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Als selbst Pazifist Einstein zu den Waffen rief

Gernot Jochheim über Antimilitarismus und Gewaltfreiheit in der jüngeren Vergangenheit

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 4 Min.

Schon jetzt kann man von einem Standardwerk zum Thema Gewaltfreiheit und Antimilitarismus sprechen, das der Historiker und Pädagoge Gernot Jochheim vorgelegt hat. Bereits in seiner Dissertation an der Freien Universität Berlin 1977 hatte er sich mit der antimilitaristischen Bewegung in den Niederlanden in den Jahren 1890 bis 1940 beschäftigt. Daraus erwuchs dieses Buch, das Wolfram Beyer in seinem Vorwort zu Recht lobt. Es verwundert jedoch, dass er zugleich kritisiert, Antimilitarismus sei bis dato in der Geschichtsschreibung zu stark mit Karl Liebknecht und Wladimir I. Lenin verbunden worden. Jochheim geht es hingegen nicht um die Fortführung des alten Streits zwischen Kommunismus und Anarchismus.

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Gernot Jochheim: Antimilitarismus und Gewaltfreiheit. Die niederländische Diskussion in der internationalen anarchistischen und sozialistischen Bewegung 1890-1940.
Verlag Graswurzelrevolution, 356 S., br., 26 €.

In diesem Buch werden sehr differenziert die Auseinandersetzungen um Antimilitarismus und Gewaltfreiheit in der niederländischen Gesellschaft betrachtet. Der Autor geht dezidiert auf die sehr unterschiedlichen Zugänge zum Antimilitarismus ein. Dieser speiste sich in den Niederlanden aus christlichen, anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen Wurzeln, die Jochheim sachkundig vorstellt. Auch religiöse Motive, aus denen sich Menschen dem Pazifismus verschrieben haben, werden gewürdigt. Jochheim ist ein Verfechter der Theorien des gewaltfreien Anarchismus. Er stellt dennoch auch Positionen vor, mit denen er nicht übereinstimmt, weist gar auf Stärken in deren Argumenten hin. Andererseits spart er nicht mit Kritik an anarchistischen Pazifist*innen, deren Ansichten allzu abgehoben von den realen gesellschaftlichen Bedingungen sind.

Zu Beginn seiner Arbeit begründet der Autor, warum er sich mit den antimilitaristischen Debatten in den Niederlanden befasst: »Am Beispiel des international maßgeblichen niederländischen Antimilitarismus und einer spezifischen theoretischen Ausrichtung in der holländischen marxistischen Schule lässt sich nachweisen, dass, bevor Gandhi in den Gesichtskreis der europäischen Öffentlichkeit trat, bemerkenswerte Beiträge zu einer gewaltfreien Theoriebildung im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Konflikten geleistet wurden.«

Jochheim spannt einen großen historischen Bogen, blickt zurück auf die christliche Ketzerbewegung des Mittelalters, um zu begründen, warum sich in den Niederlanden auch in Teilen des Bürgertums und der Kirchen eine rege Debatte um Gewaltfreiheit entwickelt hat. Der Aufklärer Erasmus von Rotterdam prägte die Epoche des holländischen Handelskapitalismus des 16. und 17. Jahrhunderts, das heute auch als frühkapitalistisches Wirtschaftswunder bezeichnet wird. Hier sieht Jochheim wichtige philosophische Wurzeln für das Entstehen eines bürgerlichen Pazifismus in den Niederlanden.

Besondere Verdienste hat sich Jochheim aber vor allem mit der Wiederentdeckung von Henriette Roland Holst erworben. Sie war Mitbegründerin der Kommunistischen Partei der Niederlande und Teilnehmerin der III. Konferenz der Kommunistischen Internationale 1921 in Moskau. Auch nach ihrem Austritt aus der Kommunistischen Partei 1927 blieb sie Sozialistin und widmete sich verstärkt antimilitaristischer Theorie und Praxis. Dabei fand Henriette Holst Bündnispartner*innen bei linken Christ*innen ebenso wie in der bürgerlichen Jugendbewegung, die sich in den 30er Jahren zunehmend mit Fragen des Sozialismus beschäftigte.

Henriette Holst war von den Lehren des indischen Befreiungskämpfers Mahatma Gandhi fasziniert, was sie im antifaschistischen Widerstand gegen die deutschen Aggressoren und Okkupanten zu nutzen wusste. Während der NS-Besetzung der Niederlande hatte sie Kontakte zur linkssozialistischen Gruppe Funken, die unter andrem verfolgte Jüdinnen und Juden mit Mitteln des gewaltlosen Widerstands unterstützte. »Müssen die Juden ein Unterscheidungsmerkmal tragen, dann machen wir aus diesem Zeichen auf Mauern und Zäunen und auch sonst überall ein Symbol der freien Niederlande«, hieß es in einem Aufruf der Gruppe 1941.

Leider ist das Kapitel über den gewaltfreien Widerstand gegen die NS-Okkupanten sehr knapp gehalten. Dazu hätte man gern mehr gelesen. Aufschlussreich die Beschreibung von Jochheim, wie mit dem Erstarken von Nationalsozialismus und Faschismus die Bewegung für eine pazifistische Verteidigung, die die Abschaffung des Militärs propagierte, an Zuspruch verlor. Selbst Albert Einstein, ein langjähriger Verbündeter der Militärgegner, plädierte jetzt für eine Bewaffnung gegen die Bedrohung durch Nazideutschland. Jochheim liefert auch interessante Einblicke in die Debatten um die bewaffnete Verteidigung der spanischen Revolution gegen den Franco-Faschismus. Viele der von ihm aufgeworfenen Fragen sind noch heute aktuell. Ein lesenswertes Buch.

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