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  • Brandenburg
  • Gedenken an Opfer der Konzentrationslager

Der letzte Wulkower

Der 96-jährige Überlebende Hanuš Hron berichtet auf einer antifaschistischen Wanderung von seiner Lagerzeit

  • Von Martin Kröger, Wulkow
  • Lesedauer: 5 Min.

Der knallrote Rollator bleibt auf der Landstraße stehen. »Nein, nein«, sagt Hanuš Hron. Der 96-jährige Überlebende aus dem tschechischen Karlovy Vary will an diesem Samstag ohne das Hilfsmittel in den nahe gelegenen Wald gehen, in dem einst das faschistische Arbeitslager Wulkow lag, ein Außenlager des Ghettos Theresienstadt. Beiderseits der Landstraße zwischen Wulkow und Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) hatten die Nationalsozialisten 1944 mehrere Lager errichtet; neben dem genannten gab es noch zwei weitere Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Hron wurde als 19-Jähriger im März 1944 aus Theresienstadt in Viehwagen der Reichsbahn verfrachtet und kam nach Wulkow. Er hatte sich »freiwillig« gemeldet, weil ihm die SS versprochen hatte, das seine Verwandten in Theresienstadt am Leben bleiben und nicht in die Todeslager im Osten Polens deportiert würden. »Diese Transporte waren lebensgefährlich«, betont Hron. De facto befanden sich die Angehörigen damit in Geiselhaft der SS.

Gemeinsam mit bis zu 260 Jüdinnen und Juden aus Tschechien und Deutschland musste der Schlosser Hron Gebäude für die SS errichten. »Wir haben Baracken mit Zentralheizung und Warmwasser gebaut, sie sollten irgendeinem hohen Amt dienen«, sagt Hron, der mittlerweile auf seinem Rollator auf dem Waldweg sitzt. Die Nazis wollten an dieser Stelle Ausweichquartiere für das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) errichten, auch die Wehrmacht und die NSDAP bauten nahebei Gebäude. Als Bauleiter für das RSHA soll Adolf Eichmann persönlich eingesetzt gewesen sein; laut Häftlingsberichten besuchte er häufiger die Baustelle. Der Hintergrund für die Verlegung der Verwaltungen in diese Gegend, rund eine Autostunde von der damaligen »Reichshauptstadt« entfernt, war, dass die Alliierten mit ihren Bombenangriffen die Nazis zur Flucht aus Berlin zwangen.

Im Wald bei Wulkow sieht man heute noch die überwucherten Betonfundamente. Ein Stückchen weiter im Gehölz liegt eine große, lang gezogene Grube, die von Bewohnerinnen und Bewohnern des sehr nahe gelegenen Dorfes Wulkow das »Judenloch« genannt wurde. Heutzutage werden dort Gartenabfälle entsorgt. Hron und die anderen Häftlinge mussten eine Zeit lang in einfachen Behausungen auf dem Grund dieser Sandgrube schlafen, sie wurden dabei von zwei SS-Männern mit einem Maschinengewehr bewacht.

Dass der 96-jährige Überlebende die strapaziöse Reise aus Tschechien auf sich nimmt, um nach Wulkow zurückzukehren, ist dem Kreisverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Märkisch-Oderland zu verdanken. Ein Arbeitskreis der VVN-BdA und eine Historikerin haben sich auf die Spurensuche des Außenlagers begeben. Bereits in den 90er Jahren hatten Schülerinnen und Schüler aus Strausberg ein Projekt zu Wulkow durchgeführt. Dabei entstanden unter anderem eine Gedenktafel, die zurzeit restauriert wird, und ein Gedenkstein am Ortsausgang von Wulkow. An diese ersten lokalgeschichtlichen Forschungen knüpft der »AK Wulkow« nun an.

»Unser Ziel ist es, eine digitale Gedenkstätte zu errichten«, sagt Nils Weigt von der VVN-BdA Märkisch-Oderland. Bisher entstanden aus den Recherchen unter anderem eine Broschüre mit Kurzbiografien unter dem Titel »Scherben der Erinnerung«. Im Zuge der Forschungen kam auch der Kontakt zu Hron in Karlovy Vary zustande. Der Überlebende wollte unbedingt selber bei einer antifaschistischen Wanderung mit rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern dabei sein, die am Samstag in den Wald bei Wulkow führte, im Anschluss setzte er sich auch noch auf ein Podium des Campus Schloss Trebnitz, um vor rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörern zwei Stunden über seine entbehrungsreiche Zeit im Außenlager zu berichten.

Hron erzählt, wie er als Installateur, der auch für die Toiletten zuständig war, in den Nazi-Baracken Zigarettenstummel auflas, die er dann gegen Brotstücke tauschen konnte. Persönliche Rachegelüste hegt der Überlebende indes nicht. Er sieht sich selber als »Glückskind«. »Alles war reine Glückssache, eine Sache des Zufalls, der eine hat überlebt, der andere nicht«, sagt Hron. Ihn treibt bis heute um, dass ein brutaler jüdischer Kapo aus Wulkow nach dem Krieg in Prag bei einem Schauprozess zum Tode verurteilt wurde, während der SS-Lagerleiter Franz Stuschka, dem vorgeworfen wurde, 20 Menschen in Wulkow ermordet zu haben, in der Nachkriegszeit in Österreich mit einer Haftstrafe von sieben Jahren davonkam, von denen er nur dreieinhalb absitzen musste.

Auf Nachfrage kann sich Hron an die sadistischen Zustände in Wulkow erinnern. »Im Winter wurden Leute mit Wasser übergossen und in den frostigen Nächten stehen gelassen«, sagt Hron. »Dafür hat Stuschka die Befehle gegeben.« Außerdem habe der SS-Obersturmführer die Gefangenen mit einer Fahrradkette ins Gesicht geschlagen.

Obwohl das Lager »nur« ein Jahr, von März 1944 bis Februar 1945, bestand, weil dann die sowjetische Armee über die rund 20 Kilometer entfernte Oder in Kienitz vorrückte, hat es die Insassen, die sich seitdem »Wulkower« nannten, ein Leben lang zusammengeschweißt. Nach der Befreiung bildeten sich zwei Hauptgruppen von Überlebenden, in Tschechien und in den Vereinigten Staaten, wohin die deutschen Jüdinnen und Juden emigrierten. Beide Gruppen standen in Kontakt und tauschten sich aus, auch über die Verfolgung der Täter.

Hron war sogar der »Chairman«, also der Vorsitzende, der tschechischen Gruppe. »Einmal im Leben hatte ich eine wichtige Stellung«, scherzt er gegenüber den Zuhörerinnen und Zuhörern bei der Veranstaltung im Schloss Trebnitz. »Ich wollte mich vorstellen als der letzte Wulkower, ich habe aber keine Beweise dafür. Doch ich bin wohl einer der letzten.« Die einst zweimal jährlich stattfindenden Treffen der Überlebenden in Tschechien hat der 96-Jährige bereits vor Längerem einstellen müssen, weil außer zwei Witwen von »Wulkowern« niemand mehr da war.

Dass möglicherweise künftig ein virtueller Gedenkort im Internet an das Leid und Überleben im KZ-Außenlager Wulkow erinnern könnte, sieht Hron ganz unsentimental. »Hier sind fünf Menschen ums Leben gekommen, wenn ich das mit Auschwitz vergleiche ...«, bricht er ab. Kurz vorher hat er schelmisch schmunzelnd in Richtung der alten Fundamente im Wald gewiesen: »In meiner Fantasie stelle ich mir vor, dass in der Mitte des Platzes dort eine Statue von mir errichtet wird, sie muss übermenschliche Maße haben!«

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