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Bildungsungleichheit in der Pandemie

Wie sich während der Coronakrise die soziale Polarisierung in der jungen Generation verstärkt hat

  • Von Carolin Butterwegge, Christoph Butterwegge
  • Lesedauer: 7 Min.

Als die Covid-19-Pandemie im Februar/März 2020 die Bundesrepublik erreichte, deckte sie einerseits viele schon länger bestehende Missstände, soziale Ungleichheiten und politische Versäumnisse auf. Andererseits hat sich die Ungleichheit in Deutschland weiter verschärft: durch die »Jahrhundertpandemie«, durch das von ihren ökonomischen Auswirkungen (Unterbrechung von Lieferketten und Zusammenbruch von Absatzmärkten) sowie den staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen (temporäre Schließung von Gaststätten, Geschäften und Kultureinrichtungen sowie Kontaktverbote, Ausgangs- und Reisebeschränkungen) ausgelöste Krisendesaster. Aber auch durch die stark auf Wirtschaftsunternehmen bzw. ihre sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zugeschnittenen Finanzhilfen, »Rettungsschirme« und Fördermittel des Staates. Dass die Pandemie sozial extrem polarisierend gewirkt hat, gilt auch, wenn nicht sogar besonders für Kinder, Jugendliche und Heranwachsende.

Besondere Herausforderung

Die lange Dauer des pandemischen Ausnahmezustandes bedeutete für Kinder und Jugendliche eine besondere Herausforderung. Denn für sie war ein Jahr (in diesem Fall der Besorgnis, der Unsicherheit und der Beschränkungen ihres Handlungsspielraums) eine sehr viel längere Zeitspanne als für Erwachsene. Gerade in der Adoleszenz wirken aufgezwungene Vereinzelung, Vereinsamung und soziale Isolation, die für junge Menschen mit dem wiederholten Lockdown bisweilen verbunden waren, deprimierend und demoralisierend. Denn diese Lebensphase ist für die Persönlichkeitsentwicklung der Betroffenen und die Frage, wie selbstbewusst sie als Erwachsene auftreten können, von entscheidender Bedeutung.

Die meisten Kinder und Jugendlichen konnten von März bis April/Mai 2020, von Dezember 2020 bis Februar/März 2021 und von April bis Mai/Juni 2021 nicht oder nur sporadisch zur Schule bzw. in die Kita gehen. Sie litten besonders stark unter dem mehrmaligen Lockdown, weil auch der Kontakt zu ihren Großeltern vermieden werden musste, die aufgrund ihres hohen Ansteckungs- und Erkrankungsrisikos auch nicht als Ersatzbetreuer*innen zur Verfügung standen. Außerdem entfielen die meisten anderen Besuchsmöglichkeiten für gestresste Familien. Stattdessen wurde die eigene Wohnung für viele Wochen zum Lebensmittelpunkt für Kinder und Jugendliche.

An den ungewohnten Einschränkungen der Pandemie zerbrach so manche Kinderfreundschaft, weil sich Kleinkinder plötzlich in unterschiedlichen Gruppensettings ihrer Betreuungseinrichtung wiederfanden und nicht mehr wie gewohnt aufeinandertrafen. Manchmal trat durch diese Kontaktunterbrechung auch ein sozialer Entfremdungseffekt zwischen ihren Familien ein, und zwar insbesondere dann, wenn sie unterschiedlichen Bevölkerungsschichten angehören und deshalb weniger inhaltliche Berührungspunkte und Kontaktmöglichkeiten außerhalb des gewohnten Begegnungsraums in Schule oder Kita existieren.

Kinder brauchen nicht bloß Kinder, wie es immer heißt, sondern auch gemeinsame Treffpunkte, um miteinander feiern, chillen, spielen, reden, lernen, herumtollen, musizieren, tanzen oder Sport treiben zu können. Als sie aufgrund des mehrmaligen Lockdowns nicht wie gewohnt zur Schule, in die Kindertagesstätte oder den Hort gehen konnten, aber auch Jugendzentren geschlossen waren, fehlte Minderjährigen das neben der Familie für ihre Persönlichkeitsentwicklung wahrscheinlich Allerwichtigste. Denn die Schule ist mehr als eine Bildungsinstitution, nämlich ebenso wie die Kita, der Hort oder der Jugendclub auch ein Ort des sozialen Kontakts, der Freundschaften und des Austausches mit Gleichaltrigen.

Schwerer Start ins Berufsleben

Die nichtakademische, noch stärker von einer Prekarisierung bedrohte Jugend litt während der Covid-19-Pandemie unter einem signifikanten Rückgang des Lehrstellenangebots in krisengeschüttelten Branchen und Betrieben. Offenbar folgte der »Generation Praktikum«, die zur Jahrtausendwende mit unbezahlten oder minderbezahlten Tätigkeiten abgespeist wurde, statt sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu erhalten, im Zeichen der Coronakrise eine »Generation kein Praktikum«, der 2020/21 weder genug Ausbildungs- noch genug Praktikumsplätze zur Verfügung standen.

Zwar legte der Bund ein Programm »Ausbildungsplätze sichern« auf, das es der Agentur für Arbeit ermöglichte, kleinen und mittelständischen Unternehmen, die weniger als 250 (später: 500) Beschäftigte hatten und trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten verstärkt ausbildeten, eine »Azubi-Prämie plus« in Höhe von maximal 3000 Euro bzw. ab 1. Juni 2021 sogar 6000 Euro pro Lehrstelle zu zahlen. Dennoch fiel es Schulabgänger*innen während der Pandemie schwerer als früheren Jahrgängen, einen für sie passenden Ausbildungsplatz zu finden. Wo die Einkommen sowieso niedriger sein werden als bei akademisch Gebildeten und hoch qualifizierten Fachkräften, wurde der Start ins Berufsleben dadurch zusätzlich erschwert, verzögert oder verhindert.

Seit der Vereinigung von BRD und DDR begannen in keinem Jahr so wenig junge Menschen eine Berufsausbildung wie 2020, denn die Zahl der neu geschlossenen Ausbildungsverträge sank um fast zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zwar waren im Januar 2021 nur knapp ein Zehntel mehr 15- bis 24-Jährige als (jugend)arbeitslos registriert als im selben Monat des Vorjahres. Zu vermuten ist allerdings, dass sich viele Heranwachsende nicht bei den Jobcentern gemeldet oder aus der Not eine Tugend gemacht und ihre Schullaufbahn verlängert bzw. sich einen Studienplatz gesucht haben. Denkt man an die künftigen Berufsaussichten der jungen Leute, erhöhte sich die Ungleichheit zwischen der akademischen und der nichtakademischen Jugend dadurch weiter.

Die für das bestehende Wirtschaftssystem weiterhin zentrale Konfliktlinie zwischen Kapital und Arbeit wurde auch im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie viel zu selten thematisiert. Sonst wäre stärker ins Blickfeld geraten, dass sich die antagonistischen Klasseninteressen und die unterschiedlichen sozialen Lagen der einzelnen Gesellschaftsschichten nunmehr wieder schärfer konturierten als in der vorangegangenen Dekade, die den meisten Wirtschaftsunternehmen als lang anhaltende Boomphase größere Verteilungsspielräume geboten hatte. Stattdessen hieß es beispielsweise, die Jungen hätten durch ihre fehlende Infektionsfurcht, ihre mangelnde Rücksichtnahme auf die Risikogruppen und ihren zu laxen Umgang mit dem Coronavirus das Leben der Alten gefährdet. Diesen wurde umgekehrt vorgeworfen, die nachwachsende Generation für die Aufrechterhaltung ihrer eigenen Gesundheit in Mithaftung genommen, den Bewegungsspielraum der Jungen über Gebühr eingeschränkt und deren allgemeine Entwicklungsmöglichkeiten dauerhaft verschlechtert zu haben.

Zusammen mit der Covid-19-Pandemie selbst führten die Kontaktbeschränkungen, das Homeoffice vieler Eltern sowie vorübergehende Kita- und Schulschließungen zu einer tiefgreifenden Veränderung des Familienlebens, aber auch der Kindheit selbst. Lockdown-Situationen waren für die meisten Familien (einschließlich der Großeltern), Kinder und Jugendliche extrem belastend. Die unvorbereitet erfolgten Kita- und Schulschließungen warfen sie infolge anfangs fehlender Regelungen zu Verdienstausfällen und zum Homeoffice mit gleichzeitig zu leistender Kinderbetreuung und Homeschooling, strengen Kontaktverboten, geschlossenen Spiel- bzw. Bolzplätzen und Freizeittreffs sowie einem weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens auf sich selbst und ihre eigenen vier Wände zurück. Viele Eltern unterlagen als Arbeitnehmer*innen, Kinderbetreuer*innen und Erzieher*innen bzw. Lehrer*innen einer »Dreifachbelastung« (Gerda Holz/Antje Richter-Kornweitz), die insbesondere Alleinerziehende bis an oder sogar über ihre physische und psychische Belastungsgrenze brachte.

Homeschooling war für die Eltern und Schüler*innen keineswegs gleich Homeschooling. Da gab es Schulen mit einer überwiegend soziökonomisch benachteiligten Schülerschaft in herausfordernden Lagen, in denen manch eine Lehrkraft wegen vermuteter Ausstattungsmängel der Elternhäuser und/oder von in der Schulkultur verbreiteter Defizitorientierungen im Hinblick auf digitale Kompetenzen der Schüler*innen einen Fernunterricht für ihre mehrheitlich benachteiligten Schüler*innen anfangs gar nicht erst in Betracht gezogen hat. Andere Lehrkräfte stießen schnell an ihre Grenzen, wenn es im Lockdown darum ging, überhaupt Kontakt zu allen Schüler(inne)n bzw. ihren Elternhäusern herzustellen und aufrechtzuerhalten. Selbst wenn Laptops vorhanden waren, wurde der persönliche Kontakt zu den Lehrkräften schmerzlich vermisst. Der postalische Versand oder Bring- und Abholdienste von Arbeitsblättern am Wochenbeginn ersetzten weder Rückmeldungen zur Aufgabenbearbeitung noch den Austausch mit Schüler*innen, etwa über das kindliche Wohlbefinden und dessen Gefährdung.

Ein verlorenes Schuljahr

Insbesondere sozial benachteiligte Familien stellte die Unterstützung bei den Schulaufgaben unter diesen Rahmenbedingungen auf eine harte Bewährungsprobe. Denn ihnen fehlten die dafür benötigten Ressourcen, als da sind: genügend Freizeit, um sich eingehend mit den Kindern befassen zu können; ausreichend finanzielle Mittel, um erforderliche Nachhilfestunden bezahlen zu können; gute schulische Kenntnisse und pädagogisch-didaktische Kompetenzen (zur Bewältigung des Lernstoffs). So befürchten viele Bildungswissenschaftler*innen, dass das Schuljahr 2020/21 für nicht wenige Schüler*innen ein verlorenes ist, weil die Möglichkeiten, Verpasstes nachzuholen, nicht ausreichten. Hingegen konnten akademisch gebildete Eltern aus der Mittelschicht ihren Kindern viel eher behilflich sein, als Lehrkraftersatz fungieren und den Ausfall schulischen Präsenzunterrichts größtenteils kompensieren, sodass ihre Sprösslinge trotz des Distanzunterrichts durchaus Lernfortschritte verzeichnet haben dürften.

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