Werbung
  • Kultur
  • Netflix-Serie "On the Verge"

Metropolenschicksale

July Delpys Serie »On the Verge« porträtiert eine urbane Mittelschicht mit all ihren sozialen Abstiegsängsten

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.
Vier Frauen am Rande des Wahnsinns
Vier Frauen am Rande des Wahnsinns

Serien über Frauen, die älter werden, mit Arbeitsstress, einer nervigen Ehe oder Beziehungsfrust und den sozialen Abgründen des Lebens in Vor- oder Großstadt konfrontiert werden, bilden mittlerweile schon ein eigenes, überaus erfolgreiches Genre von »Sex and the City« bis »Desperate Housewives«. Wobei sich die Mischung dieser Erfolgsserien meist zusammensetzt aus heteronormativer Romantik, moderater Sozialkritik (wenn überhaupt) und simplem Pop-Feminismus, der bloß nicht zu politisch werden darf. Dass es auch ganz anders geht, zeigt July Delpys grandios geschriebene und ungemein kurzweilig inszenierte Netflix-Serie »On the Verge«, in der es um vier Frauen in Los Angeles in ihren Vierzigern geht.

Im Zentrum steht Justine gespielt von July Delpy. Justine ist eine aus der Bretagne stammende Gourmetköchin, die ein erfolgreiches Restaurant in Los Angeles betreibt und in einer absurd festgefahrenen, auf Konfliktvermeidung ausgelegten Beziehung mit ihrem Ehemann Martin (Mathieu Demy) steckt, einem arbeitslosen Architekten, der sich für genial hält, aber eigentlich ein kleiner, stets beleidigter Idiot ist.

Wie ihre drei Freundinnen, mit denen sie ihre Freizeit verbringt, soweit der stressige Tagesablauf zwischen Restaurantküche, Familie und ihrer Autorentätigkeit für ein Lifestyle-Kochbuch das überhaupt zulässt, hat sie ein Teenager-Kind, das fortwährend schlaue Fragen stellt. Ihre Freundinnen kämpfen ebenfalls mit ihrem Alltag zwischen Beziehung, Job und aufreibender Care-Arbeit, wobei nicht nur die Teenager-Söhne, sondern auch die zumeist vor sich hin leidenden Ehemänner viel Aufmerksamkeit benötigen.

Die regelmäßig bekiffte Anne (Elisabeth Shue) ist Modedesignerin, lebt aber vom Geld ihrer autoritären rassistischen Mutter und wird gerade von ihrem latent homophoben Mann auf Zeit verlassen. Yasmin (Sarah Jones), aus dem Iran eingewandert, verheiratet mit einem Programmierer, wird fortwährend mit alltagsrassistischen Stereotypen konfrontiert, scheitert vor allem wegen ihres Alters bei dem Versuch, sich einen Job zu suchen, und schreibt nebenher an ihrer liegen gebliebenen Doktorarbeit weiter. Und die alleinerziehende, ziemlich chaotische Ell (Alexia Landeau), die dauernd pleite ist und ihren Kreditrahmen maximal überzieht, versucht sich und ihre drei Kinder in einer Youtube-Reality-Show als Kardashian 2.0 in Szene zu setzen, um irgendwie an Geld zu kommen.

Das Geniale an »On the Verge« ist neben flotten Dialogen und großartigen Schauspielern die Fähigkeit July Delpys, das soziale Mit- und Gegeneinander ihrer Figuren im Alltag wundervoll eskalieren zu lassen. Ein wenig erinnert die Situationskomik an die besten Momente in Woody Allens Filmen. Egal ob es ein Abendessen unter Freunden ist, bei dem der stets eifersüchtige Ehemann Justines im Beisein aller anderen pikante Details aus der Vergangenheit seiner Frau erfährt, oder ob Ell in völliger Realitätsferne überzeugt vom schauspielerischen Talent ihres jüngsten Sohnes mit ihm zu einem Casting für Werbespots geht: Die Serie fängt diese Augenblicke auf ebenso pointierte wie lebendige Weise ein, ohne sich – trotz der mitunter beißenden Ironie – über die Charaktere auf sarkastische Art lustig zu machen oder sie zu beschädigen. Das ist hohe Kunst und im Genre der Komödie leider viel zu selten anzutreffen.

Dabei wird in »On the Verge« eine urbane Mittelschicht mit alle ihren sozialen Abstiegsängsten und dem Horror vor zu viel Gleichförmigkeit porträtiert. Der Stadtraum von Los Angeles mit in den blauen Himmel wachsenden riesigen Palmen wird als Ressort dieser sich abstrampelnden Middle Class und jenseits der üblichen Stereotype von Beverly Hills, Sunset Boulevard und vom Filmgeschäft inszeniert.

Wobei July Delpy ihr herrlich durchgeknalltes Panoptikum kalifornischer Metropolenschicksale dann sogar noch um einen geheimdienstlichen Nebenstrang erweitert, der sich aber perfekt in den ironischen Irrsinn dieser ineinandergeknüpften Familiengeschichten einfügt.

Am Ende der zwölf halbstündigen Episoden verändert sich so einiges im Leben der vier Frauen, sodass klar wird, der Titel »On the Verge« (dt. »Am Rande«) bezieht sich nicht nur auf das Älterwerden, sondern auch auf die Bereitschaft der vier, etwas in ihrem Alltag radikal zu ändern, Kompromisse nicht mehr hinzunehmen und alles neu zu bestimmen.

Dass dann genau in der Schlussszene per Radiomeldung vom Ausbruch der Corona-Pandemie in den USA berichtet wird, die übrigens Dreharbeiten und Erscheinungstermin der Serie empfindlich nach hinten verschoben hat, lässt erahnen, dass die anstehenden Veränderungen noch viel komplizierter werden dürften. Ob davon irgendwann eine zweite Staffel erzählen wird, bleibt abzuwarten, wäre aber absolut wünschenswert.

»On the Verge« auf Netflix

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung