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Literaturkritikerin in der Kritik

Bei Markus Lanz durften weiße Menschen wieder einmal über Rassismus sprechen. Diesmal: Elke Heidenreich.

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 4 Min.
Elke Heidenreich: Kennt sich mit Büchern aus, aber sicher nicht mit Rassismus
Elke Heidenreich: Kennt sich mit Büchern aus, aber sicher nicht mit Rassismus

Häufig gilt immer noch die Annahme, dass »Intellektuelle« und gebildete Menschen schon allein durch ihr quasi umfassendes Wissen frei von Rassismus seien. Dem ist nicht so. »Lesen schützt vorm Denken nicht«, twitterte Erik Marquardt, der für die Grünen im Europäischen Parlament sitzt, Mitte dieser Woche. Am Ende seines Tweets setzte er den Hashtag #ElkeHeidenreich. Unter diesem ist seit Mittwoch zu lesen, was die Literaturkritikerin am Abend zuvor bei »Markus Lanz« zu sagen hatte - und was daran problematisch ist.

Themen der Sendung im ZDF waren die Zukunft der CDU, Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz und Aussagen der Vorsitzenden der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich. Anfangs fast schon progressiv fragend, warum sich die CDU nicht von der CSU und dem »ruchlosen« und »intriganten« Markus Söder trenne, zeigte sich Heidenreich gegen Ende der Sendung zunehmend rückwärtsgewandt: Sarah Lee Heinrich habe »überhaupt keine Sprache«, sagte die Autorin. Ihr Aussage erklärte Heidenreich damit, dass die junge Grüne Teil einer Generation sei, die nicht lese und deswegen unfähig sei, mit Worten umzugehen. Dass man auch woanders als in Büchern lesen kann, muss man der 78-jährigen Schriftstellerin vielleicht nochmal sagen. Auch die Ignoranz gegenüber einer Generation, die im Kontext von Klimaprotesten besonders sprachgewandt auftritt, mag man Heidenreich noch durchgehen lassen. Was folgte hingegen nicht:

Wenn ein Mensch aussehe wie Sarah-Lee Heinrich - also nicht weiß -, frage sie natürlich: »Wo kommst du her?«, und zwar nicht, um sie zu diskriminieren, so Heidenreich. »Sondern weil ich sofort sehe, die kommt nicht aus Wanne-Eickel oder Wuppertal, sondern die hat Eltern, die von woanders kommen.« Heidenreich halte das nicht für eine diskriminierende Frage.

Damit wirkte eine deutsche Talkshow wieder einmal »wie Archivmaterial aus den 80ern«, wie die Journalistin und Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen, Ferda Ataman, bei Twitter kommentierte. »Es ist beschämend, wie #ElkeHeidenreich hier bei #Lanz urteilt. Es ist sexistisch und rassistisch und zeugt von Ignoranz und mangelnder Ahnung von moderner Kommunikation, zudem ist es empathie- und respektlos. Frau Heidenreich - so viel gelesen und so wenig verstanden«, twitterte auch die Kulturjournalistin Karla Paul.

Denn: Deutschland ist ein Einwanderungsland, wir befinden uns im 21. Jahrhundert, und da kann man eben nicht an der Hautfarbe eines Menschen erkennen, wo dieser herkommt. Vielmehr ist das völkisch-rassistisches Denken. Ganz nebenbei ist auf die Frage, wo man herkommt, die richtige Antwort sowieso nie das Geburtsland der Eltern. Das war ja nicht die Frage. »Wo kommst du her?« ist für viele Schwarze Menschen und People of Color (BPoC) in Deutschland Alltagsrassismus, den eine weiße Frau ohne Rassismuserfahrung ihnen auch nicht absprechen kann. Heidenreich tut es dennoch.

Während Jürgen Trittin dagegen wie ein »woker, fresher Zeitgenosse« wirkte, so Ataman, sprang Kai Wegner, Landesvorsitzender der CDU Berlin, auf den Zug auf und warf Heinrich gleich noch eine Spaltung der Gesellschaft vor, weil sie diese einmal »eklige weiße Mehrheitsgesellschaft« genannt hatte. Wo die Spaltung tatsächlich herkommt, zeigen hingegen Heidenreichs weitere Worte: »Ich finde das wunderbar, dass wir so viele Menschen aus anderen Ländern hier haben«, erklärte sie. Als würden BPoC niemals aus Deutschland, sondern immer aus anderen Ländern kommen. Als wären sie niemals »wir«, sondern immer »die Anderen«.

Heidenreich hält die Frage nach der Herkunft für positive Neugier, und genau darin liegt ein in unserer Gesellschaft tief verwurzeltes Problem: Der Alltagsrassismus, den so viele BPoC erleben, wird als solcher nicht einmal erkannt. Er ist vielleicht nicht beabsichtigt, wird aber gleichzeitig geleugnet. Nicht selten mit der Bemerkung, man könne heutzutage ja kaum noch etwas sagen.

Diese Leute, die sich rassistisch äußern, dies aber nicht erkennen wollen, ziehen oft wochenlang durchs Fernsehen, wo sie ausführlich erklären, dass man sie zum Schweigen bringe. Eine Entwicklung, die die Autorin Jasmina Kuhnke, die auf Twitter unter dem Namen Quattromilf kommentiert, im Fall Heidenreichs auch prognostiziert: »Freue mich auf die nächsten Wochen, in denen ElkeHeidenreich durch die Talkshows tingelt und Interviews dazu gibt, dass sie so gecancelt wurde, dass ihr neues literarisches Unwerk auf Bestsellerlisten Platz 1 ist und sie auch sonst einfach nichts mehr sagen darf! Mark my words!«

In jedem Fall ist es auffällig, dass deutsche Talkshows immer wieder Raum für solche »Das ist doch nicht rassistisch«-Debatten bieten. Man erinnere nur an »Die letzte Instanz«, in der fünf weiße Menschen über die »Z-Sauce« sprachen und debattierten, ob das Wort tatsächlich diskriminierend sei. Steckt dahinter vielleicht sogar Kalkül? Rassismus als Quotenmacher? Hoffentlich nicht.

In allerletzter Instanz - Sheila Mysorekar fragt sich angesichts der WDR-Talkshow »In letzter Instanz«, was Medienhäuser eigentlich unter Meinungsvielfalt verstehen.

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