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»Drei WLAN-Balken machen noch keinen guten Unterricht«

Die digitale Ausstattung an Schulen ist zuletzt besser geworden, doch es gibt Defizite beim pädagogisch sinnvollen Einsatz

  • Von Stefan Otto
  • Lesedauer: 4 Min.

»Die Kluft in der deutschen Schullandschaft ist nicht zu übersehen«, sagte Frank Mußmann, Sozialwissenschaftler der Universität Göttingen. Rund zwölf Prozent der Schulen gelten als digitale »Vorreiter« und jede dritte Schule als digitaler »Nachzügler«. Auf der einen Seite ist die technische Ausstattung vorhanden und wird sinnvoll im Unterricht eingesetzt. Auf der anderen stellt noch immer nur jede zweite Lehranstalt den Kindern und Jugendlichen WLAN zur Verfügung. Dies ist eine zentrale Aussage einer Untersuchung über die Digitalisierung von Schulen, die Studienleiter Mußmann zusammen mit Vertretern der Bildungsgewerkschaft GEW am Mittwoch vorstellte. »Die Voraussetzungen sind dadurch natürlich denkbar verschieden, die digitale Kompetenz der Schüler wird unterschiedlich ausgeprägt«, sagte der Sozialwissenschaftler. Nicht allen falle es beispielsweise leicht, »im Internet seriöse Informationsquellen von Fake News zu unterscheiden«.

Die Bilanz, die Mußmann und sein Team von der Kooperationsstelle für Hochschulen und Gewerkschaften ziehen, fällt durchwachsen aus. So habe sich die Kultusministerkonferenz seit 2012 mit dem digitalen Lernen beschäftigt und das Ziel formuliert, allen Schülern einen digitalen Lernplatz zur Verfügung zu stellen. »Das wurde bislang noch nicht erreicht«, stellte er fest.

Dabei hat es während der Corona-Pandemie einen erstaunlichen Entwicklungssprung gegeben. So gut wie alle Schulen haben digitale Unterrichtseinheiten vorangebracht. Als kein Präsenzunterricht möglich war, wurden digitale Brücken gebaut, sagte GEW-Vorstandsmitglied Ralf Becker. Er findet, dass die Lehrkräfte Außerordentliches geleistet haben, als sie das Homeschooling und später den Wechselunterricht oft für Hunderte von Schülern organisierten.

Pionierarbeit während der Pandemie

Lehrer haben während dieser Zeit teilweise auch Pionierarbeit leisten müssen. Was ihnen an Fähigkeiten plötzlich abverlangt wurde, war nicht Teil ihrer akademischen Ausbildung. »Viele Lehrkräfte sind in dieser Zeit an ihre Grenzen gestoßen«, sagt Mußmann. Das sei aus der intensiven Befragung von 2750 Pädagogen für die Studie hervorgegangen. Nicht nur, dass der digitale Unterricht rund eine Stunde Mehraufwand pro Woche mit sich gebracht habe. Hinzu kam auch, dass die Lehrkräfte sich die digitalen Formate oft selbst oder im Kreis des Kollegiums aneignen mussten. Hier waren Pädagogen an »Vorreiter«-Schulen im Vorteil, weil die Grundausstattung vielfach besser war als an »Nachzügler«-Einrichtungen und sie besser für eine solche Ausnahmesituation gerüstet waren. »Mittlerweile greifen die digitalen Weiterbildungen aber besser«, findet Mußmann. Eine wichtige Aufgabe sei es nun, da sind sich Wissenschaftler und Gewerkschafter einig, die »digitale Kluft« in der Bildungslandschaft zu überwinden.

Leicht wird das nicht, das dürfte klar sein, zumal es noch offene Fragen gibt. In der Studie konnte beispielsweise keine Aussage darüber getroffen werden, ob die »Nachzügler«-Schulen eher in sozialen Brennpunkten liegen oder vor allem an Orten mit einer schlechten digitalen Anbindung.

Neue Konzepte nötig

In einem ersten Schritt müsse die technische Grundausstattung überall geschaffen werden, erklärte Anja Bensinger-Stolze vom GEW-Vorstand. »Es müssen auch genügend IT-Fachleute zur Verfügung stehen, damit Lehrkräfte von dieser Aufgabe entlastet werden.« Aber technische Ausstattung allein reiche nicht, ergänzte Becker. »Drei Balken im Symbol für WLAN machen noch keinen guten Unterricht aus.« Es brauche Konzepte, um digitale Inhalte mit dem Präsenzunterricht zu verflechten. »Wir müssen neue Formate probieren«, erläuterte Bensinger-Stolze. »Kleingruppen haben sich beispielsweise während des Wechselunterrichts durchaus bewährt; mit einer halben Klasse konnte intensiver gearbeitet werden als mit einer ganzen.«

Doch auch bei der Entwicklung neuer digitaler Unterrichtsformate gebe es große Unterschiede. An »Vorreiter«-Schulen entwickelten 80 Prozent der Pädagogen neue Konzepte mit, in »Nachzügler«-Einrichtungen tue das dagegen nur jede zehnte Lehrkraft, erklärte Becker. Er wünscht sich, dass möglichst viele Pädagogen dabei mitwirken. Eine zentrale Voraussetzung sei es, dass Lehrkräfte dafür Zeit bekommen. »Wir brauchen eine Entlastung von den Regelstunden«, sagte er. Doch Zeit ist bekanntlich auch in der Schule ein hohes Gut. Angesichts des Lehrermangels und vieler ausgefallener Unterrichtsstunden klingt eine solche Forderung beinahe utopisch.

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