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»Fast wichtiger als Ärzte«

Nicole Nysten wurde praktisch zur Friseurin geboren. Wertgeschätzt fühlt sie sich in ihrer Arbeit erst, seit sie wegen der Pandemie ihren Laden schließen musste

  • Von Interview: Clemens Melzer
  • Lesedauer: 8 Min.

nd: Nicole Nysten, können Sie die Politik beeinflussen?

Nysten: Die möchte ich gar nicht beeinflussen. Die Verantwortung, die die da oben haben, möchte ich gar nicht haben.

Als Friseurin in einer Kleinstadt sind Sie ja mittendrin in allen Stadtgesprächen und damit auch im politischen Geschehen der Stadt. Damit sind Sie aber schon so eine Art Influencerin, oder?

Ja, man kann schon unterschwellig Botschaften aussenden. Aber ich finde, das gehört nicht ins Friseurgeschäft. Ich möchte keine politische oder religiöse Meinung vertreten.

Haben Sie denn schon mal einen Kunden rausgeschmissen?

Ich hatte mal eine Kundin, die kam rein und sagte: Ich war mit diesem Friseur schon vor Gericht und habe jenen Friseur schon verklagt. Da habe ich ihr den Umhang abgemacht und gesagt: »Ich würde Sie bitten zu gehen, weil unsere Chemie nicht stimmt, und dann kann ich nicht gut arbeiten. Ich will nur mit Menschen arbeiten, die ich mag. Da vorne ist die Tür.« Und dann sagt sie zu mir: »Ich verklage Sie!« - »Warum?« - »Weil Sie mir die Haare nicht schneiden wollen!«

Das ist lustig. Aber Sie machen den Job ja vermutlich nicht, um unterhalten zu werden?

Ich bin seit meiner Geburt im Friseurgeschäft. Meine Mutter hatte ein eigenes Friseurgeschäft, und ich wurde dann da im Kinderwagen irgendwo rechts abgestellt. Haare sind meine Leidenschaft, und Menschen zu verschönern - das ist für mich das Schönste, was es gibt. Immer schon.

Wie war Ihr Werdegang?

Etwas holprig. Meine Mutter musste ihr Friseurgeschäft aufgeben, als ich größer wurde. Mein Vater war Architekt und wollte, dass ich auch Architektin werde. Aber ich habe mich durchgeboxt und heimlich in Holland eine Ausbildungsstelle gesucht. Mein Vater dachte, ich würde zur Höheren Handelsschule gehen, aber ich habe meine Ausbildung angefangen und nach drei Jahren sofort meinen Meister gemacht.

Mit knapp 20 habe ich mich dann selbstständig gemacht - als damals jüngste Friseurmeisterin Deutschlands.

Für Sie wäre es nie infrage gekommen, für eine Friseurkette zu arbeiten?

Nein, auf keinen Fall. Ich kenn das gar nicht anders, ich bin immer selbstständig gewesen.

Wie sieht Ihr Arbeitstag denn aus, wenn es so richtig gut läuft?

Meistens gehe ich so um 8 Uhr ins Geschäft, checke die Buchungen, mache alles fertig, genieße mit einem Kaffee die Ruhe vor dem Sturm. Um 9 Uhr fangen wir an, und dann geht’s bis um 18 Uhr durch ohne Pause. Wenn ein guter Tag ist - und nicht Corona.

Ja, wie haben Sie denn diese Zeit überstanden?

Mit Unterstützung meiner Mutter, mit Unterstützung meiner Familie habe ich das irgendwie geschafft.

Ich hatte das Gefühl, jetzt in der Corona-Pandemie sehen die Leute das erste Mal, wie wichtig es ist, dass es Friseure gibt. Die Leute sahen ja immer schlimmer aus ... Haben Sie das gemerkt? Dass die Leute auf Sie zukommen und sagen: »Wir brauchen euch!«

Ich habe freiwillig eine Woche vor dem Lockdown mein Geschäft geschlossen, weil ich gesagt habe, ich will das meiner Mitarbeiterin und mir nicht antun. Und dann wurden wir plötzlich ganz wichtig. Es riefen uns Tausende Kunden an: »Kannst du mir nicht noch die Haare schneiden?« Plötzlich wurden wir auf Kaffee eingeladen. Ich habe mich wie ein Millionär gefühlt - jeder wollte mit mir befreundet sein. Ich habe das aber aus Prinzip abgelehnt.

Ja, die Menschen sahen immer schlimmer aus, und ich habe gemerkt, wie wichtig wir sind, wie systemrelevant. Wir Friseure wurden ja immer so belächelt: »Ach, du bist Friseurin? Hast du die Schere dabei?« Und plötzlich wurden wir fast wichtiger als Ärzte. Dadurch haben wir angefangen, unsere Preispolitik zu überdenken: Wenn wir doch so wichtig sind, warum arbeiten wir so günstig? Ich habe meine Preise erhöht, weil ich vorher nicht klargekommen bin, mit dem, was wir verdient haben.

Dann kam der zweite Lockdown, und wir wurden wirklich systemrelevant, als wir immer noch aufhaben durften, mit den Ärzten und den Lebensmittelgeschäften zusammen.

Fühlt es sich jetzt für dich anders an, zur Arbeit zu gehen und den Menschen die Haare zu schneiden?

Es ist immer noch der gleiche Beruf, aber unser Wert ist gestiegen. Wir sind ja nicht nur Friseure, wir schneiden ja nicht nur Haare. Man hat es ganz krass nach dem Lockdown gemerkt, dass wir auch Psychologen sind für die Leute. Ich weiß meistens schon zwei Jahre im Voraus, wenn ein Ehepaar zum Haareschneiden kommt, dass die Ehe zu Ende geht. Spätestens wenn der Mann eine Affäre hat, fängt er an, sich die Haare zu färben, oder kauft sich eine Harley, und die Frau wundert sich, warum er dann Überstunden machen muss. Wir Friseure wissen viel mehr, als mancher Mensch denkt.

Das stelle mich mir interessant vor. Haben Sie noch mehr solcher Geschichten?

Die Kunden erzählen uns wirklich alles, auch Sachen, die wir gar nicht wissen wollen.

Haben Sie den Beruf nie verflucht?

Ich meine, wenn ich nach zwölf Stunden aus dem Laden gehe, mit acht Litern Wasser in den Beinen, dann denke ich manchmal: Hättest du mal was anderes gelernt. Aber nicht um des Jobs willen! Das ist immer noch mein Traumberuf, und ich liebe es, auf Fortbildungen zu gehen, das ist für mich auch keine Arbeit.

Wie viele Stunden sind Sie denn im Salon?

Ich bin ja nicht nur im Salon, ich mache auch noch alles andere nebenbei: Die Bestellungen, dann mache ich die Buchführung, treffe mich mit dem Steuerberater. Ja, wie viele Stunden? 50 oder 60?

Wie ist es mit dem Einkommen? Was verdient man als Friseurin?

Wenn du Friseurmeister bist, verdienst du mehr; wenn du Geselle bist, ist es gestaffelt nach Gesellenjahren. Im ersten Gesellenjahr verdienst du so 1150 Euro, also gerade überm Mindestlohn. Das ist der Tarif. Man verdient leider nicht viel. Eine Friseurin sollte 3000 Euro netto bekommen, das ist meine Meinung.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Berufs?

Nachdem wir jetzt systemrelevant geworden sind, sollten wir auch die finanzielle Anerkennung bekommen, die uns gebührt. Wir Friseure stehen dann an der Kasse und haben ein komisches Gefühl. Das ist uns so beigebracht worden. Wir denken dann immer, ist das nicht zu viel? Aber wenn ich überlege, was ein Elektriker bekommt, um eine Lampe aufzuhängen. Das bezahlt man auch, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ich wünsche mir, dass die Friseure belohnt werden für ihren harten Job. Es ist ja nicht nur das Haareschneiden. Man muss mit Menschen können, man muss alle Menschen gut einschätzen können. Ich wünsche mir, dass eine Welle durch Deutschland geht. Aber wir sind ja auf einem guten Weg.

Sie sind in einem Verband aktiv, bei den Barber Angels. Was ist das?

Wir sind ein Verband von Friseuren, die in ihrer Freizeit Obdachlosen die Haare schneiden, und sind mittlerweile in fünf Ländern vertreten: Deutschland, Holland, Spanien, Österreich und Schweiz.

Wie ist die Idee entstanden?

Die hatte Claus Niedermaier bei einem Glas Rotwein im Winter am offenen Kamin. Der hat sich gedacht: Scheißkalt da draußen. Wie mögen sich die Obdachlosen wohl fühlen, was kann ich tun? Dann hat er sich Gleichgesinnte gesucht und einen Aufruf bei Facebook gestartet.

Und ich war von Anfang an mit dabei. Mittlerweile haben wir 480 Mitglieder und haben eine richtig tolle Community.

Ihr tretet auf in einheitlichem Look, mit Biker-Jacken wie eine Rockerbande. Was hat das zu bedeuten?

Wir gehen alle in Schwarz und haben unsere Kutte mit unserem Namen. Und an jedem Ort, wo man gewesen ist, bekommt man ein Patch. Da ist man stolz drauf, denn jedes Abzeichen hat man sich verdient.

Durch diese Kutte haben wir sofort einen Zugang zu den bedürftigen Menschen. Die haben keine Angst vor uns, die erzählen dir dann sofort ihre ganze Geschichte. Wir sind keine Gucci-Friseure mit irgendwelchem Chichi, sondern wir sind bodenständig. Wir sind alle gleich - da ist keiner besser und keiner schlechter.

Was sind das für Begegnungen?

Wenn du einem obdachlosen Menschen begegnest auf der Straße, möchte der eigentlich nicht gesehen werden. Der hat vielleicht seine Haare ein Jahr nicht gekämmt, kann nicht duschen und fühlt sich als Mensch zweiter Klasse. Dann kommen wir ins Spiel. Wir geben diesen Menschen eine Stunde Aufmerksamkeit und lassen sie in dieser Stunde König sein. Ich habe jetzt schon wieder Tränen in den Augen. Sie setzen sich in gebückter Haltung auf den Stuhl, und sie schämen sich, weil ihre Haare verfilzt sind, weil sie nicht frisch geduscht sind, aber das ist uns egal, das macht uns nichts.

Und du merkst, von Minute zu Minute wachsen sie in ihrem Stuhl; und wenn sie nachher den Blick in den Spiegel werfen, ist da wirklich ein anderer Mensch, mit Selbstvertrauen. Denn viele da draußen haben das nicht mehr, und sie gehen mit einer geraden Haltung raus. Das gibt uns so viel. Auch die Gespräche, die wir haben - das ist das Tollste, was es gibt. Und du kommst nach Hause und denkst: Du musst dankbar sein, für das, was du hast.

Also haben die Haare direkt mit der Würde zu tun ...

Ja, es hat ganz viel mit Würde zu tun, mit Selbstachtung.

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