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Trotz Werbung fliegt die Flinte oft ins Korn

Hohe Abbrecherzahlen bei den jugendlichen Soldaten lassen Werbemaßnahmen fragwürdig wirken

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 4 Min.
Technik, die begeistert. Bei der Anwerbung zielt die Bundeswehr auf Jugendliche. Die Begeisterung hält jedoch immer öfter nur kurz, wie die Zahlen der Austeiger*innen belegen.
Technik, die begeistert. Bei der Anwerbung zielt die Bundeswehr auf Jugendliche. Die Begeisterung hält jedoch immer öfter nur kurz, wie die Zahlen der Austeiger*innen belegen.

Überdurchschnittlich viele junge Rekrut*innen, die bereits im Alter von 17 Jahren in die Bundeswehr eingetreten sind, brechen ihren Dienst, einem Zeitungsbericht zufolge, schon in der sechsmonatigen Probezeit ab. Das berichtet die »Welt« unter Berufung auf Zahlen aus dem Bundesverteidigungsministerium, die der CDU-Abgeordnete Frank Heinrich erfragte. 1705 junge Männer und Frauen unter 18 Jahren wurden demnach im Jahr 2019 eingestellt - 467 gaben ihren Dienst bereits in der Probezeit auf.

Ähnlich ungünstig sei das Verhältnis in den Jahren zuvor gewesen. 2018 habe es 464 Probezeitkündigungen unter den 1679 minderjährig eingestellten Rekrut*innen gegeben. 2017 habe das Verhältnis 584 zu 2126 betragen, im Jahr zuvor 588 zu 1910. Im Jahr 2015 habe es bei 444 zu 1511 gelegen. Im Corona-Jahr 2020 seien insgesamt weniger Minderjährige eingestellt worden. Von den 1148 Neuanfängern hätten 236 in den ersten sechs Monaten aufgegeben.

Nach Zahlen der Organisation Terre des Hommes wirbt die Bundeswehr in der Zielgruppe der unter 18-jährigen Menschen massiv. Rund 400 000 Jugendliche würden durch Karriereberater*innen und Jugendoffizier*innen erreicht. Letztere sind zwar nicht mit einem dezidierten Anwerbeauftrag unterwegs, jedoch vermitteln sie Eindrücke von der Truppe, die offensichtlich falsche Erwartungen schüren. Die Bundeswehr informiere beispielsweise mit den Webserien auf dem Youtube-Kanal »Bundeswehr Exclusive« authentisch und zeitgemäß über den Auftrag und die Aufgaben, meint die Truppe in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion, die insbesondere die sozialen Medien, Videospiele und Fernsehen in den Blick nahm.

Nicht ganz billig. Nach Zahlen, die die Linksfraktion im Bundestag erfragte, belaufen sich die Ausgaben für die Personalwerbung auf 33,6 Millionen Euro im Jahr 2020. Rund zwei Millionen Euro davon gab die Bundeswehr alleine für die Auftritte auf Messen aus, obwohl coronabedingt weniger Messen stattfanden. Im Vorjahr 2019 lagen die Ausgaben in diesem Bereich bei 3,9 Millionen Euro.

Die Kontakte zu Jugendlichen sind der Bundeswehr viel wert. So waren im Jahr 2019 sechs sogenannte Communitytreffen gelistet, bei denen 180 Jugendliche erreicht worden seien. Bei Kosten von 55 000 Euro waren das dann durchschnittlich 305 Euro pro erreichter Person. Der Frauenanteil liegt in der Bundeswehr bei 14 Prozent in den Laufbahnen der Zeitsoldat*innen und bei 19 Prozent bei den freiwillig Wehrdienstleistenden.

Pandemiebedingt weitete die Bundeswehr die Onlineaccounts auf Twitter aus und richtete in den vergangenen beiden Jahren vor allem für die ranghöchsten Vertreter, die Teilstreitkräfte und die Bundeswehruniversitäten und -schulen Onlinepräsenzen ein. Man gibt sich dort nach eigenen Angaben »bürgernah und dialogorientiert«, obgleich kritische Bemerkungen eher keinen Dialog nach sich ziehen. Mit wie viel Personal und Kosten die einzelnen Plattformen der sozialen Medien betreut werden, vermag die Bundeswehr nicht differenziert darzustellen.

Auf das Twitter-Schlachtfeld lässt man Soldat*innen oft erst nach bundeswehreigenen Lehrgängen ziehen. Trainings dafür gibt es im Zentrum für Informationsarbeit der Bundeswehr. Soldat*innen, die die Grenzen der sozialen Medien in einem für Bundeswehrangehörige unvertretbaren Rahmen überschreiten würden, würden durch ihre zuständigen Disziplinarvorgesetzten geahndet. Einen Überblick, wie häufig das passiert, hat die Bundeswehr indes nicht, obgleich sie sich im vergangenen Jahr von einem selbst ernannten Leiter der Social Media-Abteilung distanzieren musste, der durch zu viel Nähe zu rechten und rechtsradikalen Strukturen medial aufgefallen war. Obwohl Trommeln zum Geschäft der Nachwuchswerbung gehört, sparte die Bundeswehr zuletzt mit Tschingderassabum und ließ die Musikkorps im Jahr 2020 nur 92-mal ausrücken. Weniger als ein Viertel der 422 Einsätze aus dem Vorjahr wurden so absolviert.

Auch zu den dunklen Kapiteln im Umgang mit dem Personal nahm die Truppe Stellung. Zwischen 2018 und 2020 verzeichnete die Bundeswehr 167 Suizidversuche sowie 50 vollendete Suizide - unter letzteren Fällen war demnach eine minderjährige Person. Zudem gab es laut »Welt« im Zeitraum 2018 bis 2020 insgesamt 848 Verdachtsmeldungen in der Kategorie »Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung« oder sonstige Formen sexueller Belästigung. In 17 dieser Verdachtsmeldungen seien minderjährige Soldatinnen oder Soldaten als Betroffene geführt worden. In fünf dieser Fälle habe sich der Anfangsverdacht gegen Vorgesetzte der möglicherweise betroffenen Minderjährigen gerichtet. Mit Agenturen

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