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Alle Zweifel überwinden

Das Potsdamer Museum Barberini zeigt Impressionismus in Russland

  • Von Geraldine Spiekermann
  • Lesedauer: 6 Min.

In Russland wird bis zum heutigen Tag darüber diskutiert, ob es den Impressionismus als solchen dort überhaupt gegeben habe. Wladimir A. Lenjaschin schrieb noch 2003, dass das Schicksal der russischen Freilichtmalerei (en plein air) doch recht merkwürdig sei und dass diese Kunstströmung keine besondere Furore in Russland gemacht habe. Kritiker*innen wie Anhänger*innen sprechen davon, dass es sich bei den entsprechenden Kunstwerken um »übliche realistische Darstellungen« handele, »die mit Licht und Luft erfüllt« seien, und diese »lediglich als individuelle Improvisationen ohne jeglichen Bezug zur Kunst des Impressionismus« zu verstehen seien.

Bei allen stilistischen und motivischen Ähnlichkeiten mit den impressionistischen Werken der französischen Künstler*innen ist der Begriff in Russland stets peinlich vermieden oder sogar negiert worden. Alexei Fjodorow-Dawydow ersetzte den Terminus Impressionismus für russische Arbeiten beispielsweise durch den Begriff »Neorealismus« oder die Bezeichnung »neuer Stil«. Und Gleb Poljenow konstatierte 1998 apodiktisch: »In Russland gab es zu Beginn des Jahrhunderts keinen Impressionismus als eigenständige Strömung.«

Bis ins neue Jahrtausend hinein blieb das Paradox bestehen: Es gab den Impressionismus in Russland, und es gab ihn nicht. Erst im Jahr 2000 begann sich diese Sichtweise mit einer großen Ausstellung im Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg maßgeblich zu verändern. Auch die Ausstellung »Wege des russischen Impressionismus« zum 100-jährigen Bestehen des Bundes russischer Künstler in der Staatlichen Tretjakow-Galerie drei Jahre darauf in Moskau schlug hier - wörtlich genommen - neue Schneisen.

Die jetzt im Barberini-Museum in Potsdam gezeigte Ausstellung »Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde verdankt« sich nicht von ungefähr der Kooperation mit der Tretjakow-Galerie. Deren Generaldirektorin Zelfira Tregulova hat gemeinsam mit ihrer Kollegin, der Direktorin des Museums Barberini, Ortrud Westheider, sowie der Gastkuratorin Alla Chilova rund 80 impressionistische Werke ausgewählt. Darunter befinden sich auch Gemälde von Natalja Sergejewna Gontscharowa (1881- 1962) und Michail Fjodorowitsch Larionow (1881-1964), die eher mit der kubistischen Sonderform des Rayonismus (auch Lutschismus oder Luminarismus genannt) in Verbindung gebracht werden, einer prismatischen Zersplitterung der Bildmotive und einer grafisch-abstrakten Verdichtung der Bildfläche. Zu sehen sind ebenso impressionistische Werke des Suprematisten Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch (1878- 1935); dessen gegenstandslose Abstraktion »Drei Bögen auf diagonalem Element in Weiß« von 1917 aus der Serie »Weiß auf weißem Grund« bildet den Schlusspunkt der aktuellen Ausstellung.

Dass sich nicht nur über die Auflösung in das Weiß des reinen Lichts hier ein Anknüpfungspunkt zum lichtdurchfluteten Impressionismus herstellen lässt, sondern auch über die Auflösung des Gegenständlichen, belegt eine Schilderung eines nicht minder berühmten Zeitgenossen: Wassili Wassiljewitsch Kandinsky (1866-1944). 1896 wurde er in einer Moskauer Ausstellung mit dem besonders farbintensiven Gemälde »Heuhaufen« des französischen Impressionisten Claude Monet (1840-1926) konfrontiert. Seine verwirrende Erfahrung fasste er in die Worte: »Dass das ein Heuhaufen war, belehrte mich der Katalog. Erkennen konnte ich ihn nicht. Dieses Nichterkennen war mir peinlich. Ich fand auch, dass der Maler kein Recht hat, so undeutlich zu malen. Ich empfand dumpf, dass der Gegenstand in diesem Bild fehlt.«

Diesem ersten Eindruck konnte Kandinsky infolge weiterer Beschäftigung mit und Vertiefung in Monets Malstil schließlich etwas Positives abgewinnen, was nicht für alle seine Zeitgenoss*innen zutraf. Wie den französischen Impressionist*innen Unfertigkeit und Schlampigkeit vorgeworfen wurde, so begegnete auch den russischen Künstler*innen, die sich von ihnen anregen ließen, ein Unverständnis in der Gesellschaft, sogar in der Malergilde selbst. Die Intention, sich mit einem momentanen flüchtigen Moment des alltäglichen modernen Lebens zu befassen und keine inhaltlich bedeutungsschwangere Botschaft oder ambitionierte Erzählung zu vermitteln, wurde nicht verstanden beziehungsweise abgelehnt. Doch gerade die reine Visualität, die Auseinandersetzung mit der Wirkung des Lichts und dem atmosphärischen Eindruck, genügt sich im Impressionismus selbst.

Dem momenthaften Augenblick fehlt das »traditionelle Spektrum humanistischer Fragen«, schreibt Lenjaschin. Russische Künstler*innen, die »doch von der Wiege an mit ewigen und sozialen Fragen der Existenz überschüttet« worden sind, müssten daher angesichts der Inhaltsleere des Impressionismus auf besonders große Zweifel stoßen und diese Zweifel erst überwinden lernen. Und er fragt sich: »Ist es überhaupt möglich, Impressionist zu sein und zugleich Zeitgenosse von Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski zu bleiben?«

Ja, dies ist durchaus und auf sehr überzeugende Art und Weise möglich. Der Eindruck des Unbeschwerten und Augenblicklichen im Gegenwärtigen in einer dem Leben zugewandten Moderne fanden Künstler wie Konstantin Alexejewitsch Korowin (1861- 1939) oder Nicolas Tarkhoff (1871-1930) ganz unmittelbar in Paris vor. Ihre Bilder zeigen Boulevards im Regen, am Morgen oder bei Nacht mit dem atmosphärischen Licht der Gaslaternen.

Andere reisten in die Natur, ins Umland von Moskau oder in den hohen russischen Norden, wie Ilja Jefimowitsch Repin (1844- 1930) oder Wassili Polenow und Valentin Alexandrowitsch Serow (1865-1911). Sie zeigen das heitere Leben in den Datschen, die lichtdurchfluteten Innenräume der Sommerhäuser, Schattenspiele auf Gegenständen und arrangierten Stillleben.

Olga Wladimirowna Rosanowa (1886- 1918) bietet einen ungewohnten Blick von außen durch ein offenes Fenster in ein Haus. Und auch in ihrer Landschaft »Winter. Dompfaffen im Baum« (1907/08) beweist sie mehr Mut zum kräftigen Komplementärkontrast in Violett-Gelb als ihr Zeitgenosse Stanislaw Shukowski (1873-1944). Insbesondere die Landschaftsmalerei erwies sich für auch Larionow, Gontscharowa und Malewitsch als ein weites, spannendes Experimentierfeld.

Die Potsdamer Ausstellung zeichnet zum ersten Mal visuell nach, wie die Entwicklung vom Impressionismus ab 1910 in den sphärischen Rayonismus, den dynamischen Kubofuturismus und den folgenden ungegenständlichen Suprematismus übergeht, der sich bis in die 30er Jahre behauptete. Darüber hinaus ist es dem Publikum möglich, Kandinskys oben geschilderte Seherfahrung nachzuerleben. Denn die ebenfalls im Barberini präsentierte Sammlung impressionistischer Gemälde des Museumsgründers Hasso Plattner bietet zum Vergleich rund 100 Werke französischer Impressionisten und Nachimpressionisten, darunter allein 34 Gemälde von Monet. Unter jenen befinden sich zwei Variationen seines berühmten Heuhaufens, über den Kandinsky weiter sagte, dass »das Bild nicht nur packt, sondern sich unverwischbar in das Gedächtnis einprägt und immer ganz unerwartet bis zur letzten Einzelheit vor Augen schwebt«.

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Die Werke der russischen Impressionist*innen sind nicht weniger packend in ihrem kräftigen und leuchtenden Kolorit und in ihren mal kräftigen, mal zart getupften Pinselführungen. Sie sind nicht weniger eigenständig in ihrer Art und Weise, Licht aus der Farbe zu gewinnen und dabei alte Traditionen und hartnäckige Zweifel hinter sich zu lassen. Insofern passt als bewundernder Kommentar zu dieser Ausstellung der Rat, den der Kunstmäzen und Industrielle Sawwa Iwanowitsch Mamontow (1841-1918) einst Korowin gab, als dieser gerade aus der Metropole Paris nach Russland zurückgekehrt war: »Was für ein furchtbarer Fehler, französischen Farbschattierungen nachzujagen, wenn man hier so viel Schönheit findet.«

»Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde«, Museum Barberini, Potsdam, bis 9. Januar; Katalog (Prestel, 256 S., geb., 30 €).

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