Werbung

Der stille Gast

Andreas Koristka über den Kanzlerkandidaten, der sich zweimal tägliche die Zähne putzt

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.
Olaf Scholz: Der stille Gast

Olaf Scholz ist der Mann der Stunde. Die Umfragen zeigen eine gnadenlose Begeisterung für den Schmunzelautomaten aus dem Norden. Kein Wunder, denn der Spitzenkandidat der SPD hat seinen Konkurrenten einiges voraus. Der Hanseat aus Überzeugung beherrscht nicht nur die Zitierregeln wie kein Zweiter, sondern verfügt über das Charisma eines Backfisches, der ein wenig zu kurz in der Fritteuse war. Gut, Letzteres trifft auch auf Armin Laschet zu. Aber der amtierende Finanzminister hat außerdem keinen Humor, was ihn dazu befähigt, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen, wenn Frank-Walter Steinmeier eine Rede hält. Der Sachverwalter der Sozialdemokratie ist also wie gemacht für das wichtigste Amt im Staate der schönsten und bescheidensten Nation auf diesem Planeten.

Olaf Scholz wird der nächste Kanzler werden. Das, und dass er auch künftig seine Kontoauszüge gewissenhaft abheften wird, ist so sicher wie der Applaus am Ende einer SPD-Wahlkampfveranstaltung. Dort fiebern die Leute mit. Sie hängen wie gebannt an Scholz’ Lippen. Die Sätze sprudeln aus ihm heraus wie Holzsplitter unter einem entzündeten Fingernagel. Es ist spannend, ihn sprechen zu hören. Immer ist da die Hoffnung, der nächste Satz möge nicht klingen, als hätte er ihn auswendig gelernt, weil es ihm sein PR-Berater befahl und ihn, Scholz, in den Übungsstunden mit Stromstößen traktierte, wenn er in einem Anfall von Übermut auch nur ein eigenes kleines Wörtchen einfügte.

Andreas Koristka ist Redakteur des Satiremagazins »Eulenspiegel«.
Andreas Koristka ist Redakteur des Satiremagazins »Eulenspiegel«.

Dabei ist Olf Scholz, wie man ihn schon mal nach ein, zwei Bierchen nennt, gar nicht der Typ, dem die Herzen zufliegen. Er wird bei seinen Auftritten nicht mit Unterwäsche beworfen. Er ist kein Menschenfänger wie Martin Schulz und kein Charmeur wie Gerhard Schröder. Aber das muss er auch nicht. Scholz muss einfach nur da sein. Das macht er so, dass man ihn kaum bemerkt. Er ist wie der stille Gast auf einer Geburtstagsfeier, der nichts trinkt und nichts isst, aber eben auch nicht schmutzt. Wenn er aufsteht, dann entdellt sich das Kissen, auf dem er saß, wie von Geisterhand wieder zu seiner alten Form.

Diese Seelenlosigkeit macht Scholz so beliebt und authentisch. Wenn seine Kanzlerschaft eines hoffentlich sehr fernen Tages vorbei sein wird, wird er der Kanzler sein, auf den man nicht kommt, wenn man alle aufzählen möchte. Dabei gibt es durchaus ein paar interessante Fakten zu seiner Person. Wenn man beispielsweise seinen vollen Namen zehnmal hintereinander laut ausspricht, dann klingt er irgendwie komisch. Scholz putzt sich zweimal täglich die Zähne, und er schneidet regelmäßig seine Fußnägel. Manchmal verlegt er seinen Schlüssel oder kann sich im Untersuchungsausschuss des Bundestages an nichts mehr erinnern.

Die väterliche Hand aus Hamburg - Jeja Klein erinnert an die regressive Politik von Olaf Scholz während des G20-Gipfels

Für Menschen, die es auch in der Politik gern etwas glamouröser haben, mag er eine Enttäuschung sein. Aber so ist das nun mal in der Demokratie. Es gibt nicht unendlich viele Kanzlerkandidaten. Einer davon ist zu dumm und Baerbock ist eine Frau. Da bleibt dann eben nur noch Scholz über. Und wer weiß, vielleicht überrascht er auch noch mit einer gewagten Aktion. Vielleicht färbt er seine Halbglatze bunt, distanziert sich von der Agenda 2010 und versteigert seine Büroklammersammlung für einen guten Zweck. Oder er veröffentlicht ein paar erotische Fotos von sich, die ihn zeigen, wie er sich zwischen seinen Leitz-Ordnern räkelt, spannt Oskar Lafontaine die Frau aus und gibt der »Bunten« ein Exklusivinterview nebst Homestory. Warum sollte das nicht möglich sein? Wenn der Vorschlag von seinem PR-Berater kommt, zieht Scholz das durch. Der Wahlkampf des Jahres 2021 bleibt spannend.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
0
Beiträge gelesen

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und kaufe eine virtuelle Ausgabe des »nd«

0
Beiträge auf nd-aktuell gelesen

Hilf mit, die Seiten zu füllen!

Zahlungsmethode