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Wildes Wohnen im Abseits

Die nordhessische Kleinstadt Witzenhausen will ungenehmigte Wagenplätze räumen. Einfach ist das nicht

  • Von Stefan Otto, Witzenhausen
  • Lesedauer: 9 Min.
Charlotte Tosi auf dem Wagenplatz »Gleis 3« (oben). Kleines Bild: Charlotte Tosi mit einer anderen Gleis-3-Bewohnerin in der offenen Küche des Platzes
Charlotte Tosi auf dem Wagenplatz »Gleis 3« (oben). Kleines Bild: Charlotte Tosi mit einer anderen Gleis-3-Bewohnerin in der offenen Küche des Platzes

Ausgebaute Bauwagen, die oft an historische Zirkuswagen erinnern, gibt es viele in Witzenhausen. Mal stehen sie vereinzelt in Gärten, mal außerhalb der Stadt auf alten Obstwiesen oder Laubengrundstücken. Rund 50 sollen es sein. Gezählt hat sie niemand. Die Stadt hat lediglich eine Karte angefertigt, auf der die Areale eingekreist sind, auf denen welche zu finden sind.

Letztlich sollte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Plätze Anstoß erregen würden. Denn das Stadtparlament hat im Juli auf Initiative der FDP entschieden, dass die Wagenplätze geräumt werden sollen. »Der Magistrat wird beauftragt, der Bauaufsicht beim Werra-Meißner-Kreis mitzuteilen, dass … die gebotenen baurechtlichen Schritte ergriffen werden sollen«, heißt es in einem Antrag der Liberalen, der im Parlament mit den Stimmen von SPD und CDU eine Mehrheit fand. Wildes Wohnen außerhalb der Stadtgrenze ist demnach nicht erlaubt, selbst wenn die Grundstücke gekauft oder gepachtet sind. Dies gibt das Baurecht nicht her.

»Natürlich waren wir überrascht von dem Vorstoß der FDP«, sagt Lena Hüttmann von der Interessengemeinschaft (IG) Wagenleben, einem Zusammenschluss von vier Wagenplätzen in Witzenhausen. »Zuletzt waren wir eigentlich recht zuversichtlich, dass wir zu einer Einigung kommen können. Eigentlich hatten wir konstruktive Gespräche mit der Stadt.« Das Parlament hatte sich vor einem Jahr sogar darauf verständigt, eine Untersuchung in Auftrag zu geben, die prüfen soll, inwieweit die Wagenplätze legalisiert werden können.

Jetzt also die Kehrtwende. Offenbar hat es in der Stadt einen Sinneswandel gegeben, nachdem die SPD nach der Kommunalwahl im März das Bündnis mit den Grünen aufgekündigt hatte und mit der CDU zusammengegangen ist. Am Dienstag wurde dann die Untersuchung der Kasseler Planungsgruppe Stadt und Land öffentlich vorgestellt, auf die viele bereits gewartet haben. Das Ergebnis ist für die Leute von den Wagenplätzen ernüchternd. Demnach ist es zwar möglich, sie als Freizeitgarten zu nutzen, aber das Wohnen außerhalb der Stadtgrenze wird das Regierungspräsidium Nordhessen nicht erlauben. Die Begründung: Eine Zersplitterung der Besiedlung solle vermieden werden. Damit ist die Zukunft der Wagenplätze ungewiss.

Die Gemeinschaft »Am Hang« hat vor drei Jahren zwei Kleingärten am Waldrand gekauft, die schon lange brachlagen. »Wir sind zu acht hier«, erzählt Jonas Habel. »Wild sah es hier anfangs aus. Es gab viel Müll, den wir entsorgen mussten.« Zusammen haben sie auf den abschüssigen Grundstücken oberhalb der Bahnstrecke nach Göttingen einen Garten angelegt, umrandet von hoch aufgeschossenen Douglasien. Es gibt eine Dusche im Garten mit einem Solardach, das für warmes Wasser sorgt, und Komposttoiletten. »Unseren Müll müssen wir mitnehmen und zu den Wohnungen bringen, wo wir noch alle gemeldet sind«, erzählt er.

Nachnutzung von Brachen

Inzwischen haben die Gemeinschaften auf den Plätzen »Gleis 3« und »Hagebutze« Post von der Bauaufsicht bekommen. Darin wurde ihnen mitgeteilt, dass die Plätze nicht bewohnt werden dürfen; sie erhielten aber kein Ultimatum. »Die Aufsicht will wohl erst noch abwarten, wie über die Studie verfahren wird«, mutmaßt Jonas Habel. Mit einer schnellen Räumung rechnet er nicht, nicht zuletzt deshalb, weil es eine Auslegungssache sei, was unter Wohnen zu verstehen ist. Nach dem Bauordnungsrecht muss ein Wohnraum nämlich voll erschlossen sein, mit Wasseranschluss und Kochgelegenheit. Auf den Bauwagenplätzen gibt es das aber nicht. Der Streit wird sich vermutlich noch hinziehen, möglicherweise werden auch Gerichte darüber entscheiden. »Es gibt Menschen, die haben sich die Wagen für ein paar Tausend Euro ausgebaut. Die lassen sich bestimmt nicht so leicht abwimmeln«, ist sich Jonas Habel sicher.

Vor der Abstimmung im Parlament zog eine Demonstration durch die Stadt. Die rund 400 Teilnehmer forderten einen Erhalt der Wagenplätze. Im Anschluss an die Kundgebung belagerten Dutzende die Turnhalle, in der die Stadtverordneten tagten. Bis in den späten Abend hinein erklangen Sambatrommeln und begleiteten die Entscheidung. Rednerinnen hatten auf der Demo betont, sie seien bereit, konstruktiv nach Lösungen bei den Mängeln auf den Wagenplätzen zu suchen, beim Brandschutz etwa oder bei der Wasserversorgung.

Für den Wagenplatz »Urtica« – das ist der botanische Name der Brennnessel – gibt es bereits eine Einigung mit der Stadt. Die Leute betreiben dort zusammen mit der örtlichen Universität einen Schaugarten. Es soll ein Experiment sein, wie alternatives Wohnen, Garten- und Städtebau zusammengehen können. Vor sechs Jahren gab die Stadt ihr Einverständnis dafür. Der Schaugarten sei keineswegs eine »wilde Wohnwagensiedlung«, erklärte der damalige Bauamtsleiter Bernd Westermann im städtischen Bauausschuss. Es bestehe »keine Gefahr der Zersiedelung des Außenbereichs«, so seine Einschätzung.

Tatsächlich streben die Bauwagengemeinschaften eine Nachnutzung der vielen brachliegenden Gärten und Streuobstwiesen rund um die Stadt an. Noch Mitte des vorigen Jahrhunderts baute jeder dritte Haushalt in Witzenhausen Kirschen an, meist im Nebenerwerb. Rund 800 Betriebe gab es seinerzeit. Heute zählt die Absatzgenossenschaft nur noch 80 Mitglieder. Viele Wiesen sind zugewuchert, Grundstücke von Müll übersät wie die Gärten der Gemeinschaft »Am Hang«.

Auf dem Wagenplatz »Gleis 3« unweit des Bahnhofs ist die Wiese unter den alten Obstbäumen frisch gemäht. Der offene Küchenwagen ist mit einer Tischdecke und Getränken dekoriert. Ein paar Hühner laufen umher, in den Gemüsebeeten reifen Tomaten und Bohnen. Es sieht tipptopp aus zum Besuch einiger Lokalpolitiker, mit denen die Nutzer des Areals ins Gespräch kommen und Vorurteile abbauen wollen. Denn nicht wenigen ist das Leben im Wagen suspekt, sie denken dabei eher ans Hausen denn ans Wohnen. Das Oberverwaltungsgericht Berlin urteilte 2003 herablassend über einen Wagenplatz, dass es sich um eine slumartige Nutzung eines Grundstücks handle, die sich negativ aufs Wohnumfeld auswirke.

Als Corinna Bartholomäus, die für die Grünen im Kreistag sitzt, den Platz erreicht, ist sie sichtlich angetan. Die Bauwagen sind alle selbst gebaut, meistens auf alten Fahrgestellen mit zwei Achsen, nur ein Wagen steht auf einem Pkw-Anhänger. »Uns ist es wichtig, dass wir nachhaltig bauen«, erzählt Charlotte Tosi während einer Führung über das Gelände. »Wir nutzen ökologische Baustoffe und recyceln, wenn es geht.« Die Fenster sind oft schon gebraucht. Ein Wagen ist mit ausgedientem Kunststoffrasen verkleidet. »Das war ein Versuch, der sich nicht bewährt hat«, erzählt sie. »Die Verkleidung ist nicht so dicht, dass sie Mäuse abhält.«

Corinna Bartholomäus sieht in dem Wagenplatz ein Modell, wie nachhaltig gelebt werden kann. »Das ist ein Gegenentwurf zu Baugebieten, die in fast jedem Dorf neu ausgewiesen werden. Hier auf der Wiese gibt es keine Versiegelung von Böden, es wird keine Betonplatte gegossen und keine Straße asphaltiert.« Die 69-Jährige sympathisiert offen mit den Leuten vom Wagenplatz und erzählt, dass sie in den 1970er Jahren selbst in einer Bauwagensiedlung in der Lüneburger Heide gelebt habe.

Eine Wissenschaft für sich sind die Komposttoiletten. Auf jedem Platz gibt es ein anderes Konzept, wie aus Fäkalien frischer Humus gewonnen wird. Die Gemeinschaft »Gleis 3« hat einen gut durchlüfteten Thron, der in regelmäßigen Abständen versetzt wird. Nach einem Jahr ist die Rotte fertig und kann unter den Bäumen verteilt werden. Komfortabel ist das Leben im Bauwagen oberhalb der Stadt sicher nicht. Dafür liegen die Orte aber malerisch im Grünen. Die Leute wohnen nur auf wenigen Quadratmetern, fließend Wasser aus dem Hahn gibt es nicht. Aber sie haben abends regelmäßig einen Sternenhimmel, und wenn es die Pandemie erlaubt, ist es gesellig.

Heidi Rettberg, die für die Linke im Stadtparlament sitzt, ist dagegen skeptisch. Sie wies schon in der Vergangenheit darauf hin, dass es sich bei den Wagenplätzen auch um eine Reaktion auf eine Notlage handle. Menschen würden dorthin ausweichen, weil sie in der Stadt keine passende Bleibe fänden. Denn auch in der nordhessischen Unistadt sind die Mietpreise in den letzten Jahren angestiegen. Zwar gibt es laut einer Wohnraumanalyse von 2019 in der Kernstadt noch genügend Räume. Trotzdem gebe es einen Engpass, erklärte sie. Bei der Abstimmung über die Wagenplätze im Bauausschuss schloss sich Rettberg dem Antrag der FDP an und sorgte damit für Entsetzen innerhalb ihrer Partei und im alternativen Milieu.

Rettberg hatte schon längere Zeit vor einer Zersiedelung der Stadtränder und einer Beeinträchtigung des Landschaftsbilds gewarnt. Sicherlich gebe es auch Leute, die minimalistisch in der Natur leben wollten, meint sie. Aber nicht nur. Bei der Abstimmung in der Turnhalle änderte sie aber ihre Position und setzt sich seitdem für die Wagenplätze ein. Ausschlaggebend dafür sei auch ein Besuch beim »Gleis 3« gewesen, erklärt sie. Auch sie war von dem weitläufigen Gelände und der Streuobstwiese beeindruckt: »Das Grundstück befindet sich in einem einwandfreien ökologischen Zustand.« Zudem sei im Falle einer Räumung mit erhöhten Obdachlosenzahlen zu rechnen, da es die zur Verfügung stehenden Wohnungen in der Stadt zu teuer seien.

Nach der Entscheidung des Stadtrats im Juli hat die IG Wagenleben ein Bürgerbegehren gestartet, um den Beschluss rückgängig zu machen. Innerhalb von acht Wochen mussten rund 1200 Unterschriften von Wahlberechtigten aus der Kommune gesammelt werden. Als Anfang September die Listen dem Bürgermeister Daniel Herz überreicht wurden, waren 1661 Unterschriften zusammengekommen – ein Etappenerfolg. Nun haben die Abgeordneten zwei Möglichkeiten: Sie nehmen entweder den Beschluss zurück, womit aber nicht zu rechnen ist. Oder es kommt zu einer öffentlichen Abstimmung darüber im Rahmen eines Bürgerentscheids. Damit rechnet die Stadt jedoch erst im neuen Jahr.

Suche nach Lösungen

»Wir müssen ins Gespräch kommen«, meint Jonas Habel. »Nur über Verhandlungen können wir erreichen, dass unsere geschaffenen Plätze bleiben.« Eine Forderung im Bürgerbegehren ist auch, dass es einen Runden Tisch geben sollte, um nach einer Lösung zu suchen. Wie die aussehen könnte, liegt für ihn auf der Hand. Die Flächen, auf denen die Wagen stehen, könnten im Flächennutzungsplan als Sondergebiet ausgewiesen werden, wie dies beim Platz »Urtica« schon geschehen ist. Dann wären sie legalisiert. Doch dies scheint laut Aussage der Planungsgruppe Stadt und Land das Regierungspräsidium nicht zu wollen. Es hält die Regelung zum »Urtica«-Areal offenbar für eine Ausnahme und will keine Nachahmer haben.

Kommt es dagegen zu keiner Einigung und tatsächlich zu Räumungen, wäre das Klima in Witzenhausen wohl noch angespannter als ohnehin schon. Seit längerem gibt es nämlich Reibungen zwischen den Alternativen aus dem Umfeld der Universität und eher konservativen Alteingesessenen, die vom Lebensstil der Studierenden sowie ihrem Ruf nach mehr Nachhaltigkeit so manches Mal genervt sind. Gerade scheint es jedenfalls, dass die Große Koalition in Witzenhausen auf Konfrontation setzt.

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