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Wahlweise Unterwerfung?

Frauen, bildet Banden: Zwei Sachbücher rechnen mit dem Elend des Patriarchats ab

  • Von Tom Wohlfarth
  • Lesedauer: 6 Min.
Auch während der Corona-Pandemie wurde der größte Anteil an Care- und Hausarbeit von Frauen verrichtet.
Auch während der Corona-Pandemie wurde der größte Anteil an Care- und Hausarbeit von Frauen verrichtet.

Die Lockdown-Phasen während der Pandemie haben auch deutlich gemacht, wie tief traditionelle Geschlechterbilder noch in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Einmal in den Notmodus umgeschaltet, wurden in vielen Familien längst überholt geglaubte Rollenmuster sichtbar: Auch wenn beide Partner nun zu Hause arbeiten mussten, blieb der Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit oft an Frauen hängen. Für viele war das freilich keine ganz ungewohnte Situation.

Dass die Dinge nicht ganz so simpel stehen und auch Männer oftmals unter der patriarchalen Rolle des Familienversorgers leiden, zeigen etwa Daten des Statistischen Bundesamtes von 2015: Erwartbarerweise leisteten damals zwar Frauen - mit und ohne Kinder - den Großteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit und arbeiteten damit im Durchschnitt eine Stunde pro Woche mehr als Männer, nämlich 45,5 Stunden. Am Ende waren allerdings Väter unter allen Erwachsenen die Gruppe, die insgesamt die meisten Wochenstunden mit - bezahlter wie unbezahlter - Arbeit verbrachte, nämlich über 58 Stunden, gut zwei Stunden mehr als Mütter. Auch die im Vergleich zu Frauen deutlich niedrigere Lebenserwartung wird als Hinweis darauf gesehen, dass das fortgesetzte Patriarchat auch für Männer nicht die gesündeste Lebensform darstellt. Besonnene Feminist*innen versuchen daher, beide Geschlechter gleichermaßen davon zu befreien.

Reichlich provokant klingen freilich die Thesen der Bloggerin und promovierten Biologin Meike Stoverock. In ihrem Buch »Female Choice« argumentiert sie, das Patriarchat habe die Menschheit von einem elementaren biologischen Prinzip abgeschnitten, der weiblichen Partnerwahl, »female choice« eben, die wie bei den meisten Tierarten ursprünglich auch beim Menschen verbreitet gewesen sei: Die Männchen konkurrieren mit allem möglichen Aufwand um die Gunst der Weibchen, und am Ende entscheiden allein diese, mit welchem Exemplar sie sich paaren. Dieses Prinzip führe unter natürlichen Bedingungen dazu, dass nur etwa 20 Prozent der Männchen sich mit 80 Prozent der Weibchen fortpflanzen dürfen, während die restlichen 80 Prozent der Männchen sich mit 20 Prozent der Weibchen begnügen müssen, ein großer Teil also vom Geschlechtsverkehr ausgeschlossen bleibe.

Für den Menschen habe sich diese Situation mit der Sesshaftwerdung sogar verschärft und wurde somit zum inakzeptablen Zustand, nicht zuletzt aufgrund der naturgemäß aggressiven männlichen Sexualkonkurrenz. Um möglichst vielen männlichen Artgenossen Zugang zu Sex zu verschaffen, somit Aggressionen zu minimieren, hätten Männer die Ehe erfunden und damit das Prinzip der Damenwahl außer Kraft gesetzt: »Die Entscheidung darüber, wie und mit wem sich die Frauen fortpflanzen sollten, lag nun nicht mehr bei den Frauen, sondern bei den Männern« - der Beginn der »männlichen Zivilisation« vor 10 000 Jahren.

Doch durch moderne Erfindungen wie die Antibabypille, Dating-Apps und den Feminismus komme das Patriarchat nun an sein Ende, Frauen entscheiden wieder selbst, mit wem sie sich paaren. Dadurch würden mehr Männer auf der Strecke bleiben. Um diese nicht an aggressiv-misogyne Bewegungen wie die Incels (»involuntary celibates«, also »unfreiwillig Zölibatäre«) zu verlieren, plädiert Stoverock »nicht für eine Rückkehr zum Female-Choice-Prinzip in seiner Reinform«, sondern will übergangene Männer mit staatlich subventionierter Sexarbeit und entsprechenden Robotern auffangen.

Dass es sich bei Stoverocks evolutionsarchäologischer Spekulation über die Entstehung des Patriarchats um eine vielleicht zu simple Verschwörungstheorie handelt, legen allerdings Studien nahe, wonach Monogamie »wohl eher als Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten entstanden« sein könnte, wie Anselm Neft in der »Berliner Zeitung« anmerkt. Oder auch die Tatsache, dass ebenso wenig wie die Frauen alle Männer in monogamen Beziehungen glücklich werden. Laut einer Untersuchung aus den 90er Jahren starben Männer in dauerhaften Partnerschaften sogar ein Jahr früher als der männliche Durchschnitt, während verpartnerte Frauen ganze drei Jahre länger lebten.

So sehr vor allem Frauen unter dem Patriarchat gelitten haben, war es womöglich doch nicht allein Folge von männlicher sexueller Befreiung und einseitiger Unterdrückung - wenn auch ihre Auswirkungen eindeutig in diese Richtung gingen. Es jedenfalls jetzt durch ein Zurück zur Natur ersetzt sehen zu wollen, die ebenfalls kein zufriedenstellend erscheinendes Gleichgewicht verheißt, mag aus historischer Gerechtigkeit nachvollziehbar sein, ist aber als echter geschlechterpolitischer Fortschritt nicht gänzlich überzeugend. Stoverock argumentiert weitgehend plausibel dafür, dass biologische Überlegungen neben soziologisch-kulturellen in der Geschlechterdebatte eine größere Rolle spielen sollten, doch überspannt sie dabei den biologischen Bogen ein wenig. Ein anregendes Buch ist ihr dennoch gelungen.

Ebenfalls gegen die Vorstellung einer vermeintlich naturgegebenen Unterlegenheit der Frauen wehrt sich die französische Philosophin Manon Garcia in ihrem Buch »Wir werden nicht unterwürfig geboren«. Im Fokus steht für sie die Frage, warum Frauen scheinbar aus freien Stücken zu Komplizinnen ihrer eigenen Unterwerfung werden. Dabei liefert Garcia einen behutsam aktualisierenden Kommentar zu Simone de Beauvoirs Hauptwerk »Das andere Geschlecht« von 1949. Denn obwohl dieser Text das wohl am meisten verkaufte Philosophiebuch des 20. Jahrhunderts ist, werde seine fortdauernde Relevanz meist unterschätzt. Von Beauvoirs berühmtestem Satz hat Garcia auch ihren Buchtitel abgeleitet: »Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.«

Für Beauvoir existiert kein von Natur aus gegebenes Wesen Frau, sondern stets eine historisch gewordene Situation, in der Menschen von ihrer Freiheit Gebrauch machen - oder nicht. Doch dieser existenzialistisch-situative Freiheitsbegriff ist ebenso fern vom Rousseau’schen Idealismus wie vom Sartre’schen Individualismus, für die beide der Verzicht auf Freiheit ein moralisches Versagen darstellt. Für Beauvoir aber ist die implizite Einwilligung der Frauen in ihre eigene Unterwerfung nicht mit einer freien Wahl zu vergleichen, sondern eher mit der Kapitulation vor einer historischen Tatsache: »Frei zu sein bedeutet nicht, sich der Faktizität zu widersetzen, sondern diese Faktizität zu erkennen und anzuerkennen, um sich von ihr aus zu positionieren«, so Beauvoir. Diese Faktizität ist nicht allein Folge einer sozialen Konstruktion von Geschlechtlichkeit, sondern gleichwohl realer Unterschiede - allem voran der weiblichen Gebärfähigkeit, die das weibliche Geschlecht zwar nicht dem männlichen unterordnet, wohl aber der Erhaltung der menschlichen Art. Aus diesem natürlichen Unterschied sei historisch die Frau als das »absolut Andere« des Mannes konstruiert worden: als das vermeintlich »schwache«, »unterlegene«, aber eben auch das »unterwürfige« Geschlecht. Sich dieser Objektivierung unterzuordnen, sei meist die Bedingung, um überhaupt als Frau in der Gesellschaft bestehen zu können. Ja, mehr noch: Indem Frauen ihre Rolle als »Beute« des Mannes aktiv annähmen, könnten sie eine verführerische Macht über ihn gewinnen. Und seien Frauen auch lange Zeit vom öffentlichen Leben ausgeschlossen gewesen, gab es für sie oftmals die Option, ihr heimisches »Gefängnis in ein Königreich zu verwandeln«, wie Beauvoir schreibt. Und Garcia fasst zusammen: »So ist die Unterwerfung für sie eine Möglichkeit, die Macht zu ergreifen.« Heute hat sich daraus vielfach eine Situation der gegenseitigen Beherrschung von Männern und Frauen ergeben, wie man sie beispielsweise an deutschen Familiengerichten erlebt und mit der wahrlich niemand zufrieden sein kann.

Lange vor der zweiten Welle des Feminismus in den 70er Jahren versuchte Beauvoir ein »brüderliches« Bündnis der Geschlechter zu schmieden, das »über ihre natürlichen Unterschiede hinaus« reicht. Dazu Garcia: »Indem man begreift, dass der Sinngehalt des Geschlechtsunterschieds eine historische und damit veränderbare gesellschaftliche Norm ist, eröffnet man die Möglichkeit einer harmonischen Beziehung zwischen Männern und Frauen, die eine Beziehung von zwei brüderlichen Freiheiten wäre.« Es bleibt einiges zu tun. Auch das macht Garcia in ihrem etwas nüchternen, dafür aber glasklar argumentierten Buch deutlich.

Manon Garcia: Wir werden nicht unterwürfig geboren. Übers. v. Andrea Hemminger. Suhrkamp, 234 S., geb., 26 €.

Meike Stoverock: Female Choice. Tropen, 352 S., geb., 22 €.

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