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Der IS ist zurück

Islamistische Imperialisten gegen Traditionalisten

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 3 Min.
Verwundete Afghanen liegen, nach den tödlichen Anschlägen vor dem Flughafen, in einem Krankenhaus
Verwundete Afghanen liegen, nach den tödlichen Anschlägen vor dem Flughafen, in einem Krankenhaus

Nach den Selbstmordattentaten in Kabul vom Donnerstag ist die Anzahl der Opfer noch immer nicht eindeutig geklärt. Das britische Verteidigungsministeriums spricht von 60 bis 80 getöteten afghanischen Zivilisten, dazu laut Pentagon 13 US-Soldaten. Dutzende weitere Menschen wurden verletzt. Der gewöhnlich gut unterrichtete arabische Nachrichtensender Al-Jazeera nennt die Zahl von »mindestens 110 Toten«.

Die italienische Nichtregierungsorganisation Emergency, die seit 2001 in Kabul ein Krankenhaus für Kriegsopfer betreibt, sagte dpa, allein in ihrem Krankenhaus seien 16 Tote eingeliefert worden. »Um diese Notsituation zu bewältigen, haben wir die Zahl der Betten von 100 auf 115 erhöht. Im Moment sind vier Betten frei«, schreibt der Medizinische Koordinator von Emergency, Alberto Zanin, am Freitag auf Twitter. Die Chirurgen hätten die ganze Nacht über operiert, um die Verletzten zu versorgen. »Die Explosionen haben Frauen, Männer und Kinder verletzt, einige davon sehr jung. Die Wunden wurden durch Metallsplitter oder Druckwellen und Verbrennungen verursacht.«

Überall in Afghanistan wird derweil das medizinische Material knapp. Geplante Versorgungsflüge der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konnten wegen der Sicherheitslage nicht stattfinden, erklärte Rick Brennan, WHO-Nothilfekoordinator für die Region, am Freitag. »Die Vorräte reichen nur noch für ein paar Tage«, sagte Brennan.

Deutschland hat die Evakuierungsmission am Freitag beendet. Mehr als 10 000 Menschen mit Aufnahmegarantie sind noch im Land, darunter 300 Deutsche, schätzt das Auswärtige Amt. Die ganze Welt verurteilte die blutigen Anschläge, auch die Taliban. US-Präsident Joe Biden weckte in seiner Stellungnahme Rachegelüste und warnte die Drahtzieher: »Wir werden nicht vergeben. Wir werden nicht vergessen. Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen.« Der »Krieg gegen den Terror« geht weiter.

Laut Selbstbezichtigung steckt hinter den Selbstmordattentaten der regionale Ableger des sogenannten Islamischen Staates in der der Provinz »Khorasan« (Akronym IS-K oder ISKP). Diese bewaffnete Gruppe wurde 2014 von abtrünnigen Kämpfern der pakistanischen Taliban und Kämpfern aus Afghanistan gebildet, die dem verstorbenen IS-Führer Abu Bakr Al-Baghdadi Treue geschworen haben. Versprengte Al-Qaida-Mitglieder haben dort auch eine neue Heimat gefunden. Der IS-K ist stark im Nordosten Afghanistans verwurzelt, hat aber Schläferzellen in Kabul und anderen Provinzen eingerichtet. Sie sind Gegner der Taliban und lehren ähnlich wie Al-Qaida einen streng sunnitischen Glauben salafistischer Prägung.

Mit dem Branding »K« nimmt der IS-K für sich in Anspruch, seine radikale Ideologie in die historische Provinz »Khorasan« zu tragen: Das Wort bedeutet im älteren Persisch etwa »Land der aufgehenden Sonne« und umfasste im Kern Gebiete im heutigen Nordost-Iran, Südost-Turkmenistan und Nordwest-Afghanistan; noch heute tragen Provinzen im Iran »Khorasan« im Namen.

Die Trennungslinie zwischen den Taliban und dem IS-K ist eindeutig: Während erstere eine auf die afghanische Nation zentrierte islamistische Agenda verfolgen, hat der IS in Khorasan wie die syrisch-irakische Mutterorganisation globale Ambitionen und eine transnationale Organisation. Charakterisiert durch extreme Gewalt gegen »Ungläubige« – dazu gehören auch Schiiten und andere konfessionelle Strömungen im Islam –, tragen sie in die traditionelle afghanische Gesellschaft fundamentalistisches islamistisches Gedankengut, das dieser fremd war. Die Taliban haben ihre soziale Basis vor allem unter den traditionell in Stämmen und Großfamilien organisierten Paschtunen, deren Verhaltenskodex sie in eine islamistisch überhöhte Hülle stecken. Noch haben die Taliban nicht die Kontrolle über ganz Afghanistan, und jetzt ist damit zu rechnen, dass es auch zu Auseinandersetzungen mit dem IS-K kommt.

Die Situation in Kabul

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