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Ein Dreh der Nachkriegszeit

Die Zeitgeschichte als Kriminalstück

  • Lesedauer: 10 Min.

Planten ab 1946 die Alliierten tatsächlich gemeinsam mit ehemaligen Nazigrößen, Deutschland künftig regieren zu können? Wurden Politik, Verwaltung und Justiz tatsächlich durch die »Operation Omgus« so strukturiert, dass Deutschland nichts anderes als eine Kolonie der Alliierten ist? Gibt es ein von ehemaligen Nazis erstelltes Handbuch, anhand dessen Politik, Verwaltung und Justiz gelenkt werden, und wurden tatsächlich Bundestagswahlen manipuliert? Enders, pensionierter Ermittler der Frankfurter Mordkommission und sein Freund Thomas Bruch wollen eigentlich nur die Umstände des mutmaßlichen Selbstmords eines ehemaligen Mitarbeiters des Bundesinnenministeriums aufklären. Bei ihren Recherchen geraten sie in den Blick eines Geheimdienstes, der alles unternimmt, um die »Operation Omgus« vor allzu neugierigen Blicken zu schützen.

Michael Menzel greift einen populären Topos der Film- und Literaturproduktion des 20. Jahrhunderts auf, der hier auf die reale Geschichte der amerikanischen Militärverwaltungsbehörde und deren gewandelten Auftrag Bezug nimmt, anstelle einer entnazifizierten Verwaltung einen Frontstaat gegen den Kommunismus aufzubauen.

Er war nicht wirklich eitel, aber einen kurzen Blick in den Spiegel musste er immer werfen, bevor er seine Mandanten in sein Sprechzimmer holte. Irgendwie war es eine Marotte geworden, nachzuschauen, ob Scheitel und Krawatte richtig lagen. Er war zufrieden mit dem, was er im Spiegel sah: Er war 50 Jahre alt, hatte aber noch immer volles schwarzes Haar. Nicht gefärbt, wie seine Freunde immer wieder mutmaßten. Er hatte ein bisschen Bauch, aber nicht zu viel, und seine Falten hielten sich in Grenzen. Für einen Rechtsanwalt in seinem Alter hatte er sich körperlich noch ganz gut gehalten. Er öffnete die Tür seines Büros und ging der im Wartezimmer sitzenden Dame mit einem Lächeln entgegen. »Frau Müller, nehme ich an?« Ohne auf die Antwort zu warten, streckte er ihr seine Hand entgegen, während sich die Dame erhob. »Mein herzliches Beileid zum Verlust Ihres Gatten, Frau Müller.«

Er wusste natürlich durch seine Sekretärin, wer sie war und was der Anlass für ihren Besuch in seiner Kanzlei war. Er war davon überzeugt, dass ein guter Anwalt wissen musste, wen er warum vor sich sitzen hatte, und zwar noch, bevor das eigentliche Gespräch begann. Eine gute Vorbereitung ist alles, hatte schon sein Vater, der auch Anwalt gewesen war, immer gesagt. Seine Sekretärin war deshalb von ihm angewiesen worden, nie einen Termin zu vergeben, ohne nach dem Grund des Termins zu fragen. Sie nickte kurz. Daraufhin schloss er, dass seine Informationen richtig waren.

»Ich bin Rechtsanwalt Michael Schalei, kommen Sie doch bitte mit in mein Büro.«

Mit einer Geste wies er ihr den freien Platz vor seinem Schreibtisch zu. Noch während er sich setzte, räusperte sich Frau Müller und sagte: »Mein vollständiger Name ist Valerie Müller und wie Sie richtig festgestellt haben, ist mein Mann kürzlich verstorben. Jetzt habe ich Schwierigkeiten mit der Lebensversicherung meines Mannes und benötige Ihre Hilfe.«

»Wie sind Sie auf mich gekommen?«, wollte Schalei wissen.

»Sie wurden mir von meiner Versicherung empfohlen«, erwiderte Frau Müller. »Was für sich gesehen eigentlich ein Grund gewesen wäre, sich einen anderen Anwalt zu suchen. Aber nachdem mir versichert wurde, dass man Sie nur als Anwalt auf der Gegenseite kennen würde, habe ich mich entschieden, mir bei Ihnen einen Termin zu holen.«

Schalei fühlte sich geschmeichelt durch diese Empfehlung, hatte er doch viele Jahre gebraucht, um sich im Versicherungsrecht einen Namen zu machen. Leider kamen aber die Versicherungsgesellschaften nicht als Mandanten zu ihm, sein Büro sei dazu zu klein, hatte ihm ein Vorstandsvorsitzender einer großen Versicherung anlässlich einer Tagung vor einigen Jahren gesagt. »Dann sehe ich Sie also künftig immer auf der anderen Seite«, hatte er dem Vorstandsvorsitzenden der Versicherung entgegnet. Seit dieser Zeit hatte er sich auf die Kunden dieser Versicherungsgesellschaften spezialisiert, was auch finanziell recht lukrativ war.

»Darf ich fragen, um welche Versicherung es sich handelt?«

»Ja natürlich dürfen Sie, es dreht sich bei meinem Anliegen um die Lebens-Life-Versicherung. Mein Mann hatte dort eine Risikolebensversicherung abgeschlossen, vor ungefähr zwei Jahren. Sie müssen wissen, wir sind gerade dabei, ich meine, wir waren dabei, ein Haus in Frankfurt Westend...«

»Ein teures Pflaster«, warf Schalei ein.

»...zu bauen.«, vollendete Frau Müller ihren Satz. »Und hat man Ihnen gesagt, warum man die Versicherungsprämie nicht auszahlen möchte?«

»Ja, die Versicherung meint, im Fall eines Selbstmordes bestünde keine Zahlungsverpflichtung.«, äußerte sich Frau Müller.

Schalei lehnte sich zurück. »Arme Frau«, ging ihm durch den Kopf, »vermutlich Schulden bis über beide Ohren, verursacht durch den Bau des Hauses. Und der Mann nimmt sich zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt das Leben.«

»Und Sie möchten nun wissen, ob die Versicherung Ihnen hier etwas Falsches gesagt hat?«

»Ja, denn von Ihrem Rat hängt für mich und unsere Kinder, ich meine die Kinder meines verstorbenen Mannes, sehr viel ab. Mein Mann hat immer sehr großen Wert darauf gelegt, dass ich und die Kinder abgesichert sind. Er hat immer gesagt, dass er Vorsorge getroffen hat, selbst wenn ihm mal etwas passieren sollte. Für mich und die Kinder wäre gesorgt, so oder so. Ich kann mir daher beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Versicherung im Recht ist.«

Sie hielt Schalei einen Vertrag hin. Schalei blätterte ihn durch - er wusste, wo er suchen musste. »Frau Müller, wie es aussieht, hat ihr Mann, wenn es denn wirklich Selbstmord gewesen ist, die Klausel in § 27 Ihres Vertrages übersehen oder nicht im Blick gehabt. Hier steht, ich darf es Ihnen kurz vorlesen: Der Versicherungsschutz entfällt, wenn der Versicherungsnehmer innerhalb der ersten drei Jahre nach der ersten Prämienzahlung vorsätzlich Selbstmord begeht.« Schalei machte eine kurze Pause, um die Worte bei seiner Mandantin ankommen zu lassen.

»Diese Klausel in Ihrem Lebensversicherungsvertrag gibt im Wesentlichen nur den Gesetzestext in § 161 des Versicherungsvertragsgesetzes wieder. Dass sie unwirksam wäre, kann ich daher nicht erkennen.«

Schalei lehnte sich zurück, er wusste, dass die Antwort für die vor ihm sitzende Frau eine herbe Enttäuschung sein musste. Nicht nur, dass ihr Mann sich aus welchen Gründen auch immer das Leben genommen hatte. Nein, er hatte es auch noch gebrochen, sein Versprechen, für sie und die Kinder für alle Fälle Vorsorge zu treffen.

»Gibt es keine Ausnahmen?«, fragte Frau Müller.

»Ausnahmen, nein, eigentlich nicht.«

»Eigentlich? Was meinen Sie damit, Herr Schalei?«

Schalei wusste, dass er keine Hoffnungen wecken sollte, wenn nicht zumindest der Funke einer Chance bestand, der Frau zu helfen.

»Frau Müller, hier steht das Wort vorsätzlich. Vorsatz bedeutet Wissen und Wollen.«

»Was meinen Sie damit?«

»Steht der Selbstmord Ihres Mannes denn amtlich fest?«, fragte Schalei. »Wissen Sie, ob er tatsächlich sterben wollte, also im Sinne der Versicherung sterben wollte?«

Frau Müller runzelte die Stirn, sie machte einen leicht verwirrten Eindruck. »Herr Schalei, wie stellt man so etwas fest? Ich meine, woher soll ich denn wissen, ob er sterben wollte, ich war ja schließlich nicht dabei. Aber wenn Sie wissen wollen, ob es irgendwelche Anzeichen dafür gab, dass er Selbstmord begehen würde, wenn das Ihre Frage war, dann kann ich die mit einem klaren Nein beantworten. Solche Anzeichen gab es nicht im Geringsten. Wir waren eine glückliche Familie, jedenfalls habe ich das so empfunden.« Sie nahm ihr Taschentuch und wischte eine Träne aus ihrem linken Augenwinkel. Schalei war die Situation unangenehm, er wollte gerne helfen. Aber er fragte sich, ob er das konnte.

»Wie haben Sie es erfahren?«

»Was erfahren?«

»Das Ihr Mann tot ist und er Selbstmord begangen haben soll, wer hat Ihnen diese Botschaft überbracht?«

»Vor genau zwei Wochen standen zwei Männer in Uniform vor meiner Haustür und fragten mich, ob Sie in die Wohnung kommen dürften. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, was passiert war, aber die Situation kannte ich aus dem Fernsehen: Zwei Polizisten in Uniform überbringen dir jetzt die Botschaft, dass dein Mann beim Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, ging mir spontan durch den Kopf. Nachdem ich dann am Tisch Platz genommen hatte, erklärte der ältere von beiden mir, im Übrigen sehr freundlich und mitfühlend, dass mein Mann von dem Hochhaus, in dem er arbeitete, gestürzt wäre, man ginge von Selbstmord aus.«

»Klingt dem ersten Anschein nach nach einem Tod, den Ihr Mann gewollt hat.« Schalei sah ihren traurigen Blick und versuchte sich sofort zu korrigieren: »...also Ihr Mann gewollt haben könnte. Schließlich wird er gewusst haben, dass er diesen Sprung nicht überleben kann.«

Er empfand sich bei diesen Worten, irgendwie taktlos dem Toten gegenüber, aber er war Anwalt und man erwartete von ihm klare Worte.

»Sprung? Woher wissen Sie, dass er gesprungen ist, Herr Schalei?«

»Sagten Sie nicht gerade, er sei vom Hochhaus gestürzt? Ein solcher Sturz ist äußerst selten ein Versehen, eher nie. Was haben die beiden Beamten Ihnen denn zum Hergang des, sagen wir Unglücks, erklärt?«

»Die beiden waren wohl nicht die Beamten vor Ort. Es war nur ihre Aufgabe, mir schonend zu erklären, was passiert sein soll. Sie meinten, dass ihnen ihre Kollegen nur mitgeteilt hätten, dass die Tür zum Dach unerlaubter Weise offen gestanden hätte und mein Mann diesen Umstand dazu nutzte, sich vom Dach zu stürzen.«

»In jedem Fall ein ungewöhnlicher Tod«, merkte Schalei an.

»Ja, ungewöhnlich, erst recht für meinen Mann. Er hatte große Höhenangst und normalerweise ist er nicht einmal auf eine Leiter gestiegen. Dass er von einem Dach gesprungen sein soll, ist für mich völlig undenkbar. Herr Schalei, mein Mann war ein fröhlicher, gesunder Mann, er liebte mich und seine Kinder, er war nicht krank und wir haben zusammen ein Haus gebaut, in das wir im nächsten Monat einziehen wollten. Warum in aller Welt sollte er sich, wie haben Sie es ausgedrückt, mit Wissen und Wollen, das Leben nehmen?«

Schalei war einen Augenblick still. Er überlegte. Das war ungewöhnlich, ja, aber nichts von dem, was er bislang gehört hatte, sprach für etwas anderes als einen Selbstmord. Er würde Frau Müller sagen müssen, dass er nichts für sie tun konnte.

»Eine Frage hätte ich noch, Frau Müller. Wo hat Ihr Mann gearbeitet, wo ist er gestürzt?«

»Mein Mann hat in einer besonderen Abteilung im Bundesinnenministerium gearbeitet, in welcher ganz genau, kann Ich ihnen nicht sagen. Er hat es nie erzählt.«

10.07.2019, 12.00 Uhr mittags, Frankfurt am Main

Wie gewöhnlich saß er um diese Zeit auf seiner Parkbank, direkt am Main, um die Ruhe und bei dieser Jahreszeit die Sonne genießen zu können. Er liebte es, auf der Bank zu sitzen, die Augen zu schließen und leicht wegzunicken, während sein Unterbewusstsein die Geräusche des Mains und der Stadt filterte und die Sonne sein Gesicht wärmte.

Er hatte es sich verdient? die Ruhe und die Möglichkeit, einfach nichts zu tun, oder besser, nur das zu tun, was ihm Freude bereitete. Nach sechsunddreißig Jahren im Polizeidienst war Enders es müde geworden, im Frankfurter Bahnhofsviertel Tötungsdelikte aufzuklären. Viele Jahre hatte ihm sein Dienst Spaß gemacht, er hatte das Gefühl gehabt, etwas Sinnvolles zu tun, der Gesellschaft zu helfen, indem er Tötungsdelikte aufklärte. Nicht alles daran war schön gewesen, und die Routine, vor allem die Protokolle, hatten ihn manchmal um den Verstand gebracht. Aber nie hatte er daran gedacht aufzuhören. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er seine Arbeit bis zur Rente durchgezogen.

Es hatte sich jedoch alles für ihn geändert, als für das Bahnhofsviertel eine eigene Sonderkommission gegründet wurde. Von da an hatte er es nur noch mit Drogentoten oder Morden an Zuhältern oder Freiern zu tun bekommen, eine Szene, die ihn anwiderte. Der Schmutz einer ganzen Gesellschaft in einem Viertel einquartiert und er mittendrin. Nach zwei Jahren hatte er darum gebeten, in den Innendienst versetzt zu werden. Seine Vorgesetzten waren darüber gar nicht erfreut gewesen und hatten versucht, das zu verhindern. Schließlich war es ihm aber mithilfe der Polizeigewerkschaft doch gelungen, seine Versetzung durchzusetzen. Die letzten drei Jahre hatte er schließlich in der IT-Abteilung verbracht, die er für die Frankfurter Polizei aufbauen sollte. Obwohl er vorher nie etwas mit Computern zu tun gehabt hatte, hatte ihm diese Aufgabe gefallen, zumindest eine Zeit lang.

Michael Menzel
Schattenmächte. Operation Omgus
THK-Verlag
280 S., geb., 14,90 €

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