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Warum streikst du nicht?

Die Politikwissenschaftlerin Sabrina Apicella stellt die Gretchenfrage des Arbeitskampfes beim Online-Riesen

  • Von Johannes Schulten
  • Lesedauer: 3 Min.
Hier noch im Probebetrieb: Beschäftigte transportieren Versandkartons in der neuen Logistikhalle in Gera.
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Auch nach acht Jahren liegen viele Aspekte des Streiks der Amazon-Beschäftigten im Dunkeln. Warum ziehen noch immer Tausende Beschäftigte regelmäßig »vors Tor«, obwohl es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass der Konzern einlenkt? Wer Antworten auf diese und ähnliche Fragen sucht, sollte dringend zu Sabrina Apicellas gerade erschienenem Buch greifen: »Das Prinzip Amazon. Über den Wandel der Verkaufsarbeit und Streiks im transnationalen Versandhandel«. Apicella widmet sich darin gewissermaßen der Gretchenfrage des Tarifkonflikts: Warum streiken einige Beschäftigte, andere nicht?

Der weit verbreiteten Meinung, dass es vor allem um mehr Geld geht, erteilt Apicella eine Absage. »Zahlreiche Arbeiter*innen, Streikende wie Nichtstreikende, betonten, dass das Lohnniveau bei Amazon nicht schlecht sei und auch von Kolleg*innen so wahrgenommen werde«, schreibt sie. Entscheidend seien vielmehr zwei andere Motive: Sind die Kolleg*innen mit den Arbeitsbedingungen zufrieden und haben sie Vertrauen in die zuständige Gewerkschaft Verdi?

Apicella schreibt das nicht einfach dahin. Sie weiß, wovon sie spricht. Kaum jemand in der wachsenden deutschen Community der Amazon-Forschenden hat so lange und so intensiv zum Unternehmen und vor allem dessen Beschäftigten gearbeitet wie sie. Für ihre Doktorarbeit, die die Grundlage für »Das Prinzip Amazon« bildet, greift sie auf eine Vielzahl schriftlicher Befragungen und Interviews zurück, die sie seit Beginn der Streiks 2013 an den Standorten Leipzig, Rheinberg, Winsen sowie dem italienischen Castel San Giovanni gemacht hat. Das Ergebnis ist eine wissenschaftlich hoch interessante, detailreiche Studie, in der die empirischen Befunde soziologisch fantasievoll zu weiterreichenden Aussagen über das Klassenbewusstsein der Amazon-Beschäftigten gedeutet werden.

Lesenswert macht das Buch aber vor allem sein praktischer Wert für den Arbeitskampf. Denn immer wieder kontrastieren Apicellas Befunde mit dem strategischen Vorgehen von Verdi. So diagnostiziert sie eine Diskrepanz zwischen dem von Verdi vorgegebenen Ziel eines Tarifvertrags mit politisch-materiellen Verbesserungen und »dem Wunsch der Streikenden, die Art der Arbeit zu verändern, da sie in der jetzigen Gestalt Stress und Krankheiten auslöst«.

Ebenfalls interessant ist Apicellas Einschätzung zur Bereitschaft der Tausenden Saisonarbeiter*innen, sich dem Streik anzuschließen. Aktuell tun sie das nicht und spielen aufgrund ihres befristeten Vertragsstatus sowie häufig fehlender Deutschkenntnisse keine Rolle in der gewerkschaftlichen Streikplanung. Die Autorin sieht darin einen schweren Fehler: »Meine Ergebnisse zeigen jedoch, dass Saisonarbeitskräfte bei Amazon dennoch vertrauensvoll gegenüber den Gewerkschaften eingestellt sind und sehr wohl in den gewerkschaftlichen Arbeitskampf eingebunden werden könnten.« Es fehle lediglich die gewerkschaftliche Ansprache.

Apicellas Buch ist dabei kein Plädoyer für einen gewerkschaftlichen Voluntarismus. Dafür sind einige Diagnosen zu düster: So seien gerade unter jungen Beschäftigten neoliberale Orientierungsmuster, die ein solidarisches füreinander eintreten ausschließen, weit verbreitet.

Auch wenn einige Forschungsbefunde zu Widerspruch einladen; sie sind immer empirisch unterfüttert und damit ernst zu nehmen. Nicht zuletzt dies macht »Das Prinzip Amazon« zu einer Pflichtlektüre sowohl für Streikende, Verdi-Hauptamtliche sowie die Vielzahl an Unterstützer*innen.

Sabrina Apicella: Das Prinzip Amazon. Über den Wandel der Verkaufsarbeit und Streiks im transnationalen Versandhandel. VSA Hamburg, 240 Seiten, 16,80 Euro.

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