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  • BallHaus Ost: Bosnien und Herzegowina

Krieg und Fußballkriege

In Bosnien-Herzegowina findet jede politische Aufstellung ihren Widerhall in der Fanszene

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Fußball in Bosnien-Herzegowina: Velez Mostar verpasste im Sommer nur knapp die Qualifikation zur European Conference League. Gespielt wurde im Grbavica-Stadion von Sarajevo.
Fußball in Bosnien-Herzegowina: Velez Mostar verpasste im Sommer nur knapp die Qualifikation zur European Conference League. Gespielt wurde im Grbavica-Stadion von Sarajevo.

Das erste Fußballspiel sahen wir in Zenica. Ein Qualifikationsspiel zwischen Bosnien-Herzegowina und Österreich. Das kleine Stadion war gut gefüllt, die Zuschauer schienen seriös ergriffen, als die Nationalhymne ertönte. Die bosnische Nationalmannschaft wurde von zwei aktiven Fangruppen angefeuert, die sich aus politischen Gründen hassen. Sie standen weit getrennt voneinander und supporteten im Ultrastyle.

Wir kannten diese Grüppchenbildung bereits aus Serbien, wo jede politische Aufstellung ihren Widerhall in der Fanszene findet. Die Ultranationalisten mit großserbischen Fähnchen, die Durchschnittsnationalisten (gleichzeitig die größte Gruppe) mit der aktuellen Fahne Serbiens, die Fußballinteressierten mit gar keiner Fahne. Alle knabberten Sonnenblumenkerne.

Reist man nach Bosnien und Herzegowina, hat man kaum eine Möglichkeit, den Narben des jugoslawischen Bürgerkrieges auszuweichen. In Sarajevo erinnerte uns die Sniper Alley an die 1425 Tage Belagerung der Stadt während des jugoslawischen Bürgerkriegs in den 90ern durch die Armee der bosnischen Serben.

Wir wollten nach Mostar. Als Seitensprung schien uns die Karawanserei in Višegrad gerade recht. Vor dem Bürgerkrieg war sie eine mehrheitlich muslimisch geprägte Stadt. Inzwischen sind fast alle Muslime vertrieben und durch Serben ersetzt, die wiederum aus anderen Gegenden Bosnien-Herzegowinas vertrieben wurden.

Die Brücke über die Drina steht im gleichnamigen Roman von Ivo Andrić stellvertretend für eine geteilte Welt aus Schmerz und Leid. Der Bürgerkrieg in Bosnien und Herzegowina führte viele junge Fußballfans direkt in den Tod. Die Gräber von Bosniaken, Serben, Kroaten, Albanern … ziehen sich durch das ganze Land. Der Weg zum serbischen Soldatenfriedhof Višegrads führt vorbei an verfallenen muslimischen Häusern. Sie sind verziert mit roten Graffiti, die in poetischen Worten an die gefallenen Delije erinnern. Delije ist der Sammelbegriff aller Fans von Roter Stern Belgrad. Sie waren im Bürgerkrieg besonders präsent – als Täter und Opfer. Einige Grabsteine zeigen die Portraits milchbärtiger Gestalten, die trotzig in die Ferne starren. Nicht nur der serbischen Toten, auch der russischen wird gedacht. Der Krieg in Jugoslawien zog diverse Nationalitäten ins dunkle Grab.

Mostar, geteilte Stadt. Zwei Vereine, einer kroatisch, einer bosnisch. Lieb hat sich keiner, die Derbys zwischen Zrinjski und Velez finden ohne Gästefans statt. Wohlfühlfeeling kam für uns im Stadion und in der Stadt selten auf, darüber konnten uns auch nicht die großartigen Graffiti der beiden Fußballklubs hinweghelfen. Müßig zu berichten, welcher Verein die größere Nationalistendichte hat, es ist für alle nicht leicht. Alle knabberten Sonnenblumenkerne.

Auf dem Weg zum Meer machten wir in einem kroatischen Dorf in der Nähe von Široki Brijeg halt. 2009 brachte ein mehrstündiger Fußballkrieg zwischen bosnischen Fans aus Sarajewo und kroatischen Fans aus Široki Brijeg den Bürgerkrieg für ein paar Stunden zurück, der wie durch ein Wunder nur ein Menschenleben forderte. Ein freundlicher kroatischer Landbewohner lud uns zu einem Vormittagsschnaps in seinen Vorgarten. Er konnte ein wenig Deutsch, wir ein wenig Kroatisch. Wir radebrechten und knabberten Sonnenblumenkerne. Irgendwann kam das Gespräch auf Roma. Lächelnd sagte unser Gastgeber, Zigeuner sind keine Menschen.

Wir ließen unsere halb ausgetrunkenen Gläser stehen und fuhren nach Međugorje. 1981 erschien dort die Jungfrau Maria, um den ewigen Frieden zu verkünden. Sie kam nur bis Međugorje – und verwandelte sich in einen Fußball, der seitdem weint.

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