Werbung

Kein sicherer Ort

DER KHAN-REPORT: Was hat die Frankfurter Buchmesse aus den Provokationen von Rechten gelernt?

  • Von Ayesha Khan
  • Lesedauer: 4 Min.

Es gibt Menschen, bei denen der Lerneffekt nach Fehlern, Katastrophen oder in bestimmten Situationen sehr hoch ist. Wer schon einmal in eine gefährliche Situation geraten ist oder an einem gefährlichen Ort war, an dem es zu einem Überall oder Angriff kam oder hätte kommen können, wird diesen Ort höchstwahrscheinlich in Zukunft meiden.

Ein Beispiel: Anfang der 2000er war ich einmal im Osten von Berlin, ich war 17 oder 18. Damals haben wir manchmal Schule geschwänzt, um für einen Tag nach Berlin oder in den Heide-Park zu fahren. Ich war also in Berlin, nicht das erste Mal, aber das erste Mal bewusst in Ostberlin. Ich laufe durch die Straßen, suche die Wohnung einer Freundin und erblicke eine kleine Gruppe von jungen Männern. Textbook-Nazis: Springerstiefel, Glatzen und Bomberjacken. Als wären sie einer Reportage über Rechtsextremismus der 90er entsprungen.

Die 90er waren vielleicht vorbei, der NSU hatte aber schon seine Anschlagsserie begonnen. Zu Hause, in Hamburg, war zu der Zeit Ronald Schill zweiter Bürgermeister und Innensenator. Seine rechtspopulistische Partei Rechtsstaatlicher Offensive war 2001 mit knapp 20 Prozent drittstärkste Partei bei den Bürgerschaftswahlen. Das Thema Rechtsradikalismus und (Neo-)Nazis war omnipräsent. Ich stehe also in Berlin, wenige Meter vor dieser Gruppe, und in meinem Kopf laufen alle möglichen Filme ab. Ich bleibe stehen, krame in meiner Tasche und mache sofort kehrt. Ohne mich umzudrehen, laufe ich zurück zur Bahnstation und sage mir: Nie wieder Ostberlin. Und das hat bis heute angehalten.

Es ist nämlich so: Es gibt Orte, an denen niemand kontrollieren kann, wer sich dort aufhält. Öffentliche Plätze, bestimmte Stadtteile oder halt Ostdeutschland (sorry, not sorry). An diesen Orten falle ich auf, bin anders sichtbar und dadurch eventuell gefährdet. Was mache ich also? Ich gehe nicht mehr hin, denn ich muss mich selbst schützen.
Andere Orte, Plätze und Räume könnten aber, wenn die Verantwortlichen es wollten, sicherer für uns sein. Zum Beispiel Schulen, der Arbeitsplatz oder auch die Frankfurter Buchmesse. Diese findet dieses Jahr wieder live statt. Auch wieder live dabei: (neu)rechte, identitäre, rassistische, antisemitische, neofaschistische, esoterische und evangelikale Verlage und Organisationen.

Man sollte meinen, dass die Frankfurter Buchmesse vom Eklat und den Ausschreitungen von 2017 gelernt hätte. Damals wurde der Stand des Antaios-Verlags von Götz Kubitschek und Ellen Kositza direkt neben linken Verlagen und NGOs platziert. Es kam, wie es kommen musste: Provokationen von Identitären und Rechten bis hin zu körperlichen Übergriffen. Seitdem ist vielen Besucher*innen der Messe bewusst: Sie ist kein sicherer Ort für uns.

Und was sagt die Frankfurter Buchmesse? Sie bedauerte die Vorfälle von 2017 natürlich und veröffentlich seitdem regelmäßig Statements zum Thema Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt. 2021 platziert sie den neofaschistischen Verlag Jungeuropa direkt und sehr prominent in Halle 3.1. Was die Betreiber*innen des Verlags natürlich sehr erfreut, denn das bedeutet »keine Sackgasse, sondern mittendrin!« und »keine räumliche Isolation« so Philip Stein. Der rechtsradikale Burschenschaftler betreibt den Verlag und den Podcasts »Von rechts gelesen«.

Nun stehen »wir direkt neben den großen Bühnen des ZDF«: So können mitten auf der Buchmesse, die ein internationales Publikum anzieht, rechtsradikale Verlage ihre rechten, rassistischen und antisemitischen Publikationen bewerben, sich mit anderen Rechten vernetzen und austauschen und andere gefährden.

Die Frankfurter Buchmesse ist die Hausherrin. Ich frage jetzt, was hat sie aus 2017 gelernt? Anscheinend nichts. Sonst würde sie sich nicht immer noch hinter Floskeln wie »Meinungsfreiheit« verstecken. Rassismus und Antisemitismus sind keine Meinung, liebe Frankfurter Buchmesse. Und wie es aussieht, eure Messe kein sicherer Ort für uns, denn solange sich rechte Akteur*innen frei und sicher fühlen können, ihnen sogar eine Bühne geboten wird, ihre Propaganda normalisiert wird, solange leben wir in Angst.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung