Ungewollte Zweckgemeinschaft

China erkennt die Taliban an, nimmt die Islamisten aber als Sicherheitsrisiko wahr

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.

Für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich rasch hat Peking die neuen politischen Gegebenheiten in Afghanistan anerkannt. »Wir respektieren die Entscheidung des afghanischen Volkes«, verkündete die Sprecherin des Pekinger Außenministeriums, Hua Chunying, am Montagnachmittag. Ihre Worte klingen, als hätte es in Kabul einen Urnengang gegeben. Für die Volksrepublik China steht bei dem Machtwechsel in Kabul sehr viel auf dem Spiel – allen voran sicherheitspolitisch, aber auch wirtschaftlich.

Von Anspannung war in den Berichten der Staatsmedien hingegen wenig zu entnehmen. Im Gegenteil, kommentierten sie doch am Montag unisono höhnisch und schadenfroh. Die »Volkszeitung«, Zentralorgan der Kommunistischen Partei, befand etwa, dass die Afghanen von den Amerikanern »wie Müll entsorgt« wurden. Die nationalistische »Global Times« ging sogar so weit zu behaupten, dass die USA nun endgültig auf dem »Friedhof der Weltmächte gelandet« seien. Und die sonst auf Zurückhaltung bedachte Nachrichtenagentur Xinhua schrieb auf Twitter vom »bombenwerfenden Uncle Sam«, der sich nun fragen würde: »Why can't even 20 bombs a day keep the Taliban away?« – Wieso können nicht einmal 20 Bomben am Tag die Taliban fernhalten?


Taliban stellen Risiko für China dar

Dabei ist den Parteikadern im Pekinger Regierungssitz Zhongnanhai sicher nicht zum Lachen zu Mute. Denn für China stellt die Machtübernahme der Taliban in Kabul vor allem ein großes Risiko dar. Beide Länder teilen eine 76 Kilometer lange Grenze, die entlang der muslimisch geprägten Krisenprovinz Xinjiang verläuft; dort also, wo China Hunderttausende Uiguren in politischen Umerziehungs- und Straflagern interniert hat. Die Volksrepublik fürchtet, das militante Anhänger der Uiguren nun in Afghanistan Schlupflöcher finden könnten, um unter der schützenden Hand der Taliban aus dem Exil eine Widerstandsbewegung zu organisieren.

Präventiv rollte Peking den Islamisten den diplomatisch-roten Teppich aus. Bereits am 28. Juli traf Außenminister Wang Yi in der Küstenstadt Tianjin eine neunköpfige Delegation der Taliban. Die Angereisten nahmen im selben Konferenzzimmer Platz wie keine 48 Stunden zuvor die US-Vizeaußenministerin Wendy Sherman.

Das höfliche Miteinander scheint sich bislang auszuzahlen. Die Taliban haben bereits versprochen, sich nicht in innere Angelegenheiten Chinas einzumischen zu wollen. Doch wie verlässlich eine solche mündliche Verpflichtung ist, wird sich wohl erst in den kommenden Monaten herausstellen.


Geopolitisch bleibt Afghanistan wichtig

Insgeheim misstraut Chinas Staatsführung nämlich sehr wohl den Taliban, betrachten sie diese doch vor allem als ein Sicherheitsrisiko in der Region. Im Juli etwa wurden neun Chinesen Opfer eines Selbstmordanschlags in Pakistan, der laut Angaben aus Islamabad von pakistanischen Taliban aus Afghanistan heraus geplant wurde.

Insofern ist Peking durchaus hin- und hergerissen: Insbesondere die »Wolfskrieger«-Diplomaten in China wünschten sich den Abzug der schwächelnden USA, die ein Vakuum hinterlassen, welches nun von der neuen Weltmacht China gefüllt werden kann. Die Realpolitiker sehen vornehmlich die Gefahren, die eine zunehmende Einmischung in die Geopolitik abseits der eigenen Grenzen birgt.

Am Montag telefonierten die Außenminister der USA und China, Antony Blinken und Wang Yi, miteinander, um über die Lage in Afghanistan zu sprechen. Laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua forderte Wang Blinken auf, eine konstruktive Rolle zu spielen und sich am Wiederaufbau Afghanistans zu beteiligen. Gleichzeitig soll China sich bereit erklärt haben, mit den USA zusammenzuarbeiten, um einen erneuten Bürgerkrieg in Afghanistan zu verhindern.

Die ölreiche Region in Zentralasien ist auch ökonomisch sehr wichtig für China, allein schon aufgrund dessen massiven Energiebedarfs. Wenn es China gelänge, Afghanistan in die vielen Infrastrukturprojekte zu integrieren, die unter dem Slogan »Belt-and Road-Initiative« firmieren, wäre dies ein großer Erfolg. Bereits am Sonntag, nur wenige Stunden nachdem die Taliban gerade die afghanische Hauptstadt erreicht hatten, spekulierte die »Global Times« bereits, wie die heimischen Staatsunternehmen beim Wiederaufbau des kriselnden Landes geschäftlich profitieren könnten.

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