der Mensch eine natürliche Neigung zur Lüge: »Die Lüge ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.«

Dieser Ansicht ist Richard von Gigantikow nicht. Im Gegensatz zum moralisierenden Ahnen der Aufklärung ist er der Meinung, dass die – kleine – Lüge das Leben versüßt, es lebenswert macht, beim Überleben hilft. Aber natürlich: »Bei Fake News hört der Spaß auf«, betont er im »nd«-Gespräch. Und damit meint er nicht nur die – laut »Washington Post« – mehr als tausend falschen oder irreführenden Behauptungen des US-Präsidenten Donald Trump allein in den ersten acht Monaten seiner Amtszeit.

Diese jedenfalls zeitigten in der Folge nicht die globale mörderische Dimensionen wie etwa die Lüge eines seiner Vorgänger im Amt, George »Dabbelju« Bush, der seinen Außenminister vorm Antikriegsgemälde »Guernica« von Pablo Picasso im New Yorker UN-Gebäude schwören ließ, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, um 2003 den Irak anzugreifen. Obwohl UN-Inspekteure dies verneint hatten. Der von seinem Chef gelinkte Diplomat, Colin Powell, schämte sich später für diese »Schande« in seiner Karriere. Das erweckt die über Hunderttausend getöteten irakische Zivilisten nicht wieder zum Leben. Wie auch der klandestine Abzug der »Alliierten« aus Afghanistan, offenes Eingeständnis des Scheiterns und einer zerplatzten Lüge, dass Leid der dortigen Menschen in den letzten zwei Jahrzehnten nicht zu revidieren vermag.
»Deutschland wird am Hindukusch verteidigt.« Eine Lüge? Jein. Bundespräsident Horst Köhler offenbarte den wahren Kern: »Meine Einschätzung ist aber, ... dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege.« Für dieses Wahrsprech war der alsbald verabschiedet, musste aus dem schönen Schloss Bellevue in Berlin ausziehen.

Lügen mussten seit jeher für die Entfesselung von Kriegen aus chauvinistischen, nationalistischen und Profitinteressen herhalten. Belege hierfür finden sich gerade in deutscher Geschichte zur Genüge. Etwa die von Otto von Bismarck gefakte »Emser Depesche«, die Frankreich provozierte und dem preußischen Junker den dritten siegreichen Krieg bescherte, um Deutschland zu einigen. Die »Dolchstoßlegende«, nach der das deutsche Heer 1918 unbesiegt die Waffen habe strecken müssen, verraten vom »jüdischen Bolschewismus«, schlachteten die Nazis für ihre Kriegspropaganda, »Revanche für Versailles« nehmen zu müssen, aus. Der fingierte Angriff angeblich polnischer Soldaten auf den Sender Gleiwitz nahm Hitlerdeutschland zum Vorwand das Nachbarland zu überfallen, den Zweiten Weltkrieg zu eröffnen. »Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!«, tönte Hitler vor dem Deutschen Reichstag.

Es wimmelt in der Menschheitsgeschichte nur so von Lügen, vor allem von den mächtigen und selbstgefälligen Gewalten und Gestalten in Umlauf gebracht, um die bestehende Ordnung aufrecht und die Völker in Unmündigkeit zu halten, oder eben auch eine gesellschaftliche Kehrtwende vorzunehmen und zu rechtfertigen. »Blühende Landschaften«, versprach Bundeskanzler Helmut Kohl im Wahlkampf 1990 den Ostdeutschen. Zahllos die »Ehrenworte« deutscher Politiker in jüngster Vergangenheit. Erinnert sei hier nur an den Christdemokraten Rudolf Barschel im »Waterkantgate«, der lange vehement bestritt, dass er seinen Rivalen, den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Björn Engholm, bespitzeln ließ. Lachnummern der Nation waren auch die »Ehrenworte« von Wolfgang Schäuble, Kohl & Co., die »Schwarze Kassen« bestritten. Ganz zu schweigen von dem »Ehrenwort«, parteienübergreifend, von Politikern bezüglich Plagiate in ihren Dissertationen oder Büchern: von Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg über Annette Schavan und Franziska Giffey bis Annalena Charlotte Alma Baerbock und Armin Laschet. (Sollte jemand in der Aufzählung vergessen worden sein, sei er/sie vorab um Vergebung gebeten.) Wie langweilig. Und wie erfrischend hingegen heute noch die selbstbewusste Bekundung des legendären argentinischen Kickers Diego Maradona, der sein irreguläres Tor bei der Fußballweltmeisterschaft 1986 mit den Worten verteidigte: »Es war die Hand Gottes.«

Richard von Gigantikow, der seinen Stammbaum bis auf das Jahr 1884 zurück zu verifizieren glaubt, zu einer Emma von Hohenbüssow, Urenkelin von Baron Münchhausen, weiß, dass nach empirischen Studien der Mensch durchschnittlich täglich 200-mal lügt. Beteuert aber gegenüber »nd«: »Ich versuche wahrhaftig zu sein.« Sein Metier sei die Schaffung von Illusionen. sagt er. Ein Kreter? Nein, ein Künstler. Der ein Lügenmuseum gegründet hat. Gemäß dem Wunsch seiner Ahnin Emma, die sich im zarten Alter von elf Jahren keine Puppenstube, sondern einen Musentempel gewünscht habe.

Der gebürtige Erfurter wollte mit seinen Installationen schon in der DDR bieder-bürgerliches Leben konterkarieren. Kam damit nicht gut an. Eckte an. Gab nicht auf. Erst recht nicht, als nach 1989 alles Hab und Gut des ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaates auf Müllkippen landete. Aussortiert. Abgehakt. Dem Glanz und Glitzer des Westens erlegen. Richard von Gigantikow durchforscht Müllhalden, Keller und Dachböden. Wird reichlich fündig. Bringt seine Schätze in sein Sommeratelier, eine verfallene Bauernkate in der Prignitz. Eröffnet eine nichtständige Ausstellung, in dem er »Reliquien einer traumatisch eingestürzten Inneneinrichtung namens DDR« offeriert. Im Frühjahr 1995 vom Museumsverband des Landes Brandenburg geadelt, anerkannt als Lügenmuseum, übereignet ihm die Stadt Kyritz das verfallene Gutshaus Gantikow (worauf er seinen Adelstitel ableitet). Sein »Deutsches Historisches Lügenmuseum«, Kampfansage an das Deutsche Historische Museum (DHM) Unter den Linden in Berlin, eine Kolonisation des dort einst beheimaten Museums für Deutsche Geschichte der DDR, muss jedoch schließlich umziehen. Einen sich über zehn Jahre hinziehenden rechtlichen Streit gegen einen Immobilienjäger verliert Richard von Gigantikow. Jetzt ist sein »Lüseum« – nicht zu verwechseln mit Lyzeum, einer Höheren Töchterschule, im Anspruch eher dem antiken gymnasialen Lykeion gleich – im sächsischen Radebeul beheimatet. In eben jener Stadt, wo sich ein Museum im einstigen Wohnhaus von Karl May befindet, einem Meister der Selbstinszenierung: »Ich bin wirklich Old Shatterhand respektive Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle.«

In Konkurrenz zu diesem sieht sich Richard von Gigantikow nicht. Eher, wie bereits gesagt, zum DHM. Und zum jüngst eröffneten Humboldt-Forum in der Attrappe des Hohenzollernschlosses in Berlin, das bei Weiten nicht so reich bestückt ist wie sein »Lüseum«. Und seine »Beutekunst« ist zudem ehrlich ergattert. Dekonstruiert und fantasievoll in neue Kontexte gebracht. Richard von Gigantikow rettete beispielsweise eine Thälmann-Büste, die er mit einer Dornenkrone versah. Er hätte auch gern das Thälmann-Denkmal im Prenzlauer Berg in Berlin mit einem Netz überspannt und darüber Efeu wachsen lassen. Bewahrung eines Zeitzeugnisses, das verhöhnt, besprüht, fast abgerissen worden wäre. Unerschöpflich sein Fundus an DDR-Erbe. Seine »Kathedrale des Sozialismus«. Im »Lüseum« sammelt er auch Plakate, Transparente und Schilder der Friedlichen Revolution von ’89. Da ist unter anderem zu lesen: »Der nächste Lenz ohne Krenz«. Und: »Liebe pfutsch, Revolution vorbei, Spaghetti kalt.« Der Sound der »Titanic« – symbolisiert durch ein Boot auf Rädern mit vielfarbig leuchtenden Lampen – »zwanzig Minuten nach ihrem Untergang« findet sich l nicht von ungefähr in der Nähe der Relikte eines verpatzten Aufbruchs zu mehr Emanzipation und Menschlichkeit. Und da ist auch unbeirrbares Selbstbewusstsein: »Künstler sind die Antennen des Menschengeschlechts«. Richard von Gigantikow ist überzeugt: »Wir wären das eigentliche Einheitsdenkmal.« Alternativ und ultimativ. Die Millionen für eine monströse, nichtssagende, lebensriskante Betonwippe vor dem Berliner Schloss hält er für verpulvert.

Richard von Gigantikow heißt mit bürgerlichem Namen Reinhard Zabka und zeigt seine Werke nicht nur in seinem Lügenmuseum, das keine Lügen kolportiert, sondern authentisch und wahr ist. Der Installationskünstler stellt seine Werke auch im öffentlichen Raum aus. Diese Woche erinnerte er mit einer Skulptur in Dresden an Leben und Leid der Juden in Deutschland – das begleitet war von den infamsten, mörderischsten Lügen der Weltgeschichte.

Lügenmuseum Radebeul, in den Sommerferien täglich geöffnet von 13 bis 18 Uhr

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