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Hängepartie bei Evergrande

Chinesischer Immobilienriese einigt sich mit Anleiheanlegern, doch die Schuldenprobleme bleiben

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.
Wohnkomplex im Besitz des Immobilienunternehmens Evergrande in der südchinesischen Millionenmetropole Guangzhou
Wohnkomplex im Besitz des Immobilienunternehmens Evergrande in der südchinesischen Millionenmetropole Guangzhou

Als niemand mehr an die Zukunft von Evergrande glaubte, griff der Gründer des Immobilienunternehmens, Xu Jiayin, in seiner Privatresidenz in Shenzhen in die Tasten seines Laptops. An sämtliche 130 000 Angestellte schickte der 62-Jährige zu Beginn des chinesischen Mondfestes eine Sammelmail, die vor Chuzpe nur so strotzt: »Ich glaube fest daran, dass Evergrande niemals aufgeben wird; und je mehr Schwierigkeiten das Unternehmen erfährt, desto stärker wird es am Ende«, heißt es darin. Schon bald werde man aus den »dunkelsten Momenten« heraus sein.

Und siehe da: Am Mittwoch teilte der vor der Zahlungsunfähigkeit stehende, zweitgrößte Immobilienkonzern des Landes überraschend mit, eine Teileinigung mit den Haltern einer Anleihe für am Donnerstag anstehende Zinszahlungen erreicht zu haben. Laut Experten soll es sich dabei um eine Summe von rund 36 Millionen Dollar handeln.

Über den Berg ist Evergrande jedoch noch lange nicht, dafür sind die schieren Dimensionen zu massiv: Rund 300 Milliarden Dollar Schulden soll das Unternehmen angehäuft haben – also in etwa so viel wie der griechische Staat. Die vergangenen Wochen glichen einer einzigen Talfahrt: Am 8. September stufte die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit von Evergrande herab, da Zahlungsausfälle »wahrscheinlich« seien. Fünf Tage später gab die Konzernleitung selbst zu, man stehe unter »enormem« finanziellem Druck. Daraufhin stürmten Kleinanleger die Firmenzentrale in Shenzhen, um ihre ausstehenden Gelder zu verlangen. Erstmals schien möglich, was angesichts der schieren Größe des Unternehmens zuvor undenkbar war: dass Peking Evergrande tatsächlich fallen lässt, womit Millionen Chinesen auf ihren ausstehenden Zahlungen sitzen blieben.

Das Thema ist äußerst sensibel, wie das weitgehende Aussparen der Implosion des Immobilienriesen durch die Staatsmedien Xinhua, »Global Times« und »China Daily« in ihrer täglichen Berichterstattung zeigt. Immerhin hält »Caixin«, ein Wirtschaftsmagazin mit gewisser Narrenfreiheit, mit seinem Urteil nicht hinterm Berg: Alleine könne sich Evergrande nicht mehr aus der Misere ziehen, heißt es. Mit einer »99,99-prozentigen Wahrscheinlichkeit« werde das Unternehmen seine Zinsen im Laufe des dritten Jahresquartals nicht mehr zurückzahlen können.

Als wahrscheinlichstes Szenario gilt nach wie vor, dass der Staat die Kontrolle schrittweise übernehmen wird. »Ich glaube nicht, dass es Chinas ›Lehman-Moment‹ ist, aber die Lage ist hässlich und wird noch hässlicher werden«, analysiert der Finanzexperte Bill Bishop in seinem viel gelesenen Newsletter »Sinocism«. Er glaubt nicht an eine systemische Finanzkrise in der Volksrepublik, sehr wohl aber an eine starke Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Schließlich kenne selbst die Regierung das wahre Ausmaß der finanziellen Risiken nicht. Evergrande-Gründer Xu sei »meisterhaft« darin gewesen, das volle Ausmaß zu verschleiern.

Einige Ökonomen halten zu Recht fest, dass Evergrande auf einem relativ abgeschotteten Markt agiert, der absolute Großteil an Investoren aus China kommt und es daher keine weltweiten Schockwellen geben dürfte. Das heiße aber nicht, dass etwa Europa das Straucheln des Immobilienriesen gar nicht zu spüren bekommen werde, denn die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sei eine der wichtigsten Antriebsmotoren für die globalen Märkte.

Der überhitzte Immobilienmarkt in China rast schon seit Jahren auf einen möglichen Crash zu. Angesichts mangelnder Alternativen haben sehr viele Chinesen hier ihr Erspartes geparkt, über 70 Prozent des Wohlstands der privaten Haushalte sind in Immobilien investiert. Und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird nach wie vor zu knapp einem Viertel im Bausektor erwirtschaftet, auch wenn dieser längst immer weniger Renditen bringt.

Präsident Xi Jinping hat in den letzten Jahren in seinen Reden immer wieder von den drei gesellschaftlichen Übeln gesprochen, die es zu bekämpfen gilt: die Armut im Land, die massive Umweltverschmutzung und die finanziellen Risiken der Volkswirtschaft. Während die Regierung auf den ersten beiden Feldern deutliche Fortschritte erzielt hat, wird mit dem Evergrande-Desaster nun deutlich, dass die finanziellen Risiken in China nach wie vor immens sind.

Seit Monaten bereits führen die Aufsichtsbehörden neue Regularien ein, um für mehr Ordnung auf den Märkten zu sorgen. Doch es ist ein Drahtseilakt, den Xi vollbringen muss: Wenn er seinen recht brachialen Kurs gegen die Privatwirtschaft fortführt, lähmt er die innovativen Kräfte, die in den letzten Jahrzehnten für Wirtschaftswachstum gesorgt haben. Kehrt China aber zum frei wuchernden Kapitalismus der Nullerjahre zurück, dann folgen Chaos, Größenwahn und spektakuläre Pleiten.

Evergrande ist das beste Beispiel dafür, denn das Geschäftsmodell beruhte von Beginn an auf Schulden, Korruption und einer bedenklichen Nähe zur Politikelite. Höher, schneller, weiter lautete die Devise um die Jahrtausendwende, als sich das chinesische BIP alle zehn Jahre verdoppelte.

Xu Jiayins Biografie ist die Personifizierung jener Goldgräberstimmung: Innerhalb einer Generation schnellte der Sohn eines bitterarmen Lagerhausarbeiters zum reichsten Mann des Landes auf, der sich nach außen als bodenständiger Patriot gab, während er in Privatjets durch die Welt flog und die Gunst von Pekings Parteikadern mit millionenschweren Geschenken erkaufte. Doch nun, im Herbst seines erfolgreichen Unternehmerlebens, droht ihm eine spektakuläre Bruchlandung.

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