Werbung
  • Kultur
  • Dokfilm »Herr Bachmann und seine Klasse«

Buddha im Kapuzenpulli

Der berührende Dokumentarfilm »Herr Bachmann und seine Klasse« zeigt einen Lehrer, wie ihn sich jeder gewünscht hätte

  • Von Christin Odoj
  • Lesedauer: 5 Min.
Herr Bachmann bei der Abschlussklassenfahrt mit seiner Schülerin Ilknur
Herr Bachmann bei der Abschlussklassenfahrt mit seiner Schülerin Ilknur

Denkt man an die eigene Schulzeit, denkt man an Folien auf dem Polylux, an Lücken in Texten, in die man den Beginn und das Ende des Ersten Weltkrieges eintrug. Daten, die man auskotzte, weil man sie kurz vorher noch in sich hineingefressen hatte, ohne zu verstehen, worum es eigentlich ging. Und man denkt an die vielen Lehrer*innen, die vorne an der moosgrünen Tafel ihren Lehrplan abspulten und deren Gesichter und Namen einem nicht mehr einfallen. Aber man erinnert sich an diesen einen Lehrer, der so anders war, der einem die Liebe zu Texten weitergab, bei dem man »Frühlingserwachen« von Frank Wedekind mit verteilten Rollen im Berliner Dialekt las. Der 16-Jährige Aufsätze über die Frage schreiben ließ, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei. Komplette Überforderung, aber der Kopf komplett in Flammen.

In Maria Speths Dokumentarfilm »Herr Bachmann und seine Klasse« begegnen wir diesem Lebenslehrer. Einem, den man nie vergessen wird. Dieter Bachmann sitzt da vor einer 6. Klasse wie ein Buddha in Kapuzenpulli, darüber ein T-Shirt der Band AC/DC, Strickmütze auf dem Kopf, und sagt Sätze wie: »Dann tauchen wir alle noch mal für ein, zwei Minuten ab.« Er merkt, dass die Kinder nicht voll da, sondern noch müde sind. Er lässt sie so, fordert nichts von ihnen, was er in dem Zustand eh nicht bekommt. Die Szene, ein weiterer Hinweis darauf, wo wir uns hier überhaupt befinden. Schon der Einstieg in den Film macht das klar: Eine Busfahrerin lenkt in der morgendlichen Dunkelheit des Winters den Schulbus über Kreisverkehre, entlang von Fabrikschloten bis zur Haltestelle vor der Schule; aus der Bäckerei Yilmaz schlurfen die, denen zu Hause niemand Frühstück machte, weil die Eltern aus der Nachtschicht kamen. Wir sind hier nicht in Berlin-Grunewald, hier wird noch richtig gearbeitet.

Alles dreht sich um die Klasse 6 b der Georg-Büchner-Gesamtschule in Stadtallendorf in Nordhessen, eine Kleinstadt mit 21 000 Einwohner*innen, 70 Prozent haben eine Migrationsgeschichte, und Dieter Bachmann ist hier Klassenlehrer. Zu Beginn wirkt es, als sei er für die Nachmittagsbetreuung zuständig. Die Kinder jammen an der Gitarre und dem Schlagzeug, einer schlägt unmotiviert ein Tamburin. In einer anderen Szene liegt ein Junge auf der Couch im Klassenzimmer und liest, der Rest macht irgendwas. Mittendrin übt Herr Bachmann mit Steffi ein Lied auf Deutsch.

Der Lehrer scheint so wenig präsent, dabei ist er das Zentrum dieser Klasse. Einer, der wie ein Kleber Eltern, Schüler*innen und das System Schule zusammenhält. Das begreift man aber erst, nachdem man verstanden hat, wie Herr Bachmanns Unterricht funktioniert. Er nimmt die Kinder ernst, er provoziert sie, wo es nötig ist, und stärkt sie, wenn es ihnen schlecht geht. Das steht so nicht im Lehrplan. Er weiß (fast) alles über sie, weil er sich die Zeit nimmt, zu fragen. Oft erlebt man ihn, wie er sogar die Mittagspause mit Schüler*innen verbringt. So schafft er wertvolle Zeit, um sie wirklich kennenzulernen, und erfährt Dinge, die er verwenden kann, um sie zum Nachdenken und Argumentieren zu bringen.

Wenn der unterkühlte Jamie, der perfekt Deutsch spricht, sich querstellt, weil er Ilknur helfen soll, die eine schlechte Note geschrieben hat, angeblich, weil sie zu faul zum Lernen sei, dann konfrontiert ihn Herr Bachmann mit seiner eigenen Familiengeschichte. Jamies Vater kam vor Jahren aus Siebenbürgen nach Deutschland, und Bachmann fragt den Jungen nun, warum er sich nicht in die Situation seiner Mitschülerin hineinversetzen kann, die wohl dieselben Erfahrungen mit Ausgrenzung und Anpassungsdruck gemacht hat wie einst sein Vater. Damit kommt er beim pubertierenden Jamie nicht weit, aber man sieht dem Jungen an, dass er verstanden hat, was Bachmann meint.

Maria Speth hat die Klasse und ihren Lehrer ein Schuljahr mit der Kamera begleitet. Die Schüler*innen stehen gerade an dem entscheidenden Übergang von der Eingangsstufe der Gesamtschule in die einzelnen Schulzweige, die ihnen einen Stempel fürs Leben aufdrücken werden. Herr Bachmann glaubt weder an Noten noch an so etwas wie Leistungsdruck und muss sich dem doch unterwerfen. Man merkt, wie unfassbar unangenehm ihm das ist. Ist er doch selbst – und das erzählt er auch den Kindern – nie gerne zur Schule gegangen. War unangepasst und aufmüpfig. Ihm fiel es schwer, in vorgegebenen Formen zu lernen, und so spricht hier ein Gleicher zu Gleichen. Bachmann ist dabei nie kumpelig oder anbiedernd; er will nicht beliebt sein, er ist es einfach.

Speth beobachtet die Klasse und ihr soziales Gefüge, hat in dem Jahr unzählige Stunden an Material gesammelt und brilliert in der Mammutaufgabe, die einzelnen Szenen so zu kuratieren, dass jede ein wertvolles Puzzleteil ergibt. Am Ende entsteht so ein berührendes, über drei Stunden langes Dokument über Empathie, Respekt und Freundschaft.

Der Film, der den Berlinale-Publikumspreis und den Preis der Jury gewann und für den Deutschen Filmpreis als bester Dokumentarfilm nominiert ist, will nicht billig ein unkonventionelles Unterrichtsmodell verkaufen und mit viel Knallerei den Finger in die Wunde eines maroden Bildungssystems legen. Er zeigt nur, dass glücklich sein kann, wer einen solchen Lehrer hatte. Einer, der seinen Schüler*innen mit vollkommener Offenheit begegnet, der sich zu ihnen hinabkniet, wenn sie am Boden liegen, und der zu ihnen aufschaut, wenn sie was geschafft haben, und sei es noch so banal. Einer, der Sätze sagt, die man selbst in 13 Jahren Schule von einem Lehrer nie gehört hat: »Ferhan, ich bin da. Was ist passiert?« Einer, der permanent Funken sprüht, die übergehen und ein Feuer entfachen. Denn die Klasse, das wird in den drei Stunden deutlich, ist trotz der diversen Perspektiven der Schüler*innen ein eingeschworenes Team, und das haben sie Bachmann zu verdanken, der bis in die letzte Faser seiner Strickmütze jedem eine Chance geben will.

Am Ende schaffen es nur ein paar Schüler*innen aufs Gymnasium. Aber das ist auch völlig egal, denn man weiß, dass Ilknur, Rebekka, Dzingis, Ayman, Jamie, Steffi, Ferhan und die anderen etwas gelernt haben, was keine Note messen kann. Dass jemand da draußen ist, der an sie glaubt, auch wenn das sonst nicht viele tun – jetzt und später.

»Herr Bachmann und seine Klasse«, Deutschland 2021. Regie: Maria Speth. 217 Min. Start: 16.9.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
0
Beiträge gelesen

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und kaufe eine virtuelle Ausgabe des »nd«

0
Beiträge auf nd-aktuell gelesen

Hilf mit, die Seiten zu füllen!

Zahlungsmethode